20.06. Fußball-Tochter

"MMV" und "MV": Familienbande der besonderen Art
AUCKLAND. Es ist eine typisch deutsche Frage, sagt die zierliche blonde Frau mit der großen schwarzgerahmten Brille. Eine Frage, die nur Deutsche stellen: Sind Sie nicht die Tochter von... ? Aber dieser berühmte Vater erzählte ihr kürzlich eine lustige Geschichte. „Mein Vater war bei einem Turnier, und jemand fragte ihn: ,Sind Sie nicht der Vater von der Marion?’ Da mussten wir beide lachen.“ 

Im Alltag, sagt Marion Mayer-Vorfelder, „hat die Überraschung darüber, wer ich bin, im Lauf der Jahre abgenommen; die Leute kennen mich über meinen Beruf“. Und ihr Beruf als Abteilungsleiterin in der Wettbewerbsabteilung des Fußball-Weltverbandes Fifa ist, Turniere zu organisieren: die U-20-Welmeisterschaft, die gerade in Neuseeland mit dem Triumph Serbiens zu Ende gegangen ist, die Klub-Weltmeisterschaft und das olympische Turnier.

Wer Mayer-Vorfelder und mit Vornamen nicht Gerhard heißt, wundert sich natürlich nicht wirklich, wenn die Familienbande erörtert werden. Schließlich war der als „MV“ bekannte Vater, mittlerweile 82 Jahre alt, als ehemaliger Kultus- und Finanzminister von Baden-Württemberg, Präsident des VfB Stuttgart (1975 bis 2000), Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB/2001 bis 2006) und Mitglied des Fifa- und Uefa-Exekutivkomitees bekannt wie ein bunter Hund, ein ebenso leidenschaftlicher wie umstrittener Fußball-Funktionär.

Seine vier Kinder – die Töchter Marion und Miriam sowie die Söhne Michael und Marc – hielt der Wahlschwabe aus Waldshut in Südbaden aus der Öffentlichkeit fern. Deshalb ist es noch immer eine Überraschung, wenn plötzlich die älteste Tochter, die als Mädchen Ballett tanzte und Klavier spielte, bei Fifa-Veranstaltungen an vorderster Front steht, weil es ihr Job ist, die lokalen Organisationskomitees zu koordinieren und die Fäden in der Hand zu halten.

Wobei „plötzlich“ nicht stimmt, denn die Mittvierzigerin arbeitet schon seit 1999 in der Fifa-Zentrale in Zürich. Mit der Vergabe von Turnieren, über die das Exekutivkomitee entscheidet, hat sie nichts zu tun. Dennoch möchte sie sich zum aktuellen Fifa-Skandal nicht äußern.

Der Bezug zum Fußball wurde Marion Mayer-Vorfelder, die ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, quasi in die Wiege gelegt. „Zu Hause wurde immer über Fußball gesprochen, der VfB war das Dauerthema, wie geht’s beim VfB, wo steht der VfB“, erzählt sie, „da hat man nur die Wahl, Fußball toll zu finden oder: ,Nee, danke’, zu sagen. Mich hat irgendwann die Fußball-Leidenschaft gepackt und ich habe mich mit dem Verein identifiziert.“ 

Der Weg, die Fußball-Tradition der Familie fortzuführen, war allerdings nicht vorgezeichnet. „MMV“ studierte in Tübingen Amerikanistik, Anglistik und Romanistik. Recherchen wurden häufig vor Ort geführt, „damals gab’s noch nicht so viel mit Internet und so“, und so hielt sie sich regelmäßig in den USA auf. So auch im Rahmen eines Austauschprogramms während der Weltmeisterschaft und des Fifa-Kongresses 1994. 

Sie meldete sich als freiwillige Helferin, holte in Chicago „Leute vom Flughafen ab, half sprachlich aus und wurde auch im Stadion eingesetzt“. Zwei Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Atlanta, betreute die mehrsprachige Schwäbin aus Bad Cannstatt die Bustransporte zum Fußball-Turnier in Athens, knüpfte neue Kontakte zu Fifa-Mitarbeitern. Der Wechsel der Karriere von den Literaturwissenschaften in Richtung Sport-Administration nahm konkrete Formen an.

