Mister "Two Toes"

Martin Guptill: Die Sternstunde eines Zweizehers
WELLINGTON. Als er dreizehn war, fuhr ihm sein Bruder mit einem Gabelstapler über den Fuß. Drei Zehen mussten amputiert werden. Seitdem nennen ihn seine Freunde und Kollegen „Two Toes“, Zweizeher. 

Jetzt ist Martin Guptill 28 Jahre alt und hat, mehr oder weniger einhändig und fast im Alleingang, die Karibik-Auswahl der West Indies nach Hause geschickt und Co-Gastgeber Neuseeland ins Halbfinale der Cricket-Weltmeisterschaft geschlagen. Hier treffen die Black Caps, so der Spitzname des Nationalteams aus dem Land der Kiwis, am Dienstag (2 Uhr MEZ) in Auckland auf Südafrika. 

Im zweiten Halbfinalspiel muss sich am Donnerstag (4.30 Uhr MEZ) der zweite WM-Gastgeber, Australien, mit Indien auseinandersetzen. Die Inder sind neben Neuseeland als einzige Mannschaft unbesiegt. Im Viertelfinale setzten sich sämtliche Favoriten durch.

Zweithöchste Ausbeute aller Zeiten 

Im einzigen Wochenend-Spiel erzielte Martin Guptill in Wellington 237 der 393 Runs (Punkte) der Black Caps, WM-Rekord und die zweithöchste Ausbeute aller Zeiten in einem Ein-Tages-Match. Nur der Inder Rohit Sharma (264) war im November 2014 gegen Sri Lanka jemals besser. Und Duplizität der Ereignisse: Beide Schlagleute hatten Glück, dass sie nicht schon ganz früh ausschieden, als ein gegnerischer Feldspieler einen nicht optimal geschlagenen Ball nicht sicher fing, sondern fallen ließ. 

Nach dieser Schrecksekunde drosch der Rechtshänder die Bälle wie entfesselt und mit einer Präzision weg, die Freund und Feind in ungläubiges Staunen versetzte. Es war eine jener Sternstunden des Sports, die unvergessen bleiben. In einer WM-Endrunde hatte zuvor kein Schlagmann die 150-Punkte-Marke übertroffen.

Für die Fans war es ein einziges Delirium, denn der neue Held stand vom Anfang bis zum Ende des neuseeländischen Durchgangs (Innings) auf der Spielbahn. Das Schauspiel dauerte 3:45 Stunden. Guptill sah während der 50 Overs oder 300 Würfe seine Teamkollegen kommen und gehen, denn beim Cricket befinden sich immer zwei Schlagleute gleichzeitig an den gegenüberliegenden Enden der 20 Meter langen Spielbahn. 

Sechs Black Caps schieden während der 3:45 Stunden mit weitaus niedrigeren Resultaten aus. Für Kapitän Brendon McCullum, der zusammen mit dem Mann des Tages eröffnete, war diesmal schon nach zwölf Runs Schluss.

110-Meter-Flug auf das Dach des Stadions

Der 1,88 Meter große Guptill, dessen persönliche Bestmarke vor der WM bei 189 Punkten lag, benötigte lediglich 163 Würfe für sein Rekordergebnis, darunter elf Sechs-Punkte-Schläge; dabei fliegt der Ball ohne vorherige Bodenberührung über die Spielfeldgrenze hinaus. 

Eine dieser Raketen segelte 110 Meter weit auf das Dach des Stadions. „Ich begreife immer noch nicht richtig, was heute passiert ist“, sagte der gebürtige Aucklander, einer der Stillen im Lande, bei dem es schon ein Gefühlsausbruch ist, wenn er Arm und Schläger triumphierend in die Luft reckt. 

Bei den West Indies schied bei der Aufholjagd der letzte Mann schon nach 30.3 Overs oder 183 Würfen, 250 Punkten und 2:18 Stunden aus. Die Partie war eigentlich schon gelaufen, als Neuseelands Top-Werfer Trent Boult ihren Star-Schlagmann Chris Gayle nach 61 Runs auf dem falschen Fuß erwischte und der Wicket (die Holzstäbe hinter dem Schlagmann) fiel.

Bulliger Rastamann allein auf weiter Flur 

Der 35-jährige Linkshänder zeigte noch einmal seine Klasse, war aber beim Laufen zwischen den Wickets aufgrund einer chronischen Hüft- und einer Leistenverletzung sichtbar gehandicapt. Gut möglich, dass der Auftritt gegen die Black Caps das letzte große Eintages-Match des bulligen Rastamanns war. 

Der Traum der Neuseeländer, zum ersten Mal Weltmeister zu werden, blüht hingegen weiter. Sollte es am Dienstag und am Reservetag, am Mittwoch, regnen und die Halbfinal-Partie abgesagt werden, würden sie als Gruppensieger automatisch ins Endspiel einziehen. 

Fällt auch das Endspiel am Samstag in Melbourne ins Wasser, werden die beiden Finalgegner zum Weltmeister ernannt. Rein theoretisch ist es möglich, dass der Titelkampf endet, ohne dass ein einziger Ball geworfen wird.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Text vom 22. März 2015
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