22.04. Seltsame Nachbarn

Keine echte Liebe zwischen Aussies und Kiwis
CHRISTCHURCH. Wer sich in dieser Woche ohne rote Mohnblume aus Papier oder Seide am Revers zeigt, ist kein guter Bürger am anderen Ende der Welt. Der 25. April ist ANZAC Day, ein Feiertag, an dem in Australien und Neuseeland der Gefallenen aus den beiden Weltkriegen gedacht wird. ANZAC steht für „Australian and New Zealand Army Corps“.

Die blutroten Klatschmohn-Blüten, die ein an den Schlachtfeldern in Flandern stationierter kanadischer Sanitätsoffizier in einem Gedicht beschrieb, ist das Symbol für die betrauerten schweren Verluste, die die Truppen beider Länder als Mitglieder der britischen Streitkräfte erlitten haben, steht aber auch für die gefeierten Heldentaten im Kampf für Demokratie und Freiheit. Auch im Zweiten Weltkrieg und in Vietnam waren die ANZACS im Einsatz.

Während in den meisten Nationen der Waffenstillstand vom 11. November 1918 als Kriegstrauertag begangen wird, markiert der ANZAC Day – außer in Australien und Neuseeland auch noch in Tonga - die Landung der vereinten Truppen am 25. April 1915 auf der Gallipoli-Halbinsel in der heutigen Türkei. 

Katastrophaler Feldzug mit mehr als 100.000 Gefallenen

Bei dieser Schlacht versuchten die Entente-Mächte, die Dardanellen und die osmanische Hauptstadt Konstantinopel (Istanbul) zu erobern. Der Feldzug endete mit einer katastrophalen Niederlage der Entente. Mehr als 100.000 Gefallene liegen auf den Soldatenfriedhöfen in der Provinz Çanakkale, darunter 8709 Australier und 2779 Neuseeländer. 

Wie üblich, reisen große Delegationen beider Länder in die als ANZAC Cove bekannte Bucht auf der Gallipoli-Halbinsel. Da die Gedenkstätte nur 10.000 Besuchern Platz bietet, wurden die Tickets (8000 für Australier, 2000 für Neuseeländer) ausgelost.

Zum 100. Jahrestag des verhängnisvollen Feldzugs laufen die Räder vor den traditionellen Gedenkfeiern im Morgengrauen besonders heiß. Herr-der-Ringe und Hobbit-Regisseur Peter Jackson hat im ehemaligen Dominion-Museum in Wellington die Schlacht um Chunuk Bair in einem eindrucksvollen Durchscheinbild rekonstruiert. Richard Taylor, der Animations-König des Weta Workshops, schuf mit seinem Team für das Nationalmuseum Te Papa überlebensgroße Figuren von real existierenden Soldaten in Szenen von Gallipoli. Dies- und jenseits der Tasmanischen See wurden Ehrenmale eröffnet.

Zu wenig Mohnblumen in Neuseeland 

Deshalb war es besonders peinlich, dass die neue Mohnblumen-Maschine des Vereins der Kriegsheimkehrer in Christchurch lediglich 800.000 statt der geplanten 1,25 Millionen stark stilisierten Papierblumen produzierte. Aber die Assoziation aus dem australischen Bundesstaat Victoria leistete Hilfe in der Not und schickte 200.000 seiner realistisch aussehenden Blüten nach Neuseeland. Ganz im Sinne des ANZAC-Geistes, jubelten die Menschen im Land der Kiwis. 

Dieser Begriff – auf Englisch: ANZAC spirit – wird oft benutzt, um die Trans-Tasmanischen Beziehungen zu beschreiben. Doch es ist eine verklärte Sicht der Dinge – und trifft nur in Ausnahmesituationen zu, zum Beispiel wenn Neuseeland Feuerwehrleute auf die Reise schickt, um australische Buschfeuer zu bekämpfen, oder umgekehrt, als geschultes Personal aus Australien nach den verheerenden Erdbeben 2011 nach Christchurch flog. 

Trotz unzähliger politischer, sozialer und wirtschaftlicher Abkommen ist das Verhältnis alles andere als ausgewogen. Die Landmasse ist Synonym dafür, wer den Ton angibt: hier der riesige Rote Kontinent, dort die zwei kleinen grünen Inseln, die auf vielen Weltkarten sogar fehlen.

