10.05. Baumkiller im Anflug

Der Guavenrost aus Übersee löst Panik aus
Wenn ein Flugzeug aus Übersee in Neuseeland landet, ist die vierbeinige Naturschutz-Brigade einsatzbereit. Schlappohrige Beagles warten aufgeregt darauf, in ihre grünen Arbeitsmäntelchen zu schlüpfen und ihren Schnüffeldienst an den Gepäckbändern anzutreten. 

Ihren empfindlichen Nasen entgeht nichts, weder der vergessene Apfel im Touristenrucksack noch die geschmuggelten Tulpenzwiebeln, Blumensamen und getrockneten Fleischsnacks im Koffer. Sie sind darauf getrimmt, alle pflanzlichen und tierischen Produkte aufzuspüren, die Ungeziefer, Pilze und Bakterien enthalten und Neuseelands Ökosystem sowie die Landwirtschaft und Primärindustrie gefährden könnten. 

Auch im Hauptpostamt in Auckland rasen Beagles über die Förderbänder, um verbotene Inhalte aus dem Verkehr zu ziehen, bevor der Exportwirtschaft Millionenverluste entstehen.

Gegen die neueste Bedrohung sind die Vierbeiner jedoch machtlos, denn der in anderen Ländern unausrottbare Guavenrost (Puccinia psidii, auch: Austropuccinia psidii und Uredo ranglii), der Myrtengewächse (Myrtaceae) befällt und vernichtet, wurde höchstwahrscheinlich vom Wind aus Übersee angeweht. 

Bedrohung für Pohutukawa, Rata, Manuka und Kanuka

Das ist für ein Land, dessen Flora aufgrund der isolierten Lage im Südpazifik zu 80 Prozent endemisch ist, also nur hier vorkommt, ein schwerer Schlag. Erst recht, weil zahlreiche einzigartige Baumarten und Büsche betroffen sind, die als Symbole für das Land der Kiwis stehen, allen voran die rotblühenden Riesen Pohutukawa (Metrosideros excelsa), Neuseelands Weihnachtsbaum, der um eben jene Zeit – Sommer am anderen Ende der Welt – die Küsten des Nordens mit einem scharlachroten Band säumt, und der verwandte Nord- und Südinsel-Rata (Metrosideros robusta und M. umbellata).

Aber auch Manuka (Leptospermum scoparium; Südseemyrte) und Kanuka (Kunzea ericoides; Baum-Manuka) sind betroffen, und das löst sowohl bei Imkern als auch bei der Regierung blankes Entsetzen aus. Der Export von Manuka-Honig trägt rund 250 Millionen NZ-Dollar (158 Millionen Euro) zum Bruttoinlandsprodukt bei und soll bis 2028 rund 1,2 Milliarden NZ-Dollar (760 Millionen Euro) einbringen. 

Weitere Arten, die in Plantagen von dem Rostpilz befallen werden, sind die exotischen Spezies Feijoa, Eukalyptus und Guave – daher auch der Name Guavenrost. In der Heimat der Guaven, Brasilien, setzten die höchst mobilen Sporen des Schaderregers zu ihrem Vernichtungsflug an. Wobei die Wege nicht wirklich bekannt sind, da sie auch an Kleidung, Schuhen, Fahrzeugen, Werkzeugen, Vögeln und Insekten haftend verbreitet werden können.

Das Pflanzenpathogen taucht zuerst auf Raoul Island auf

Auf neuseeländischem Gebiet wurde das Pflanzenpathogen erstmals im April entdeckt, und zwar an einigen Pohutukawas auf der Kermadec-Insel Raoul Island, die mehr rund 1100 Kilometer nordöstlich des Festlandes liegt. Jetzt im Mai tauchte der Rostpilz, dessen Sporen, meistens an den Blattunterseiten, gelbe Pusteln bilden, in einer Gärtnerei in Kerikeri im Norden der Nordinsel auf. 

Die derzeitigen spätherbstlichen Temperaturen (15 bis 23 Grad) und die hohe Luftfeuchtigkeit gelten als ideale Bedingungen für die Keimung und Verbreitung des Parasiten, der Verletzungen an jungen Blättern, Trieben, Knospen und Früchten verursacht. 

Entlaubung, Kümmerwuchs und Absterben der Pflanzen sind die Folgen. Die Gärtnerei in Kerikeri wurde umgehend geschlossen und abgeriegelt, die Wege der Pflanzen verfolgt, um weitere Infektionen zu verhindern. 

In Australien wütet der Guavenrost schon seit April 2010

Im Nachbarland Australien wütet der Guavenrost schon seit April 2010 und hat mittlerweile die gesamte Ostküste von Queensland über New South Wales bis Victoria befallen. 2015 wurde der Pilz auch im Northern Territory und im tiefen Süden auf der Insel Tasmanien entdeckt. 

Die Ende 2010 gegründete nationale Management-Gruppe zur Ausrottung des Schädlings hat mittlerweile kapituliert und versucht nur noch, den Schaden zu minimieren. In Australien sind rund 40 Pflanzenarten gefährdet, darunter der mit dem Manuka verwandete Teebaum (Melaleuca alternifolia), der eine riesiege Industrie füttert, denn aus seinen Blättern werden wertvolle ätherische Öle produziert und zu Heil- und Pflegeprodukten weiterverarbeitet. 

Auch der Eukalyptus mit seinen mehr als 600 Sorten und insgesamt 80 Prozent von Australiens Pflanzenwelt sind Myrtengewächse, auf die zahlreiche einheimische Tiere als Nahrungsquelle angewiesen sind. Man denke nur an Flughunde, Loris, Honigfresser und Koalas, die ohnehin schon unter der Urbanisierung der Landschaft leiden.

Verbreitung auch in Neukaledonien, Südamerika, Japan und den USA

Auch westlich von Australien, in Neukaledonien, ist der Pilz verbreitet, ebenso in zahlreichen Ländern Südamerikas, einigen Bundesstaaten der USA (Florida, Kalifornien, Hawaii) und in Japan. Europa, wo Myrten lediglich im Mittelmeerraum heimisch sind, hat der Pilz noch nicht erreicht.

INFO
Mit der Entdeckung des Guavenrosts wurden in Neuseeland Erinnerungen an den Ausbruch der großen Kiwi-Krise wach, die 2010 begann und bis heute andauert. Dabei wurden durch die Rebenkrankheit PSA (Pseudomonas syringae pv. Actinidiae) tausende Plantagen vor allem der gelben Kiwi (Goldkiwi) vernichtet. 90 Prozent der Plantagen sind von PSA betroffen. 

Als Ursache für den Pflanzenkrebs wurde die künstliche Bestäubung durch Pollen unsicherer Herkunft vermutet. Dieser war 18 Monate vor der Entdeckung der ersten Symptome vermutlich aus China eingeführt worden.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



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