06.06. Schneechaoskönige

Wahrer Kampf gegen den Winter auf Sommerreifen
Heute ist wieder mal so ein Tag. Es schneit in Christchurch - und kurz danach ist fast die ganze Stadt außer Betrieb. Kindergärten und Schulen schicken die Kinder nach Hause oder machen erst gar nicht auf, ebenso die Universität und die meisten Gerichte. Büros schließen nach der Mittagspause. Die Busverkehrsbetriebe stellen ihren Service ein. Air New Zealand hebt nicht mehr ab. Der Fernseher hat keinen Empfang, vermutlich weil der Schnee den Sensor an der Satellitenschüssel stört.
 
Zusätzlich machten die Re:Start-Container-Mall und das Einkaufszentrum The Palms dicht. In einigen Stadtteilen und Außenbezirken fiel der Strom aus. Im Warehouse - das ist ein Billigheimer-Kaufhaus - waren Gummistiefel ausverkauft.
 
Alle Jahre wieder: Nichts geht mehr. Vom großen Rest der Südinsel ganz zu schweigen. Dazu später mehr.
 
Wir haben hier in Neuseeland keine Winterreifen, das ist das ganze Problem. Für viele Menschen ist das kein Problem, weil sie mit ihren Sommerreifen auch auf Schnee gleich schnell fahren wie auf trockener Fahrbahn. Abstand halten auch die meisten keinen, drängen in diese und jene Lücke, so als hätten sie von Bremsweg noch nie etwas gehört. Da ist es zu Hause in der Tat am sichersten - sofern man noch nach Hause kommt, wenn man mit dem Bus unterwegs war und plötzlich keiner mehr fährt. Um 11 Uhr parkten alle Busse am Straßenrand, wie bei einem Streik.
 
Hier in Lyttelton schneit es wie verrückt, aber es ist ist Pappschnee, der zumindest auf den Straßen nicht liegen bleibt. Hier ist's aufgrund der geschützten Lage in einer von Bergen umgebenen Bucht im Winter immer ein paar Grad wärmer als in Christchurch. In den ersten Jahren, die ich hier lebte, sah ich das Schneechaos in Christchurch meistens nur im Fernsehen. Länger als 20 Minuten blieb hier kein Schnee liegen.
 
Das war so bis zum vergangenen Jahr, als wir im Juli und August auch auf unserer Seite der Port Hills zweimal so viel Schnee hatten, dass ich meine Langlaufski auspacken und auf ihnen durch den Ort stapfen konnte. Und wenn's in Lyttelton schneit, herrscht in Christchurch Chaos pur, denn, wie gesagt, dort ist es im Winter kälter und die Schneemengen sind ungleich größer. (Als ich dieses Foto in Lyttelton machte, lag der Schnee in Christchurch schon fünf bis zehn Zentimeter hoch.)
 
Ich kann es jedes Jahr zitieren: Bevor ich hierher zog, sagte John, mein Mann, in Christchurch schneie es nur alle zehn Jahre. Dies hier ist nun mein achter Winter am anderen Ende der Welt - und es hat jedes Jahr mehr oder weniger heftig geschneit, manchmal sogar mehrmals, so wie im vergangenen Jahr! Es ist so kalt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr im Juni. Klar, der viel zitierte Klimawandel...
 
Trotzig fuhr ich am Morgen ins Fitnessstudio nach Christchurch, als in Lyttelton die ersten Schneeflocken durch die Luft tanzten. Am anderen Ende des 2,2 Kilometer langen Tunnels fuhr ich durch dichtes Schneegestöber. Das Fitnessstudio war wie ausgestorben, aber immerhin waren außer mir zwei unverdrossene Damen da, so dass unser Gruppentraining durchgezogen wurde. So war der Trip wenigstens nicht vergebens.
 
