Wettmafia und Korruption

Die Gentlemen bitten zur Kasse
CHRISTCHURCH. Obwohl ein Sicherheitsbeamter Wache stand, gelang es einem Einbrecher schon vor dem Eröffnungsspiel der Cricket-Weltmeisterschaft am Samstag [14. Februar] in Australien und Neuseeland, aus dem Akkreditierungszentrum in Christchurch fünf Laptops zu entwenden. Dennoch ist die Polizei zuversichtlich, dass sie auf sämtliche Risiken, die dieses sechswöchige Großereignis mit sich bringt, adäquat vorbereitet ist. 

Der Fokus ist längst nicht nur auf religiöse Fanatiker und politische Extremisten gerichtet, sondern auch auf schöne Frauen, die sich den WM-Profis an den Hals werfen. Sie könnten nämlich Sexfallen sein, mit deren Hilfe windige Buchmacher die Akteure nötigen, Spiele zu manipulieren. Das ist in diesem vermeintlichen Gentlemen-Spiel, in dem man den kleinen Ball schon mal unfreiwillig verfehlt oder fallen lässt, so einfach wie in kaum einer anderen Sportart. 

In den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren wurden Dutzende Spieler wegen ihrer Verstrickung in Wettbetrugsaffären aus dem Verkehr gezogen. Die wenigsten Meriten hat sich dabei die im Jahr 2000 eingerichteten Anti-Korruptions- und Sicherheitseinheit (ACSU) des Weltverbandes ICC (International Cricket Council) verdient, der sich für seine Machtspiele und Machenschaften selbst regelmäßig mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sieht. 

Wettmafia in Indien

Nationale Gremien, vor allem der englisch-walisische Verband ECB, die indische Polizei und die Medien haben die meisten Sünder überführt. Kritiker werfen der ICC-Anti-Korruptionseinheit vor, sie hätte die Arbeitsweise der in Indien ansässigen Wett-Mafia nicht vollständig kapiert. Außerdem sei die Abteilung hoffnungslos unterbesetzt. 

Seit der einstige Starspieler Chris Cairns 2010 in London eine Verleumdungsklage gegen den ehemaligen indischen Funktionär Lalit Modi anstrengte und Lou Vincent nach einem umfangreichen Geständnis im vergangenen Jahr lebenslänglich gesperrt wurde, sind auch neuseeländische Athleten – wenn auch im Ausland (Indien, England) - unrühmlich in Erscheinung getreten. 

Der 44-jährige Cairns bekam zwar Recht und viel Geld zugesprochen (allein 540.000 Euro Gerichtskosten!), wurde nun aber, ebenso wie sein Anwalt, wegen Meineids angeklagt. 

"Krankheit dieser Sportart"

Als „Krankheit dieser Sportart“ bezeichnete David Richardson, der ICC-Generalsekretär, vor dem WM-Auftakt in Christchurch, der zweitgrößten Stadt Neuseelands, die Manipulationen. „Wir können zwar nicht garantieren, dass bei der WM kein Betrug stattfindet, aber wir haben in Zusammenarbeit mit der Polizei in beiden Ländern alle Vorkehrungen getroffen, um es zu verhindern“, sagt er und weist darauf hin, dass „die Spieler enorm gewillt sind, sich ihrer Verantwortung zu stellen“. Sie hätten so viele Kontaktversuche gemeldet „wie nie zuvor“.

Zu jenen Akteuren gehört auch Brendon McCullum, der aktuelle Kapitän der Black Caps genannten neuseeländischen Nationalmannschaft. Der Star-Schlagmann, in seiner Heimat soeben zum (Einzel-)Sportler des Jahres gekürt, behauptet, wie auch der gesperrte Vincent, Chris Cairns habe ihn mehrmals aufgefordert, Spiele zu manipulieren, und steht zu seiner über dunkle Kanäle an die Öffentlichkeit geratenen Aussage.

