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30.04. Jahrhundert-Fluten

Christchurch, das Venedig der Südinsel 
CHRISTCHURCH. Als weite Teile von Christchurch am 5. März unter Wasser standen, sprach alle Welt von einer Jahrhundert-Flut. 

Am Karfreitag, als die Ausläufer des tropischen Zyklons Ita Neuseeland peitschten, wiederholte sich das Naturereignis mit sämtlichen Begleiterscheinungen: Häuser kniehoch unter Wasser, Straßen als reißende oder stehende Flüsse, auf denen man im Kajak oder als Ente am besten vorankam, abgesoffene Autos, schwimmende Mülltonnen, Klohäuschen und Eimer, verstopfte Abflüsse, überlaufende Kanalisation, Erdrutsche, Steinschlag in den hügeligen Vororten, Straßensperren, Evakuierungen, Verzweiflung. 

Heute erlebte die zweitgrößte Stadt der Nation die dritte Jahrhundert-Flut innerhalb von acht Wochen, und es scheint, als sei das die neue Normalität in der Erdbeben-Stadt.

Aber was, um alles in der Welt, hat die für ihr eher trockenes Klima bekannte Ostküste in das Venedig der Südinsel verwandelt und zahlreiche Bewohner in selbstmordgefährdete Nervenbündel? Warum rasen plötzlich Sturzbäche durch die steilen Straßen von Lyttelton und verwandeln Vorgärten in Schlammlawinen, die samt Bäumen, Blumen und Gemüse die Hänge hinabrutschen? 

Sintflut statt prognostizierter Dürre

Bis vor einem Jahr schlummerte das Dorf, in dem sich der Hafen von Christchurch befindet, im Krater eines erloschenen Vulkans friedlich vor sich hin. Das letzte Hochwasser war hier 1960 notiert worden, als die Tsunami-Welle nach dem Erdbeben in Chile den Pegel um fünf Meter steigen ließ. Klimawandel-Experten prognostizier(t)en der Region Canterbury noch trockenere Sommer als üblich, nicht die tägliche Sintflut, bei der auch die Gondolieri auf dem Avon die Arbeit einstellen.

Die außergewöhnliche Niederschlagsmenge in diesem Jahr ist nur eine teilweise Erklärung für das Phänomen. Der normale Jahresdurchschnitt liegt bei 650 Millimetern, doch in den ersten vier Monaten sind bereits 350 Millimeter auf Christchurch und unglaubliche 590 Millimeter auf Lyttelton niedergeprasselt, und der Winter hat auf der südlichen Hemisphäre noch nicht einmal begonnen. 

Solche heftigen Güsse haben auch in der Vergangenheit die Flüsse Avon und Heathcote über die Ufer treten lassen und Vorgärten getränkt. Aber Christchurch als Stadt der Wasserstraßen und Seenlandschaften?

Diese existenzbedrohende Entwicklung ist eine Folge der Erdbebenserie mit vier vernichtenden Erschütterungen zwischen September 2010 und Dezember 2011, und die Gefahr ist von den Behörden ganz offensichtlich unterschätzt worden. Sonst wären vielleicht die „Red Zones“ ausgeweitet worden. Das sind flussnahe, hochwassergefährdete Gebiete auf instabilem Untergrund, die nicht mehr bebaut werden dürfen. Die Häuser wurden oder werden abgerissen, die Besitzer vom Staat entschädigt und umgesiedelt.

Alptraum Flockton Basin: Neun Mal Hochwasser seit den Erdbeben

Im Flockton Basin, wo der Avon-Nebenfluss Dudley Creek und seine Zubringer die Stadtteile Mairehau, Shirley und St. Albans überschwemmen, berichten die Bewohner, dass sie seit den Erdbeben schon neun Mal überflutet worden sind. Nicht erst die vermeintlichen Jahrhundert-Katastrophen zwangen sie aus ihren Heimen. Bloß jetzt steht das Wasser noch höher, mancherorts knie- oder gar hüfthoch. 

Manche Häuser sind auf Kosten der Versicherungen gerade neu aufgebaut oder repariert worden. Die neuen Teppichböden sind wassergetränkt und verdreckt, die Möbel ruiniert, die Menschen mit Kraft und Nerven am Ende. Fernsehreporter waten in Kanalstiefeln durch die braune Brühe und dokumentieren das Elend der vom Schicksal gebeutelten Menschen. 

Die meisten hoffen, dass auch ihre Straßen zur „Red Zone“ erklärt werden. Bürgermeisterin Lianne Dalziel hat das Thema zur Chefsache erklärt. Aber egal, mit welchen Maßnahmen das Hochwasserrisiko minimiert würde, die Umsetzung der Pläne dauert mindestens zwei Jahre. Die Regierung hat Finanzierungsbereitschaft signalisiert, wartet aber auf Vorschläge der Stadtverwaltung.

Viele Häuser sind um einen halben Meter gesunken

Das Grundübel in Christchurch ist, dass die Stadt auf feinsandigem Schwemmland errichtet und der wasserhaltige Boden vor der Bebauung nicht stabilisiert und kompaktiert worden ist. Deshalb hat sich bei den Erdbeben der Untergrund verflüssigt. 

Das passiert, weil sich bei solchen Erschütterungen die leichteren oberen von den schwereren tieferen Bodenschichten trennen und sich in einem unterschiedlichen Rhythmus bewegen. Der Druck auf das oberflächennahe Wasser wird letztlich so groß, dass es sich aus dem Sand löst und von den stabileren Schichten an die Oberfläche gepresst wird. Dadurch verliert die Sandschicht ihre Festigkeit, das mobilisierte Sediment schießt durch Schwachstellen wie Lava aus einem Vulkan. Die darauf stehenden Gebäude sinken.

Viele Häuser in Christchurch liegen jetzt 50 Zentimeter tiefer als vor den Erdbeben und unter dem Meeresspiegel. Da der Boden nun auch noch verdichtet ist, läuft das Wasser nicht mehr oder nur unendlich langsam ab. Der Avon und Heathcote sind durch die seitliche Dehnung der Sedimente enger geworden, der Sand ist nicht ausgebaggert worden, und weil die Flüsse auch noch gezeitenabhängig sind, herrscht bei Flut oder heftigem Regen Land unter. Diese Gefahr droht täglich, nicht nur einmal in hundert Jahren.


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