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07.04. Der Staatsbesuch

Ein Marilyn-Monroe-Moment in Scharlachrot
WELLINGTON. Es war ein Marilyn-Monroe-Moment in Scharlachrot. Ähnlich wie im Hollywood-Streifen „Das verflixte 7. Jahr“, wo die Abluft der U-Bahn den weiten weißen Rock des legendären Filmstars aufwirbelt, erfasste eine Windböe die mit einer großen Doppelknopfreihe versehene glockenförmige Kleid/Mantel-Kombination der Herzogin von Cambridge, als sie in Wellington der Militärmaschine der neuseeländischen Luftwaffe entstieg, und entblößte ihre perfekten langen Beine. 

Mit nur einer Hand versuchte Kate, ihr hochflatterndes Outfit zurechtzuzurren, denn im linken Arm trug sie Baby George. Ein knallroter Pillbox-Hut zähmte das fliegende lange Haar so einigermaßen, als sie auf ihren hochhackigen schwarzen Pumps die Gangway hinabstöckelte. So lernte Prinz Williams Ehefrau bei ihrer ersten Reise ans andere Ende der Welt gleich in der Praxis, warum die Hauptstadt den Beinamen „Windy Wellington“ hat.

Hätte vielleicht, so lautete die erste ernsthafte Frage beim Auftakt des offiziellen Staatsbesuchs der jungen Royals in Neuseeland, der Thronfolger das acht Monate alte königliche Kind aus dem Militärflugzeug tragen sollen, um seine herzögliche Gemahlin vor einer Peinlichkeit zu bewahren? Denn der beliebte Prinz, der 1983 im selben Alter wie George mit seinen Eltern Prinz Charles und Prinzessin Diana Neuseeland besuchte, hatte die Hände frei. Die linke ließ er am Treppengeländer hinuntergleiten, mit der rechten nestelte er an den Knöpfen seines dunkelblauen Sakkos.

Nebel, Regen, Kälte, Wind

Wenigstens fiel der Regen zur Begrüßung des strahlenden und gut gelaunten Paars aus dem Vereinigten Königreich nicht waagrecht, wie es in Wellington regelmäßig passiert, sondern es nieselte und regnete penetrant in den kalten Tag hinein. Der berüchtigte Nebel hatte die Ankunft der royalen Kleingruppe, die zehn Tage lang durch Neuseeland und danach durch Australien tourt, um 20 Minuten verzögert. 

Aber danach waren die brennendsten Fragen beantwortet: Catherine/Kate setzte bei der Wahl ihrer Garderobe auf das französisch-englische Label Catherine Walker, die schon Lieblingsdesignerin von Williams verstorbener Mutter Diana war. Der simpel-elegante Pillendosen-Hut stammt von Gina Foster und die maßangefertigten Schuhe sind von der Marke Emmy.

Als Zugeständnis an die Gastgeber-Nation hatte die Herzogin eine diamantbesetzte Platinbrosche in Form eines Silberfarns geheftet, die ihr ihre Schwiegergroßmutter, Königin Elizabeth II., mit auf die Reise gegeben hatte. Die damals frisch gekrönte Queen, noch immer offizielles Staatsoberhaupt Neuseelands, hatte das Schmuckstück bei ihrer Commonwealth-Tour 1953/54 geschenkt bekommen.

George leicht "underdressed" in sommerlichen Baumwollshorts  

Klein-George trug ein cremefarbenes Strickjäckchen mit Zinnsoldaten und weiße Baumwollshorts – ein bisschen zu sommerlich im neuseeländischen Herbst und speziell bei diesem unerquicklichen Wetter, das die Royals während des kompletten Aufenthalts zu begleiten droht, ob nun bei der Segelregatta in America’s-Cup-Yachten in Auckland, bei der rasenden Jetboot-Fahrt auf dem Shotover River in Queenstown, beim Cricket-Spiel und der Eröffnung eines neuen Besucherzentrums im Botanischen Garten in Christchurch oder bei ihren öffentlichen Spaziergängen in mehreren Städten.

Zwar ist die Zahl der Königstreuen am anderen Ende der Welt im Lauf der Jahrzehnte kontinuierlich gesunken, und Premierminister John Key hat erst vor einigen Wochen wieder die Diskussion um eine Kiwi-spezifische neue Flagge ohne Union Jack angeregt, aber noch immer halten sich Pro und Kontra die Waage. 

Wenn es freilich um die Verleihung von Adelstiteln und die Ehrfurcht vor solchen Würdenträgern geht, ist vielen Leuten noch immer kein tiefer Bückling zu viel. Junge Leute fordern jedoch eindeutig die Abschaffung der konstitutionellen Monarchie und die Umwandlung der Nation in eine Republik mit eigenem Staatsoberhaupt.

Charme-Offensive als günstige Neuseeland-Werbung 

Die Charme-Offensive der Popstars des britischen Königshauses mit Baby George im Schlepptau wird den Prozess lediglich verzögern, nicht aufhalten. Als PR-Vehikel für das Land der Kiwis ist das Traumpaar jeden Cent der vom neuseeländischen Staat bezahlten Reisekosten – rund 750.000 Euro - wert. 450 Journalisten berichten rund um die Uhr über jeden Atemzug, jedes Outfit und jedes Lächeln von Vater, Mutter und Baby.

Gestern flogen auf jeden Fall reichlich Union Jacks mit den Konterfeis von William und Kate im Zentrum durch die feuchte Luft, und längst nicht nur englische Einwanderer trotzten dem Regen. Von Klein-George werden die Neuseeländer jedoch nicht viel sehen. Er war schon beim ersten offiziellen Termin im Government House nicht mehr bei seinen Eltern, sondern in der Obhut des neuen Kindermädchens Maria Teresa Turrión Borrallo. 

Eine Maori-Gruppe begrüßte das unter riesigen schwarzen Regenschirmen geschützte Herzogspaar mit einer offiziellen Zeremonie (Powhiri). Im Vorfeld waren einige britische Medien auf einen Scharlatan hereingefallen und hatten berichtet, den Royals würde eine streng geschützte und vom Aussterben bedrohte neuseeländische Fruchttaube (Kereru) gebraten serviert. Außerdem würden die Maori-Frauen nur, um Peinlichkeiten zu vermeiden, nicht oben ohne tanzen und die Männer würden unter ihren Strohröcken Unterhosen tragen. Das ist aber immer so. Statt dessen zeigte die Prinzgemahlin gestern unfreiwillig mehr, als sie wollte. So attraktiv es auch war.

 

 


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