Home‎ > ‎Nachrichtenarchiv 2014‎ > ‎

19.03. Deutsche Schweine

Rucksack-Reisende der anderen Art: Camper stellen Zelt in Haus auf und nutzen Schlafzimmer als Toilette
CHRISTCHURCH. Southshore ist der südliche Zipfel eines mehrere Kilometer langen Sandhakens, der das Mündungsgebiet der Flüsse Avon und Heathcote in der neuseeländischen Erdbebenstadt Christchurch vom Pazifischen Ozean abriegelt. Es ist ein windzerzaustes Naturschutzgebiet mit zigtausenden Wat- und Seevögeln, abgeflachten Dünen und Endlos-Strand. 

Von vielen Häusern, die hier einst standen und bei den vier Naturkatastrophen zwischen September 2010 und Dezember 2011 absanken, existieren nur noch Baulücken. Der Staat hat sie aufgekauft und ganze Straßenzüge zu unbebaubaren Krisengebieten („Red Zone“) erklärt. Insgesamt sind in Christchurch 3920 Wohnhäuser dem Erdboden gleichgemacht worden, genauso viele stehen leer und warten auf den Abriss.

Im Gras neben der einzigen Straße auf dem schmalen Stück Land ist ein schwarzer Kleinbus mit rotem Seitenstreifen geparkt. Daneben stehen zwei bärtige junge Männer in grauen Kapuzenshirts und eine junge Frau mit roten Haaren und schwarzer Pudelmütze. „Gehört das Zelt im Haus zufällig Euch?“, fragt ein Mann. „Ja“, sagen die Drei und grinsen wie nach einem gelungenen Streich. „Wir haben es im Haus aufgestellt, als es draußen regnete“, radebrecht die Frau in schwer verständlichem Englisch.

Die schlimmste Ausgeburt des Tourismus 

Es sind deutsche Rucksack-Reisende, die – wie ein Rundgang durch den Bungalow zeigen wird – für einen kaum zu unterbietenden Tiefpunkt im Gebaren kostenbewusster Neuseeland-Urlauber gesorgt haben. Bislang waren die wilden Camper, die Vorgärten und Parkplätze als Toiletten benützen und sich nachts in die Duschen von Ferienanlagen schleichen, als schlimmste Ausgeburt des Tourismus abgestempelt worden.

Dank der Veröffentlichung eines Videos, das vom Sicherheitspersonal der Regierungsbehörde CERA (Canterbury Earthquake Recovery Authority) aufgenommen wurde, weiß jetzt auch der der letzte Kiwi, dass Deutschland nicht nur erstklassige Autos exportiert, sondern auch zweibeinige Schweine auf die Welt loslässt. 

Das CERA-Personal kontrolliert bei seinen Streifgängen rund um die Uhr, was sich in den Geisterhäusern abspielt. Brandstifter und Schmierfinken treiben hier ihr Unwesen. So mancher, der sein Haus an die Regierung verkauft hat, fackelt es nach dem Auszug ab. Drogensüchtige, Penner und Obdachlose nisten sich ein. Oder eben deutsche Parasiten.

Campingplatz mit Grillgerät im Wohnzimmer

Drinnen haben sie das einstige Wohnzimmer in einen Campingplatz verwandelt. Die Schnüre des weißen Zelts sind mit Heringen in den Boden gerammt. Daneben stehen ein Campingtisch und –stühle, eine Gasflasche, Geschirr und ein Grillgerät. Der CERA-Mann will wissen, wer das beste Englisch spricht; der Große mit der schwarzen Baseballkappe unter der Gangsta-Rapper-Kapuze erhält das einstimmige Votum der Reisegruppe. Er muss mit zur Hausbegehung. 

Es geht in ein Schlafzimmer, dessen Zustand der abgehärtete CERA-Angestellte höflich als „nicht ideal“ bezeichnet: Mehrere frischgesetzte Kothaufen und zerknülltes Klopapier zieren den Teppichboden. „Das ist frisch“, sagt der Sicherheitsmann. Der Deutsche behauptet, er wisse nicht, wer diese Schweinerei hinterlassen habe. Er gibt sein Leugnen erst auf, als er erfährt, dass sämtliche Grundstücke rund um die Uhr kontrolliert und regelmäßig fotografiert oder gefilmt werden.

So unglaublich es klingt, aber die ertappten Ein- und Hausfriedensbrecher sind mit einem blauen Auge und einer Verwarnung davongekommen. CERA hat auf eine Anzeige verzichtet und lediglich die Personaldaten und Reisepassnummern der unerquicklichen Touristen an die Polizei weitergeleitet. Sollten sie während ihres Aufenthalts noch einmal negativ auffallen, wird der Vorfall von Southshore zum Straffall. 

"Ihr könnt sie einpacken und mitnehmen"

In der in Christchurch erscheinenden Tageszeitung The Press schafften es die Deutschen auf die Titelseite, auch das Fernsehen zeigte die Bilder und Gesichter. „Nicht dass andere Touristen denken, so ein widerliches Benehmen wäre irgendwo in Neuseeland akzeptabel“, sagte CERA-Chef Roger Sutton.

Aber an den Pranger gestellt zu werden, war längst nicht die größte Strafe für die Dreierbande. „Putzt das hier weg“, befahl der CERA-Sicherheitsmann mit Blick auf die Tretbomben im Schlafzimmer. „Ihr könnt sie einpacken und mitnehmen.“

 

Wer wissen will, ob vielleicht ihre Freunde oder Bekannten diese unsäglichen Camper waren, hier ist der Link zum Video:

Comments