Die erste Bewerbung bei der Fifa endete jedoch mit einer Absage, erst im zweiten Anlauf bekam Marion Mayer-Vorfelder eine Stelle in der Personalabteilung und schließlich in der Wettbewerbsabteilung. Ihr erstes Turnier als Event-Manager war die U-19-Weltmeisterschaft der Frauen 2002 in Kanada. 

„Viele sagen, ich bin nur wegen meines Namens und Vaters bei der Fifa reingerutscht“, sagt sie, „aber ich denke, ich muss mich aus diesem Grund mehr beweisen, muss zeigen, dass ich’s wirklich kann. Irgendwann ist es dann nicht mehr relevant, meine Arbeit spricht für sich selbst.“ 

Die fachfremde Ausbildung bezeichnet sie sogar als hilfreich: „Im Studium geht’s ja auch darum, ein Problem zu analysieren und eine Lösung oder einen Mechanismus zu finden, wie man zum Ziel kommt. Bei einem Fußball-Turnier muss man logistische und strategische Lösungen mit der lokalen Organisation finden. Das sind Vorgänge, die man von der Uni kennt, unabhängig vom spezifischen Thema.“

Drei bis vier Monate im Jahr ist Marion Mayer-Vorfelder für Vorort-Inspektionen und Turniere unterwegs, „zum Glück nicht am Stück“. So lassen sich Beruf und Familie in Zürich unter einen Hut bringen, die kleine Tochter und der Lebenspartner, über den die Fußball-Fachfrau keine Details verraten möchte. Nur so viel: „Er ist Engländer und nicht besonders am Fußball interessiert, sondern ein eingefleischter Rugby-Fan.“ 

So finden die großen Diskussionen über das Spiel mit dem runden Ball weiterhin dort statt, wo alles begann: im Stuttgarter Daimlerstadion, wo die Mittvierzigerin den VfB noch immer leidenschaftlich unterstützt, und bei den Familienbesuchen in Bad Cannstatt. „MMV“ mit „MV“. Ein Name, ein Programm, eine Liebe.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Tschüß, MV!
Das Interview mit Marion Mayer-Vorfelder hatte so viele Erinnerungen an meine Zeit als Fußball-Reporterin bei der Südwest Presse geweckt, denn von meinem ersten Arbeitstag an, im Juni 1980, war ich für den VfB Stuttgart zuständig, und Gerhard Mayer-Vorfelder war dort bis Oktober 2000 Präsident. Und dann diese Nachricht am 17. August, keine zwei Monate nach dem Interview: MV ist im Alter von 82 Jahren gestorben. 

Obwohl wir politisch wahrlich nicht auf Augenhöhe waren und ich auch viele seiner Entscheidungen als VfB-Präsident und seine Regentschaft im Gutsherrenstil kritisierte, so sind wir doch immer gut miteinander ausgekommen. Wenn's eine Meisterschaft zu feiern gab, nannte er mich schon mal "Mädle" und nahm mich in den Arm. Doch trotz solcher kumpelhaft wirkenden Episoden habe ich immer eine kritische Distanz gehalten. Mein Urteilsvermögen wurde nie dadurch beeinflusst.

Unsere härteste Konfrontation erfolgte nach der stillosen Entlassung von Jogi Löw als VfB-Trainer. In einem Artikel rasierte ich "MV" radikal - was "MV" wiederum zum Anlass nahm, mich bei der Vorstellung des neuen Trainers Winfried Schäfer zu kritisieren. Ich war so wütend, dass ich das nicht einfach so stehen ließ, sondern ihm öffentlich seinen schlechten Stil und die Unehrlichkeit gegenüber Jogi Löw vorwarf. 

Das Gute an dem Streit war, dass sich Winni Schäfer gleich erkundigte, wer ich war, so musste ich mich nicht lange vorstellen ;-) Und er wusste gleich, dass ich ein Freund klarer Worte war. Und was tat "MV"? Kam nach der Pressekonferenz mit einem Glas Weizenbier in der Hand auf mich zu, legte den Arm um meine Schulter und sagte: "Komm', Mädle, vertraget mr ons wieder. Lasset se ons drüber reda." Es folgte ein erhitzter Gedankenaustausch, und natürlich vertrugen wir uns wieder - bis zur nächsten Auseinandersetzung ;-)


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