Die Rückfahrt bis in die Garage war bis zur letzten Sekunde spannend, nachdem ich die unsinnigen Aktionen der Drängler und Lückenspringer unversehrt überstanden hatte. Die ansteigende Strecke zurück zum Tunnel wurde dadurch erleichtert, dass das Straßenräumfahrzeug vor mir herfuhr, und in Lyttelton waren die Straßen mehr mit Matsch als Schnee bedeckt.
 
Am Ende geht's bei uns nach einer Haarnadelkurve jedoch ziemlich steil bergauf. Da merkte ich schon, dass die Reifenhaftung nicht optimal war. Und dann die Garageneinfahrt steil bergab, das war sogar ein Nervenkitzel, denn die Ziegelstein-Unterlage ist selbst bei Regen rutschig, und unter der dünnen Schneedecke lag direkt vor der Garage ziemlich viel Laub, so dass ich mit dem Sommerreifen leicht ins Rutschen kam. So war ich tatsächlich froh, als ich sicher zu Hause war...
 
Natürlich hatte ich als erstes gleich Mitleid mit den Vögeln, die unter dem Schnee die vielen Beeren an den Bäumen und Büschen nicht fanden. Sie hüpften in der Birke von Ast zu Ast und kontrollierten die zerpickten Weintrauben in den Reben. Und ich hatte nichts für sie zu Hause... So zerhäckselte ich in der Küchenmaschine altes Brot (für die Enten...), das ich ins Futterhäuschen füllte.
 
Schneefall ist hier um einiges exotischer als in Deutschland, denn die meiste Vegetation ist immergrün. Bei mir blühen noch immer Rosen, Geranien, Kamelien, der Ananas-Salbei, und die jetzt unter der Last des Schnees zusammengebrochene Physalis (Kapstachelbeere) trägt bzw. trug noch hunderte Früchte. Dattelpalmen und Yucca-Palmen tragen dicke weiße Hauben. So wirkt dieser Schneefall wie ein Wintereinbruch mitten im Sommer.
 
Ist's aber natürlich nicht, denn wir haben Winter. Bloß ist der Winter hier an der Küste meistens nicht wirklich winterlich, wenn man Deutschland als Vergleich nimmt.
 
Besonders schlimm ist der Wintereinbruch für die vielen Leute, die seit den Erdbeben in Garagen, Wohnwagen, Containern, Zelten, Autos und zugigen, zerbrochenen Häusern wohnen. Man kann es sich nicht wirklich vorstellen, unter welchen Dritte-Welt-Bedingungen manche Menschen ihr Dasein fristen müssen - und viele nur deshalb, weil die Bürokraten und Versicherungen mit einer Schikane nach der anderen aufwarten.
 
Abgesehen von diesen bedauernswerten Leuten hat der Winter andernorts weitaus heftiger zugeschlagen als in Christchurch, wo - wie schon gesagt - so gut wie nichts mehr geht. Hanmer Springs ist von der Außenwelt abgeschnitten, der Lewis Pass (westlich von Hanmer Springs) war schon am frühen Morgen gesperrt, es folgten Porter's Pass, Arthur's Pass sowie der Highway zwischen Fairlie und Twizel (das ist die Strecke zum Lake Tekapo und Mt. Cook National Park).
 
Dort, wo es auf der Südinsel nicht schneit, ist es zu schweren Überflutungen gekommen, besonders an der Westküste und deren Hinterland. Häuser mussten evakuiert werden. Am schlimmsten hat es Murchison getroffen.
 
Die gute Nachricht für uns am frühen Abend: Der Fernseher funktioniert wieder. So können wir das Schneechaos nachher aus unserem warmen Wohnzimmer betrachten.
 

 
 
www.stuff.co.nz, die Website der Fairfax-Medien, wunderte sich, warum sich so viele Leute auf der Südinsel nackt oder in Badeklamotten in den Schnee werfen:
 
 
Eisblumen...
 

Ulmer Impressionen in Lyttelton.

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