02/03 Cricket-WM

Der Traum von einem Sommermärchen
Die Cricket-Weltmeisterschaft, die vom 14. Februar bis 29. März in Australien und Neuseeland stattfand, war eine tolle Veranstaltung - und eine Gelegenheit, meinen deutschen Lesern diese englisch-exotische Sportart nahezubringen. 

VORSCHAU

Die Liebe, die Leiden schafft

CHRISTCHURCH. Es ist ein hübscher Zufall, dass am Valentinstag die Cricket-Weltmeisterschaft beginnt. So wie der Tag der Liebe zu einer großen Geschäftemacherei ausgeartet ist, hat sich auch die englischste aller Sportarten im Spitzenbereich vom noblen Spiel zu einer von Machtkämpfen, Geld und Korruption bestimmten und bedrohten Maschinerie entwickelt. 

Aber es ist wie in der Liebe: Ohne die urtümliche Leidenschaft für das eine, die pure Form von Gefühl oder Sport, gäbe es das andere, die unerwünschten Begleiterscheinungen, nicht.

Wie in der Liebe neigen auch im Cricket die verklärten Hauptdarsteller gelegentlich zur Übertreibung. Zum Beispiel, wenn sie von der globalen Bedeutung ihres Sports sprechen und vor dem Eröffnungsspiel am Samstag [14. Februar] zwischen Co-Gastgeber Neuseeland und Sri Lanka in Christchurch schwärmen, die Augen der ganzen Welt seien auf die wiedergeborene Erdbebenstadt in Neuseeland gerichtet, die im erweiterten Hagley Oval erstmals seit den Naturkatastrophen von 2010 und 2011 wieder ein sportliches Großereignis mit ausrichtet. 

Batsmen, Bowlers und Fielders

Auch wenn Batsmen (Schlagmänner), Bowlers (Werfer) und Fielders (Feldspieler) sechs Wochen lang Bälle werfen, schlagen und fangen, über den Rasen rennen und durch die Luft fliegen, so kämpfen doch lediglich 14 Mannschaften in 14 Städten in Australien und Neuseeland zum elften Mal um den Titel. 

Viel mehr Nationen wären auf akzeptablem Niveau auch nicht zusammenzubekommen - trotz des Entwicklungsprogramms des Weltverbandes ICC, der das Ziel verfolgt, Cricket vor allem in Asien, Afrika und den USA populärer zu machen. 

Bei dieser WM, die im Ein-Tages-Format mit zwei Mal 50 Overs (ein Over besteht aus sechs Würfen, also 300 Würfe für jedes Team) ausgetragen wird, genügen praktisch drei gute Spiele, um Weltmeister zu werden. 

Der Vorrunden-Modus mit zwei Siebener-Gruppen sorgt dafür, dass kein Favorit auf der Strecke bleibt, denn jeweils die ersten Vier qualifizieren sich fürs Viertelfinale, in dem es dann im K.o.-Modus weitergeht. Das Endspiel wird am 29. März im legendären Melbourne Cricket Ground (MCG) ausgetragen. 

Topfavorit Australien

Weltranglisten-Platz, Statistik und aktuelle Form weisen Australien, dessen Fußballer gerade eben die Asien-Meisterschaft gewonnen haben, als aussichtsreichsten Titelkandidaten aus. Die Mannschaft hat sich von dem Schock über den Tod ihres Teamkollegen Phil Hughes, der nach einem Kopftreffer in einem Ländervergleichsspiel im vergangenen November nicht mehr aufwachte, erholt und zuletzt brillant aufgetrumpft. Nach Kantersiegen über England strotzen die „Aussies“ vor Selbstbewusstsein. 

Sollten die Männer um Kapitän Michael Clarke triumphieren, wäre der Erfolg zu Ehren des toten Kameraden. Die Geschichte spricht allerdings gegen den vierfachen Weltmeister. Als Australien und Neuseeland 1992 schon einmal gemeinsam WM-Gastgeber waren, überlebte das Team (anderer Modus) nicht einmal die Vorrunde.

Die „Black Caps“, so der Spitzname der neuseeländischen Cricket-Nationalmannschaft, trumpften damals hingegen groß auf und versetzten die Nation in ein wahres Cricket-Fieber. Cricket ist der nationale Sommersport, Rugby gilt als Wintersport! Sie schieden jedoch im Halbfinale aus, weil sich ihr Kapitän Martin Crowe, der beste Spieler des Turniers, verletzte und tatenlos mitansehen musste, wie der spätere Titelträger Pakistan sie noch überflügelte. 

Beeindruckende 2015-Ausgabe der Black Caps

Die 92er-Mannschaft stand und fiel mit dem als Cricket-Gott gefeierten Crowe, der heute mit 52 Jahren schwer krebskrank ist und es schon als Erfolg betrachtet, dass er diese WM überhaupt noch erleben darf. Die 2015-Ausgabe der Black Caps besticht durch eine beeindruckend breite Spitze mit drei überragenden Schlägern (Batsmen) und ebenso vielen überdurchschnittlichen Werfern (Bowler). 

Aber Kapitän Brendon McCullum, ein kleiner, unablässig Kaugummi kauender Batsman mit unwiderstehlicher Liebe zum Risiko und phänomenalem Schlagrepertoire, warnt: „Dieses WM-Turnier ist das offenste seit langem. Acht Mannschaften haben das Zeug, den Titel zu gewinnen.“

Neben Australien und Neuseeland, das noch nie in einem Endspiel stand, wird Südafrika am höchsten gehandelt. Indien, Nummer zwei der Weltrangliste, hat wie die West Indies (karibische Inseln), Pakistan, Sri Lanka und England nur Außenseiter-Chancen. 

Zum einen, weil die Weltrangliste die Resultate der vergangenen vier Jahre wiederspiegelt, zum anderen, weil sich die Inder auf den großen Spielfeldern in Australien und Neuseeland traditionell schwertun. Die übrigen sechs Teams kommen aus Bangladesch, Afghanistan, Schottland, Irland, Simbabwe und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Wie wird man mit dem Druck im eigenen Land fertig?

Der 33-jährige McCullum hat an seine Teamkollegen appelliert, sich von der Erwartungshaltung der Fans im eigenen Land nicht einschüchtern zu lassen. „Die Chance, eine WM zu Hause zu spielen, hat man nicht oft“, sagt er. „Egal, was passiert, ich denke, wir sind in der Lage, mit jeder Situation fertig zu werden.“ 

Er hat angeregt, dass Richie McCaw, der Kapitän der All Blacks, so der Spitz- und Markenname der Rugby-Nationalmannschaft, und der eine oder andere Spieler im Lauf der nächsten Wochen doch mal bei den Blacks Caps vorbeischauen und erzählen könnte, wie die All Blacks 2011 bei der WM im eigenen Land mit dem Druck fertig- und Weltmeister wurden.

Alles andere als der Titelgewinn wäre im rugby-verrückten Land der Kiwis mit allgemeiner Staatstrauer beantwortet worden. Sprich: Die All Blacks müssen, die Black Caps dürfen gewinnen. Es wäre ein Sommermärchen, bevor es im September/Oktober bei der Rugby-WM in England sportlich wieder todernst wird. So viel zu Liebe und Leidenschaft.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)