07.08. Vulkanausbruch

Mt Tongariro: 115-jährige Jahre Ruhe endet mit einem gewaltigen Ascheregen
TURANGI. An einem Sommersonnentag ist die Farbenpracht des Tongariro-Nationalparks berauschend. Die Seen der Hochebene im Zentrum der Nordinsel Neuseelands schimmern in allen Blau- und Grüntönen, von ultramarin bis helltürkis. Purpurne Bergflanken, gelb beschichtete Felsen, goldene Büschelgrasfelder, ockerfarbene und rostrote Geröllfelder sind in die kahle Vulkanlandschaft gekleckst, als belebender Kontrast zu den erstarrten schwarzen Lavaströmen, Schlacke und Asche.
 
Der 17 Kilometer lange Tongariro Crossing Track führt durch diese Zauberwelt am Fuße der drei Bergriesen Ruapehu (2797 Meter), Ngauruhoe (2287 Meter) und Tongariro (1967 Meter), die majestätisch südlich des Taupo-Sees thronen. Die Tagestour ist Magie pur.
 
Derzeit sind wenig Wanderer unterwegs, denn es ist Winter am anderen Ende der Welt. Die Leute fahren lieber Ski am Mount Ruapehu, der die Neuseeländer schon oft mit seinen Launen erschreckt und fasziniert hat, mit Schlammlawinen und Vulkanausbrüchen, zuletzt im September 2007.
 
Ein Glück, dass jetzt nicht Sommer ist, sonst hätte es Tote und Verletzte gegeben, als der Mount Tongariro seinen 115 Jahre währenden Schlaf beendete. Kurz vor Mitternacht in der Nacht von Montag auf Dienstag (Ortszeit) explodierte der Vulkan und schleuderte Felsbrocken auf die Ketetahi-Hütte, die direkt an der berühmten Route steht.
 
Die Geschosse durchschlugen das Dach und zerstörten Etagenbetten. Die Hütte war leer. Es gibt keine Berichte von Verletzten oder Vermissten. Ein kleines Wunder.
 
Augenzeugen sahen gelbe Feuerblitze in der Dunkelheit und dicke Aschewolken, die bis zu sieben Kilometer hoch in den Himmel flogen und dann wie feiner Sand auf die Nordosthälfte der Nordinsel niederregneten. Selbst der 200 Kilometer entfernte Art-Déco-Ort Napier war mit einer grauen Dreckschicht überzogen: Häuser, Autos, Boote, Bäume, Blumen, Wäsche, Spielzeug, Tiere – alles, was sich im Freien befand.
 
Der Flugverkehr in die 1931 von einem Erdbeben zerstörte Stadt an der Hawke’s Bay wurde bis auf weiteres eingestellt. Auch Flüge von und zu anderen Flughäfen fielen aus. Die beiden Hauptverkehrsstraßen rund um den Tongariro-Nationalpark wurden im Lauf des Tages wieder geöffnet. Die Skilifte am Mount Ruapehu sind in Betrieb.
 
Da tief hängende Regenwolken die Sicht einschränkten, war es zunächst schwierig festzustellen, welcher Krater des zipfeligen Mount Tongariro Gestein und Asche gespuckt hatte. Später gaben die Wissenschaftler des Nationalen Instituts für Geologie- und Nuklearwissenschaften (GNS) bekannt, es handle sich um den Teil des zuletzt 1897 aktiven Vulkans, der für hydrothermale Eruptionen sorgt. Sprich: Der Tongariro stößt stinkenden Schwefeldampf aus, keine Lavafontänen. Dazu käme es bei einem magmatischen Ausbruch.
 
Am Nachmittag verzog sich die Aschewolke weiter Richtung Osten, der Berg hörte auf zu grollen, so dass das Ministerium für Zivil- und Katastrophenschutz meldete, die Gefahr sei vorbei. Das Naturschauspiel könne jedoch „noch Tage oder Wochen, aber auch Monate oder gar Jahrzehnte dauern“, sagte GNS-Vulkanologe Michael Rosenberg. „Da der Tongariro so lange ruhig war, wissen wir nicht, was als nächstes passieren könnte.“
 
Die Wissenschaftler wurden – wie schon 2007 vom Ausbruch des Ruapehu – völlig überrascht. Zwar hatten sie im vergangenen Monat zahlreiche Erdbeben registriert, die auf vulkanische Aktivität schließen ließen, aber diese Erschütterungen flauten wieder ab. „Und dann“, so Rosenberg, „macht es Bumm wie aus dem Nichts.“
 
Einen Zusammenhang mit den Eruptionen der Vulkaninsel White Island in der Bay of Plenty schlossen die GNS-Weisen aus. Das Eiland liegt aber wie die beiden Hauptinseln Neuseelands über die Schnittstelle der Pazifischen und der Australasischen Platte und damit auf dem Pazifischen Feuerring, auf dem die meisten der 600 aktiven Vulkane weltweit aufgereiht sind. Die Vulkane der Südinsel Neuseelands sind allesamt erloschen.
 
Der Tongariro-Nationalpark ist Teil der rund 50 Kilometer breiten Taupo-Vulkanzone, die vom Mount Ruapehu im Südwesten bis zu dem 250 Kilometer entfernten Whakatane-Unterseevulkan im Nordosten verläuft.
 
Der Tongariro und der bildschöne, 2500 Jahre junge Kegel des einst hyperaktiven Ngauruhoe, der zuletzt 1975 ausbrach, sind genau genommen nur zwei von mindestens zwölf Schloten eines einzigen massiven Vulkans! Der riesige Taupo-See ist die mit Wasser gefüllte Caldera eines schlummernden Vulkans, der erneut ausbrechen kann und wird. Bloß wann, weiß niemand.
 
Seine Aktivität begann vor 300.000 Jahren. Die Caldera entstand vor 26.500 Jahren. Dabei wurde das Zentrum der Nordinsel fast vollständig unter einer 200 Meter dicken Asche- und Bimsschicht begraben. Der letzte bedeutende Ausbruch fand im Jahr 181 statt.
 
Das ist so genau bekannt, weil die Asche den Himmel über Rom und China rot färbte und Historiker diesen Fakt dokumentierten. Die Eruption gilt als verheerendste der letzten 5000 Jahre weltweit. Insofern gesehen war der jetzige Ausbruch des Mount Tongariro nur ein kleiner Rülpser. Falls überhaupt.
 
 
Update 18. August 2012:
Die Warnstufe für den Mt Tongariro wurde von zwei auf eins reduziert, weil seit einigen Tagen keine vulkanische Aktivität mehr registriert wurde.
 
Link zu Fotos von dem Vulkanausbruch:
 
Vulkan-Informationen:
 
Link zu meiner Reportage über den Tongariro Crossing Track:
 
 
 
 
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