Vor dem Finale

Der Höhepunkt einer sportlichen Feindschaft 
CHRISTCHURCH/SYDNEY. Die sportliche Feindschaft, die Australien und Neuseeland traditionell und leidenschaftlich pflegen, erreicht am Sonntag (4.30 Uhr MEZ) in Melbourne ihren Höhepunkt. Dann nämlich treffen die beiden Nachbarländer im Finale der Cricket-Weltmeisterschaft aufeinander. 

Nachdem die Neuseeländer bereits am Dienstag den Halbfinal-Thriller gegen Südafrika mit dem vorletzten Ball für sich entschieden hatten, triumphierten die Australier gestern im zweiten Vorschlussrundenspiel in Sydney auf eindrucksvolle Art und Weise gegen Indien.

Für den Titelverteidiger war die Partie bereits nach 46.5 der 50 Overs (1 Over = 6 Würfe) und 233 Punkten vorbei, als der zehnte Schlagmann ausschied. 

Aber eigentlich war die WM schon einige Minuten vorher gelaufen, als der Wicket (die drei Stäbe hinter der Schlaglinie) fiel, bevor Top-Schlagmann MS Dhoni (65 Punkte) die Schlaglinie überqueren konnte und als siebter Inder vom Platz musste. 

Der Rest war Formsache für die Australier, die das erste Schlagrecht gewählt und 328 Runs (bei sieben Wickets) vorgelegt hatten. Überragender Akteur war Schlagmann Steve Smith mit 105 Punkten aus 93 Würfen. 

Der Prestigeerfolg ist nichts mehr wert

In der Vorrunde haben Neuseelands Black Caps die „Aussies“ in einem Krimi mit außergewöhnlich niedriger Punkteausbeute geschlagen. Vor vier Wochen waren bereits nach 151 Punkten und 32.2 Overs alle australischen Schlagleute ausgeschieden, und Neuseeland stand bei der Aufholjagd schon nach 23.1 Overs am Rande des Abgrunds, rettete sich aber mit einem „Überlebenden“ ins Ziel. 

Doch dieser Prestigeerfolg ist am Sonntag nichts mehr wert. Die Favoritenrolle geht eindeutig an die selbstbewussten und verbal aggressiven Männer aus dem Land der Kängurus.

Australien war schon vier Mal Weltmeister, ist die Nummer eins der Weltrangliste und hat im Melbourne Cricket Ground (MCG), der 100.000 Zuschauer fasst, einen massiven Heimvorteil. Ein Fakt, den Steve Smith dem Rivalen direkt nach der überzeugenden Partie gegen Indien unter die Nase rieb: „Es ist schön, sie zu unseren Bedingungen im MCG vorgesetzt zu bekommen. Ich hoffe, wir können eine tolle Show abliefern.“

Die Black Caps, die als einzige Mannschaft bei dieser Weltmeisterschaft ungeschlagen sind, konnten bislang nämlich sämtliche Partien in ihrer Heimat austragen und auf der Welle der Begeisterung reiten, die sie mit ihren leidenschaftlichen und mitreißenden Auftritten selbst ausgelöst haben und die ganz Neuseeland erfasst hat. 

Ein furchterregender Hexenkessel namens MCG

Sie haben zum ersten Mal ein WM-Halbfinale überlebt und das Endspiel erreicht. Kaum einer ihrer Profis hat jemals in einem furchterregenden Hexenkessel wie dem MCG, dem heiligen Cricket-Rasen Australiens, vor einem fanatischen Publikum gespielt. 

Der 36-jährige Daniel Vettori, der seine Karriere mit dem Finale beendet, hatte vor sechs Jahren zuletzt die Ehre. „Der WM-Titel wäre der perfekte Abschied für ihn“, sagt Kapitän Brendon McCallum, der mit seiner aggressiven Taktik und der eigenen risikoreichen Spielweise seiner Mannschaft den Glauben gegeben hat, dass das Unmögliche möglich ist.

Jetzt oder nie, ist das Motto, denn solch eine Truppe wie diese, die viele Experten als goldene Generation und beste neuseeländische Mannschaft aller Zeiten bezeichnen, wird es so schnell nicht wieder geben. Auch deshalb träumt die ganze Nation, dass die Männer aus dem Land der flugunfähigen Kiwis am Sonntag in den siebten Cricket-Himmel fliegen.


(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Text vom 26. März 2015
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