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15.04. Forever royal

Republik-Träume in endloser Warteschleife
WELLINGTON. Kleine Prinzessinnen in pink- und lilafarbenen Tüllröckchen, goldenen Ballerinas und mit Pappkrone oder Plastik-Tiara im Haar. Kreischende Teenager, die in Tränen ausbrechen, wenn der echte Prinz aus dem fernen Land Hallo sagt und sie fragt, wie es ihnen geht. Fähnchenschwenkende Großmütter, deren Herzen vor Aufregung fast zerspringen, wenn die wunderschöne Frau mit den langen, braunen Haaren und den alle paar Stunden wechselnden bunten Kleidern ihre Hand schüttelt. Es war pure Disneyland-Hysterie, die das britische Thronfolger-Paar William und Kate bei seinem zehntägigen Staatsbesuch in Neuseeland ausgelöst hat – in einer Bandbreite von Blutjung bis Uralt, von der Pop- und Rockstars nur träumen können.

Selbst zahlreiche eingefleischte Republikaner, die die Abschaffung der konstitutionellen Monarchie fordern, finden die Aussicht, auch in den nächsten hundert Jahren dem/der Herrscher/in des britischen Königshauses als offiziellem Staatsoberhaupt zu huldigen, nach den Triumphmärschen der bezaubernden, jungen Royals an den stundenlang hinter Absperrgittern harrenden Untertanen entlang plötzlich gar nicht mehr so furchtbar.

Die in Christchurch erscheinende Tageszeitung The Press schrieb nach dem Besuch des Herzogspaars von Cambridge, das den Menschen in der Erdbebenstadt mitfühlende und – wie beim Cricketspiel am Latimer Square – lustige Momente bescherte, dass es „mehr denn je wahrscheinlich ist, dass auch ihr Sohn als König George Herrscher von Neuseeland“ sein werde. 

Klein-George, der bei einer Spiel- und Krabbelrunde im Gouverneurspalast in Wellington seinen ersten und einzigen offiziellen Termin wahrnahm und in der übrigen Zeit in der Obhut seines spanischen Kindermädchens von der Öffentlichkeit abgeschirmt wurde, ist noch nicht einmal ganz neun Monate alt, und bevor seine Eltern den Thron besteigen dürfen, muss erst einmal die Queen abdanken und Prinz Charles zusammen mit Camilla ein paar Jahre oder Jahrzehnte das Zepter schwingen. 

"Time for a Kiwi Head of State" - oder nicht?

Als William und Kate in Auckland auf America’s-Cup-Yachten zu zwei Regatten gegeneinander antraten, kreiste zwei Stunden lang ein von der Repubik-Bewegung „New Zealand Republic“ angeheuertes Kleinflugzeug über den Waitemata Harbour und zog ein flatterndes Banner hinter sich her. Darauf stand, es sei Zeit für ein neuseeländisches Staatsoberhaupt („Time for a Kiwi Head of State“), das Äquivalent des deutschen Bundespräsidenten.

Nun brachte die über die Royals ausgeschüttete hingebungsvolle Liebe die Erkenntnis, dass die von der Erbfolge bestimmte Monarchie Werte repräsentiert, die gewählten und ständig wechselnden Volksvertretern abgehen: Kontinuität, Sicherheit und Stabilität.

Wohlwissend, dass die dem einstigen Mutterland am weitesten entfernten Commonwealth-Staaten am schwierigsten zu halten sind, schickte der Palast seine schlagkräftigste Kombination ans andere Ende der Welt, und die Könige der Herzen leisteten mit ihrer Attraktivität, ansteckend positiven, lockeren, herzlichen und volksnahen Art ganze Arbeit.

Charme-Offensive entfaltet volle Wirkung

Die Frage ist, ob sich die Australier von William, Kate und George, die heute nach Sydney reisen, ebenso spielerisch leicht einlullen und zurückgewinnen lassen wie die lediglich 4,3 Millionen Neuseeländer, für die jeder königliche Besuch wesentlich billiger ist als eine weltweite Tourismus-Werbekampagne. [Update: Ja, auch die Aussies!]

Der Appetit, das gegenüber der ehemaligen Kolonialmacht kritischer eingestellte Land der Kängurus (23 Millionen Einwohner) in eine Republik umzuwandeln, war schon immer größer als beim kleinen Nachbarn. 

Aber vor dem Besuch in Neuseeland sagte auch jeder, es sei nur eine Frage der Zeit, wann sich die Nation gegen die Monarchie entscheiden würde. Niemand dachte dabei an eine Größenordnung von hundert Jahren. William und Kate haben dies mit ihrer Charme-Offensive innerhalb von zehn Tagen gründlich geändert.



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