08.04. Galerie ohne Kunst

Leere Räume dank unfähiger Architekten
ASHBURTON. Die Gegend um die Kleinstadt Ashburton, den Hauptort der Region Mid Canterbury, ist der Kornspeicher Neuseelands. In dem Gebiet werden 50 Prozent des Getreides der Nation angebaut und 60 Prozent aller Kleinsamen geerntet. 

Seit zwei Monaten kann sich die Stadt eines weiteren Superlativs rühmen, auf den sie gerne verzichten würde: Höchstwahrscheinlich unterhält die Kommune an der Ostküste der Südinsel, rund 100 Kilometer südlich der Erdbeben-Stadt Christchurch, die einzige Kunsthalle der Welt, in der es keine Kunst zu sehen gibt. 

Am 14. Februar fand die mehrmals verschobene Eröffnung der neuen Räumlichkeiten statt, aber bis heute steigen nur diejenigen die Stufen in die erste Etage über dem neugestalteten Heimatmuseum hinauf, die dringend auf die Toilette müssen. 

Die 2700 Kunstwerke, die Ashburton sein eigen nennt, lagern in der nur 200 Meter entfernten alten Galerie, die Anfang Mai 2014 geschlossen wurde. „Wir tun einfach so, als wäre die Kunstgalerie in Betrieb“, sagte Bürgermeister Angus McKay vor der offiziellen Einweihungsfeier. 

Schließlich gibt es im Erdgeschoss des nüchternen modernen Gebäudes, dessen Betonfassade von orangefarbenen und türkisen Elementen belebt wird, im Museum – dem Heritage Centre – allerlei hübsch angeordnete Ausstellungsstücke zu sehen, die die Besiedlung der Region durch die Maori und die Ankunft der Europäer dokumentieren. 

Frühestens im Mai können Gemälde und Skulpturen eine Etage höher bewundert werden. Dann nämlich, wenn die erst im vergangenen Monat nachträglich installierte und bereits wieder reparierte Klimaanlage aus Italien einen Härtetest bestanden hat, zwei Wochen ohne Beanstandung gelaufen ist und die Exponate endlich umgehängt werden können. 

Die Architekten hatten nämlich keinen Gedanken an die Klimatechnik verschwendet, ungeachtet der Tatsache, dass wertvolle Gemälde und Kunstobjekte nur mit stabiler Raumtemperatur konserviert werden können. Die Bedingungen, die bei den geplanten Ausstellungen von Leihgaben anderer Museen festgeschrieben werden, sind meistens noch rigoroser.

Ein Reinfall von A bis Z 

Das Projekt Kunsthalle ist bislang ein Reinfall von A bis Z gewesen, geprägt von Fehlplanung, Fehlkalkulation, Inkompetenz, Protesten, Desinteresse und Ignoranz. 

Der Hickhack bewegt die 20.000-Einwohner-Stadt schon seit 2007. Damals beschloss der Kreisrat, Museum und Galerie eine neue, größere Heimat zu geben. Soweit, so gut. Aber von da an ging’s bergab.

Ein im Oktober 2014 in Auftrag gegebenes Gutachten stellte der Verwaltung ein Zeugnis mit der Note ungenügend aus – und das nicht nur, weil auf der Liste der zu interviewenden Projektbeteiligten die Managerin der Kunsthalle fehlte. 

Auftrag ohne Ausschreibung, Kostenvoranschlag mit fehlenden Posten

Unter anderem wurde der Auftrag ohne Ausschreibung an ein Architekturbüro vergeben, das keine Erfahrung mit Museumsbauten hatte. Die geringe Raumhöhe und freiliegende Wandelemente stören die Blickachsen. Im Kostenvoranschlag fehlten Ausgaben für Honorare, Ausstattung und Möbel – ein Versäumnis, das mit 1,73 Millionen Euro zu Buche schlug.

Insgesamt kostete der funktionale Bau mehr als 6,5 Millionen Euro statt der avisierten 4,6 Millionen Euro. Hinzu kommen jetzt Ausfallgebühren, weil durch die Klimaanlagen-Saga bereits elf Wanderausstellungen abgesagt werden mussten. 

Der Auftrag wurde im Mai 2011 vergeben. Als Standort wurde die Westseite des Baring Square festgelegt. Das ist ein kleiner rechteckiger, begrünter Park in Zentrumsnähe, der vom State Highway 1, der Hauptverkehrsstrecke der Ostküste, und der Eisenbahnlinie durchschnitten wird. Er liegt am Rande eines ruhigen Wohngebiets. 

Im April 2012 sorgten sich plötzlich die Nachbarn, ihre Grundstücke könnten Teil eines künftigen Gewerbegebiets werden, und zogen vor das Umweltgericht, das ihnen Recht gab. Dieser Prozess verzögerte den Baubeginn um 97 Wochen und verteuerte das Projekt um 900.000 Euro. Mehr noch: Die Lage in einem Wohngebiet verhindert die Nutzung und Vermietung der Räumlichkeiten für Veranstaltungen, die Geld in die Kasse gebracht hätten, nach 17 Uhr. 

Dass hier kein Kompromiss und Sonderstatus für die Kunsthalle gefunden werden konnte, erscheint wie ein schlechter Witz, denn das Gebäude trägt als Puffer zwischen dem Highway – das entspricht einer Bundesstraße, keiner Autobahn - eher zur Lärmreduzierung als 
-erhöhung in dem dahinter liegenden Wohngebiet bei. In direkter Nachbarschaft befinden sich auch noch die städtische Bücherei und die Bezirksverwaltung. 

Die lokalen Medien berichten von einer kunstfeindlichen Einstellung der Bevölkerung. Die neueste Repräsentativumfrage könnte ein Indiz dafür sein. Während es im Jahr 2010 noch 47 Prozent der Einwohner in die Kunstgalerie und/oder das Museum gezogen hatte, waren es 2013/14 nur noch 29 Prozent. 
Aber immerhin: Die Besucherzahlen im neuen Museum zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend. 

An einem Protestmarsch gegen das neue Kunst- und Geschichtszentrum hatten sich zuvor 2000 Menschen beteiligt, und eine Petition, deren Initiatoren einen Baustopp forderten, erhielt 4200 Unterschriften. Das sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung. 

Gleichzeitig hatte kein (Grund-)Steuerzahler Probleme damit, für den Bau und die Unterhaltskosten eines neuen Sportzentrums zur Kasse gebeten zu werden. Es ist eine Tatsache, dass Rugby in Neuseeland eine Art Ersatzreligion ist, aber Geschichtsbewusstsein und Kunstverständnis in dieser jungen Nation unterentwickelt sind. 

Ashburton ist ganz offensichtlich der Beweis dafür. Wie heißt es nicht so schön in den Broschüren und auf der Website der Tourismus-Behörde: „Die Leute kommen und bleiben und sind überrascht, was sie hier finden.“ Zum Beispiel eine Kunsthalle ohne Kunst. Zum Glück nicht mehr lange.

 

 

Die seit Mai 2014 geschlossene alte Galerie auf der Ostseite des Baring Square.

Im neuen Museum




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