Key "zieht den Schwanz ein, wenn es ans Eingemachte geht"

Trotz regelmäßiger bilateraler Treffen und vollmundiger Ankündigungen ist es Neuseelands Premierminister John Key seit seinem Amtsantritt 2008 nicht gelungen, Australien dazu zu bewegen, Neuseeland-feindliche Gesetze zu entschärfen. Was die oppositionelle Labour-Partei zu der Aussage bewogen hat, den halbherzig argumentierenden Key als Schwätzer zu kritisieren, „der den Schwanz einzieht, wenn es ans Eingemachte geht“. 

Der Große diktiert, der Kleine nickt ab. Da kann Australiens Regierungschef Tony Abbott noch so oft erklären, wie eng die Verbundenheit zwischen den beiden Staaten sei, so wie er es am Montag bei der Eröffnung des australischen Ehrenmals in Wellington tat: „Unsere Nationen sind mehr als Freunde, sie sind Familie.“

Das Finale der Cricket-Weltmeisterschaft zwischen Australien und Neuseeland vor vier Wochen in Melbourne war ein Spiegelbild der Rollenverteilung. Hier die selbstbewussten Aussies, arrogant und vor Siegeszuversicht strotzend, dort die von einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem großen Nachbarn geplagten Kiwis, die klein beigeben und sich nicht einmal beschweren. 

Die Australier beleidigten die Black Caps, so der Spitzname des neuseeländischen Teams, während des Spiels in einer Tour; das ist im Cricket als grenzwertiges „Sledging“ erlaubt. 

Prügel und Mobbing für Nettigkeit

Die Erklärung dafür lieferte Wicketkeeper Brad Haddin. Sie hätten sich während der Vorrunde unbehaglich gefühlt, weil die Black Caps, so der Spitzname des neuseeländischen Teams, die ganze Woche über so nett gewesen seien, sagte er nach dem Finalsieg, „deshalb haben sie es verdient“. 

Prügel und Mobbing, weil sie zu freundlich waren, das war selbst den australischen Medien zu viel. Statt den Titelgewinn ihres Teams zu feiern, ohrfeigten sie ihre Mannschaft ob ihrer Unfairness, schlechten Manieren und ihres mangelnden Sportsgeistes. Verdiente Sieger ja, echte Champions nein.

Im täglichen Leben genießen Australier, die in Neuseeland leben, mehr Vorteile als Einwanderer jeder anderen Nationalität. Zusätzlich zu sämtlichen Sozialleistungen und zum Wahlrecht erhalten sie selbst dann die volle neuseeländische Staatsrente, wenn sie vor Renteneintritt keinen Tag in Neuseeland gelebt und Steuern gezahlt haben, und ihre australischen Beitragsrenten werden – im Gegensatz zu den meisten anderen ausländischen Beitragsrenten nicht konfisziert. (Das wiederum ist ein weltweit einmaliger Unrechtsakt der neuseeländischen Gesetzgebung.) [siehe auf www.nzpensionprotest.com]

Bürger zweiter Klasse jenseits der Tasmanischen See

Sie können schon nach drei Jahren Aufenthalt (sonst fünf) die neuseeländische Staatsbürgerschaft beantragen und haben nach zwei Jahren Anspruch auf Studienbeihilfe und –darlehen. Australische Babys, die in Neuseeland geboren werden, erhalten automatisch die doppelte Staatsbürgerschaft. 

Rund 65.000 Australier leben in Neuseeland (Gesamtbevölkerung 4,5 Millionen), während 650.000 der 24 Millionen Einwohner Australiens Kiwis sind.

Viele dieser jenseits der 2250 Kilometer breiten Tasmanischen See lebenden Neuseeländer sind Bürger zweiter Klasse und derart benachteiligt, dass selbst das für Menschenrechte zuständige parlamentarische Kontrollgremium in Canberra im Juni 2013 von „Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Rasse und Einwanderungsstatus“ sprach. „Neuseeländer werden anders als die Bürger anderer Länder behandelt“, so die Beurteilung. 

Dabei ging es insbesondere um den Ausschluss von Kiwis von Leistungen der Invalidenversicherung, für die sie jedoch, zusätzlich zur Krankenkasse, Beiträge zahlen müssen. Selbst für behinderte Kinder, die in Australien geboren wurden, gibt es erst nach zehn Jahren Geld und Staatsbürgerschaft. 

