06.05. Weltfremder IOC-Chef

Thomas Bach, der Mann vom anderen Planeten
AUCKLAND. Als Thomas Bach am anderen Ende der Welt landete und den Neuseeländern seine Gedanken zu Olympischen Spielen in ihrem kleinen Land kundtat, wähnten sie den IOC-Präsidenten aus Deutschland auf einem anderen Planeten.

Das ungläubige Staunen währte nur kurz, ehe es in köstliches Amüsement und schenkelklopfendes Gelächter mündete. „Wer will bei sich zu Hause die Olympischen Spiele ausrichten?“, fragte TV-Lästermaul Paul Henry seine Zuschauer zum Frühstück am nächsten Morgen, „und welche Sportarten könnten wir anbieten?“ 

Die Anrufer schlugen so ziemlich alles vor, vom Hallenhalma bis zum Kirschkernweitspucken. Dafür wäre nämlich schon die Infrastruktur vorhanden, sowohl was Sportstätten als auch Transport angeht. Alles andere schwebt im Reich der Phantasie. 

Die Menschen im Land der Kiwis wären schon froh, wenn Kugelstoßen nicht aus dem olympischen Programm gestrichen würde, wie vor einiger Zeit in den Raum gestellt, denn mit Valerie Adams haben sie eine Goldmedaillen-Kandidatin und bei den Männern mit Tom Walsh und Jacko Gill hoffnungsvolle Aspiranten. Und die Nation liebt Sieger. 

Neuseeland wie es singt und lacht

Aber Olympische Sommerspiele in Neuseeland? Nein, das nimmt niemand ernst. Die Reaktion darauf war ein Heiterkeitserfolg unter dem Motto: Neuseeland wie es singt und lacht. 

Selbst der Vorsitzende des Nationalen Olympischen Komitees NZOC, Mike Stanley, wähnte sich im falschen Film, als Bach sagte, es gebe keinen Grund, warum sich Neuseeland nicht um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele in welchem Jahr auch immer bewerben können sollte, schließlich sei das Land eine sportbegeisterte Nation und der Bewerbungsprozess sei vereinfacht worden. 

„Die Olympische Agenda ist für alle Länder offen; das Recht, Olympia-Gastgeber zu sein, ist nicht auf zwanzig Länder in der Welt begrenzt“, sagte der IOC-Präsident, der mit einem Powhiri, der traditionellen Maori-Begrüßungszeremonie, willkommen geheißen wurde und im Rahmen seines zweitägigen Besuchs die neuen Räumlichkeiten des NZOC in Auckland feierlich eröffnete. „Früher haben wir Bedingungen gestellt. Jetzt fragen wir potenzielle Gastgeberländer, wie die Spiele am besten in ihre langfristigen Pläne passen würden, gesellschaftlich, finanziell und umweltmäßig.“ 

Der winzige Schritt von der Rugby-WM zu Olympischen Spielen...

Da Neuseeland 2011 die Rugby-Weltmeisterschaft erfolgreich ausgerichtet habe, gebe es keine Hinderungsgründe, warum das Land nicht irgendwann auch einmal Olympische Spiele ins Auge fassen sollte. 

Stanley gab zu bedenken, dass solch ein Großereignis „Milliarden, wenn nicht gar zig Milliarden“ kosten würde. Deshalb sei die Frage, ob Neuseeland diesen Weg überhaupt einschlagen wolle. 

„Sportstätten- und Transport-Infrastruktur, all diese Dinge müssen höchsten Ansprüchen genügen. So etwas sprengt den Rahmen von Neuseelands Möglichkeiten, sagte Stanley, „unsere Priorität war immer, uns um unsere Topathleten zu kümmern und ihnen optimale Bedingungen zu bieten, um auf höchstem internationalen Niveau konkurrenzfähig zu sein.“ Die Frage sei, „ob solch ein Plan im besten Interesse des Landes ist, gesellschaftlich und wirtschaftlich“. Diese Frage würde die Antwort liefern.

Olympia kostet mehr als die Hälfte von Neuseelands Staatseinnahmen

Und die Antwort ist einfach. Neuseeland hat insgesamt so viele Einwohner wie eine internationale Großstadt, nämlich rund 4,5 Millionen. Das Bruttosozialprodukt lag im Jahr 2013 bei 182,59 Milliarden US-Dollar (162,51 Milliarden Euro). Die Staatsausgaben lagen bei 53,7 Milliarden US-Dollar (47,8 Milliarden Euro), die Einnahmen bei 48 Milliarden US-Dollar (42,7 Milliarden Euro). 

Die Olympischen Sommerspiele 2012 in London kosteten offiziell 13,5 Milliarden Euro; andere Quellen sprechen von 28,8 Milliarden Euro. Das wäre mehr als die Hälfte der neuseeländischen Staatseinnahmen. 

Das Land hat einige wenige Stadien, die für Rugby, Cricket und Fußball geeignet sind, Hallen für Basket- und Volleyball sowie eine olympia-taugliche Ruderstrecke (Lake Karapiro), zwei Radstadien von internationaler Klasse (Cambridge und Invercargill) und ein tolles Segelrevier im Hauraki Gulf vor Auckland. 

Sportstätten- und Transport-Infrastruktur mehr als nur lückenhaft

Die Sportstätten sind übers ganze Land verstreut. Aber in Christchurch gibt es seit den Erdbeben keine einzige Kunststoffrundbahn, von einem Stadion ganz zu schweigen. Der Bau eines neuen Rugby-Stadions wurde aus Kostengründen um viele Jahre, vielleicht für immer verschoben. 

Die Transport-Infrastruktur beschränkt sich auf einige Bahnlinien im Großraum Auckland und Wellington. Im Fernverkehr wird die Schiene lediglich zum Transport von Gütern genutzt. Busse sind das Hauptverkehrsmittel, was bei jeder Großveranstaltung, und sei es nur ein Pop- oder Rockkonzert in einem Stadion, zu einem mittleren Chaos führt. Die Straßen sind bereits im Berufsverkehr hoffnungslos überlastet. 

Aufforderung zum Staatsbankrott

Neuseeland ist zwar eine OECD-, aber keine reiche Industrienation, die sich irgendwelche Extravaganzen leisten könnte. Die Land- und hier besonders die schwächelnde Milchwirtschaft ist der Hauptexportfaktor, der Tourismus liefert viele Arbeitsplätze. Das beschert der Wirtschaft keine Reichtümer. Jeder Dollar ist für Sozialleistungen, Gesundheit und Bildung verplant. 

Angesichts dieser finanziellen Möglichkeiten mutete Thomas Bachs Olympia-Traum an wie die Aufforderung zum Selbstmord, sprich Staatsbankrott. Aber immerhin war es ein Lacherfolg. Die Kiwis haben Humor. 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


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