Die Wurzel des Übels liegt in Indien. Von dort aus operiert die illegale Wett-Mafia. Der erste Cricketspieler, der im Gefängnis landete, weil er Bestechungsgelder anbot, war vor 15 Jahren der Pakistani Saleem Malik. 

Twenty20-Cricket hat das Problem verschärft

Im selben Jahr wurde der damalige südafrikanische Kapitän Hansje Cronje, der auf der Gehaltsliste eines indischen Wettsyndikats stand, lebenslänglich gesperrt. (Zwei Jahre später starb er, mit 32 Jahren, bei einem Flugzeugabsturz.) Drei seiner Mannschaftskameraden, die ebenfalls absichtlich Bälle verfehlten oder schwach warfen, kamen mit kurzen Sperren davon. 

Zwei Faktoren, durch die sich die Anzahl der manipulierbaren Spiele enorm erhöht hat, haben das Problem verschärft: erstens die Einführung der kurzen Twenty20-Variante 2003, zweitens die Attraktivität der 2008 ins Leben gerufenen indischen Premier League IPL, die ebenfalls im Twenty20-Format ausgetragen wird. 

Die IPL-Franchisen ersteigern auf jährlichen Auktionen die besten Spieler der Welt. Finanziert wird das Ganze durch den Verkauf der Fernsehrechte, die der IPL über zehn Jahre 1,026 Milliarden US-Dollar einbringen. 72 Prozent dieser Einnahmen gehen direkt an die Franchisen. [Da die IPL die Liga finanziert, gehören die Mannschaften keinem Verein/Klub an, sondern sind Franchisen der IPL.]

Indien hat auch die Macht im Welt-Cricket 

Auch die Macht im Welt-Cricket hat sich in Richtung Indien verschoben, seit die mit doppeltem Stimmrecht ausgestatteten zehn Test-Nationen des ICC – das sind die Länder, die internationale Fünf-Tage-Matches austragen dürfen – im Juni 2014 den in allerlei undurchsichtige Machenschaften verwickelten indischen Milliardär Narayanaswami Srinivasan zum Vorsitzenden der Exekutive wählten und die Verteilung der Gelder neu regelten. 

Für viele unverständlich, hat sogar Neuseeland zugestimmt, dass die Überschüsse des ICC, dessen Einnahmen fast ausschließlich von der Weltmeisterschaft stammen, völlig ungleich ausgeschüttet werden. 

Bislang kassierten alle zehn Test-Nationen, die 75 Prozent des Gewinns einstrichen, gleich viel. Künftig geht der Löwenanteil nach Indien, dann gibt’s noch ein bisschen was für England und Australien, und für den Rest bleiben Brosamen. 

Die großen Drei haben auch die administrative Allmacht und sorgen dafür, dass sie mehr Test-Matches untereinander austragen als bisher, denn diese Einnahmen gehen in die eigenen Taschen. 

Indien bekommt zehn Mal so viel Geld wie Neuseeland

Die Londoner Tageszeitung „The Times“ erhellte den neuen Verteilungsschlüssel am Beispiel einer Brutto-Einnahme von zwei Milliarden US-Dollar. Demnach würde Indien 348 Millionen kassieren, England 76 Millionen und Australien 46 Millionen. Irgendwo im 30-Millionen-Bereich kämen dann Neuseeland, West Indies und Sri Lanka. 

Der Sitz des Weltverbandes, der in den British Virgin Islands registriert ist, wurde schon 2005 aus Steuergründen vom exklusiven Londoner Privatklub Lord’s nach Dubai verlegt. 

Srinivasan wurde ins Amt gewählt, obwohl wegen Spielmanipulation und Interessenkonflikten gegen ihn ermittelt wurde. 

Kürzlich befand der Oberste Gerichtshof Indiens, es bestünden Verdachtsmomente, dass die Korruptionsvorwürfe gegen den allmächtigen Multiunternehmer aus der IPL-Saison 2013 berechtigt seien. Letztlich reichte das Beweismaterial jedoch nicht zu einer Verurteilung aus. Das Vertrauen der Cricket-Welt hat der Mann trotzdem.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

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