Lebensmittelpaket, Zelt und Schlafsack für Arbeitslose

Darüber hinaus bekommen Neuseeländer keine Arbeitslosenhilfe, Studienbeihilfe oder Invalidenrente, selbst wenn sie ihre Behinderung bei der Arbeit in Australien erlitten haben. Sie erhalten keinen Beistand nach Terrorattacken im Ausland oder Flut-, Zyklon- oder Feuerkatastrophen im Inland. 

In Queensland haben sie nicht einmal Anspruch auf eine Sozialwohnung. Verliert jemand seinen Job, sind viele Kiwis auf die Zuwendungen von karitativen Einrichtungen wie der Heilsarmee angewiesen, aber die, sagte eine Mitarbeiterin gegenüber dem New Zealand Herald, können ihnen oft nur ein Lebensmittelpaket, ein Zelt und Schlafsäcke überreichen. Da Neuseeländer auch kein Wahlrecht haben, hat die Regierung, derzeit unter Tony Abbott, keine Veranlassung, diesen Menschen das Leben zu erleichtern.

Die krassen Missstände herrschen seit 26. Februar 2001, als die damalige Premierministerin Helen Clark einem Sozialversicherungsabkommen zustimmte, mit dem sie glaubte, die Freizügigkeit für Neuseeländer retten zu können. Sie wurde jedoch von der australischen Regierung unter John Howard ausgetrickst, die von der Formulierung Gebrauch machte, jedes Land könne Sozialgesetze erlassen, die nicht in dem Abkommen geregelt worden sind.

Warum in Australien "permanent" dasselbe wie "zeitlich limitiert" ist

Bereits 1994 hatte Australien für tuberkulose-freie Neuseeländer mit weißer Weste die Spezial-Visa-Kategorie SCV (Special Category Visa) eingeführt. Das ist keine permanente, sondern zeitlich limitierte Aufenthaltsgenehmigung, obwohl Neuseeländer damit so lange im Land bleiben und arbeiten können, wie sie wollen. 

Aber nach 2001 fielen für die begrenzten (auch: ungeschützten) Visa nach und nach die Sozialleistungen weg. Eine Daueraufenthaltsgenehmigung, Grundbedingung für die Erteilung der Staatsbürgerschaft, wäre die Lösung. Doch sie ist für viele unerreichbar, weil die jährlichen Quoten festgeschrieben sind und nur an Leute vergeben werden, die einen von der Einwanderungsbehörde gesuchten Beruf nachweisen können. Interessanterweise gelten Neuseeländer in der Steuergesetzgebung weiterhin als Bürger mit permanentem Aufenthalt.

Grund für die neuen Regeln war die Furcht Australiens vor steigenden Sozialleistungen bei weiterhin ungehinderter Zuwanderung aus dem Nachbarland in Zeiten der Prosperität, inklusive Bürger aus kleinen Pazifik-Nationen und von Hongkong-Chinesen über das Hintertürchen Neuseeland. 

Das Vorurteil von den "Bondi Bludgers"

Die Angst war unbegründet, denn auch heute zahlen Neuseeländer in Australien jährlich 1,8 Milliarden Euro Steuern und nehmen nur 723 Millionen Euro an Sozialleistungen in Anspruch. Trotzdem sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, „Bondi Bludgers“ zu sein, Schmarotzer, die sich den ganzen Tag am Bondi-Strand in Sydney sonnen. Davon abgesehen, lebt ein Drittel aller Neuseeländer im Sonnenstaat Queensland.

Wirtschaftlich waren Australien und Neuseeland durch ein Freihandelsabkommen näher zusammengerückt, als sich die einstige Kolonialmacht Großbritannien 1973 der Europäischen Union anschloss und der größte Exportmarkt schrumpfte. 

Aber auch hier hat es immer wieder Schikanen für die kleinen Kiwis gegeben. Erst 2010 verdonnerte die Welthandelsorganisation WTO Australien dazu, das 89 Jahre zuvor verhängte Einfuhrverbot für neuseeländische Äpfel aufzuheben. Doch der große Nachbar hat neue Barrieren aufgebaut, so dass nur eine geringe Menge des Obsts in australischen Supermärkten landet. 

Dort verschwinden auch immer mehr andere neuseeländische Produkte aus den Regalen. Das sei der Wunsch der Kunden, ist die Begründung. Australia first. Es ist und bleibt die Geschichte von den ungleichen Brüdern, bei denen nur einmal im Jahr wirklich Einigkeit herrscht. Seit 100 Jahren, wenn die roten Mohnblumen an jedem Jackenaufschlag blühen und mit ihnen die gemeinsame Vergangenheit.



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