08.03. Der Fels im Haus

Die Therapie eines heimatlosen Felsbrocken-Besitzers
Seit dem katastrophalen Erdbeben in Christchurch am 22. Februar ist Phil Johnson heimatlos. Ein 25 Tonnen schwerer Felsblock – zwei Meter hoch, zwei Meter breit und dreieinhalb Meter lang – donnerte unweit der Seilbahn im Stadtteil Heathcote die Port Hills hinunter, fällte zwei fünfzig Jahre alte Tannen, flog über einen Zaun, schlug im Garagendach ein, kerbte einen Krater in den Betonboden und krachte schließlich in das herrschaftliche Haus, wo er in der Diele zum Liegen kam. „Wir können froh sein, dass wir leben“, sagt der 48-jährige Geschäftsmann. „Ein Glück, dass dienstags bei uns nie jemand zu Hause ist.“

Wie so viele andere Cantabrians, die ihr Zuhause verloren haben, sind Phil Johnson und seine Frau Tiffany auf der Suche nach einem Haus, in dem sie mit den Kindern Olivia (7) und Luke (5) bis zum Wiederaufbau zur Miete wohnen können. „Das Problem ist, dass man erst mal eins finden muss, das steht“, sagt Johnson, „und wenn man eins gefunden hat, wollen es natürlich alle haben.“ Nach einer Woche im Wohnmobil – „unsere Überlebenszelle“ – wohnen sie immer nur für ein paar Tage bei denselben Freunden, „denn wir wollen niemandem zur Last fallen“.

Trotz der ungeklärten Wohnungsfrage verbrachte der blonde Mann das vergangene Wochenende am Computer und beantwortete Fragen auf TradeMe. Das ist eine Auktionsplattform im Internet, die neuseeländische Version von Ebay. Fragen wie: „Warum habt Ihr Euer Haus nicht auf, sondern unter dem Fels gebaut?“ Oder: „Wurde Rocky wegen Einbruchs verhaftet?“ Oder: „Ist das Haus im Preis inklusive?“
 
Frage- und Antwort-Spiel im Internet als Fulltime-Job
 
Von dem Tag an, als er den Felsbrocken, der sein Haus zerschmetterte, Rocky taufte und bei TradeMe als Gartengestaltungselement zum Verkauf anbot, war dieses Frage- und Antwort-Spiel zu einem Fulltime-Job geworden. „Ich habe zwischen 1500 und 2000 Fragen beantwortet“, so Johnson, „und ich habe bis zum Ende der Auktion am Montag weitergemacht, „denn das Geld kommt dem Hilfsfond zum Wiederaufbau von Christchurch zugute, nicht mir selbst.“

Als die Auktion um 11.40 Uhr schloss, war die Anzeige 316.354 Mal aufgerufen worden. NZ Ski, Besitzer der drei größten alpinen Skigebiete der Südinsel Neuseelands und Kunde von Johnsons Firma CommArc, ersteigerte Rocky für 50.000 NZ-Dollar (26.420 Euro).
 
TradeMe teilte mit, die Auktion habe den Sprung in die Top 10 aller Zeiten geschafft, und noch nie hatte eine elektronische Verkaufsannonce so schnell 100.000 Zugriffe. „Obwohl ich nur 50 Leute per Email über die Auktion informiert hatte, verbreitete sich die Nachricht wie ein Virus“ , erzählt Johnson. „Medien aus der ganzen Welt haben mich kontaktiert, von Australien über Dubai bis Großbritannien“, erzählt er.
 
In der vergangenen Woche war Johnson Gast bei „Campbell live“ auf TV3, einem der populärsten Nachrichtenmagazine der Nation, und auf „Channel 10“ in Australien.
 
Symbol des positiven Denkens
 
Mit seiner Idee ist der zurückhaltende Mann mit dem verschmitzten Lächeln, dem öffentliche Auftritte eigentlich ein Graus sind, in Neuseeland zum Symbol des positiven Denkens geworden.
 
„Eine Weile habe ich nichts als Trauer gefühlt – zu sehen, was das Erdbeben angerichtet hat, und ohne Zuhause dazustehen. Aber dann habe mir gesagt, ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagt er. „Diese Auktion auf TradeMe hat mir dabei geholfen. Es ist meine Therapie, um den Schock zu verarbeiten, und Therapie für das ganze Land. Wir können jetzt über den Felsbrocken und das Erdbeben lachen. Das ist der typische Kiwi-Humor, den schlimmsten Dingen immer noch etwas Positives oder Lustiges abzugewinnen.“

Nach dem Online-Erfolg plant Phil Johnson schon den nächsten Coup: Die witzigen Auktions-Dialoge sollen demnächst als Buch erscheinen. „Es soll zehn Dollar kosten“, sagt er, „und ich hoffe auf eine Million Dollar für den Hilfsfond.“

Johnson selbst hat Spenden und Wohltaten nicht nötig. Sein Unternehmen CommArc – eine Beratungsfirma in der IT-Branche - läuft blendend, und seit dem Erdbeben brummt das Geschäft erst recht, denn die Betriebe und Kanzleien aus der zerstörten und abgesperrten Innenstadt brauchen neue Computer, neue Server, neue Büros.
 
Firmengebäude als Notunterkunft für Kunden
 
Johnsons Firmengebäude im westlichen Stadtteil Riccarton rüttelte zwar kräftig, blieb aber unbeschädigt. Den Konferenzraum im ersten Stock hat er schon einige Male anderen Unternehmen für Versammlungen zur Verfügung gestellt. Im Erdgeschoss drängen sich in allen Ecken die Mitarbeiter plötzlich büro-loser Kunden.

Seinen Kindern hat Johnson die Tatsache, heimatlos zu sein, als großes Abenteuer verkauft. Aber irgendwann hofft er natürlich, Olivia und Luke in die vertraute Umgebung zurück zu bringen und ein neues Haus an der alten Stelle zu bauen. Aber es gibt ein Problem, sagt der Rekord-Auktionär: „Rockys Geschwister sitzen oben am Hang und wollen ihn besuchen...“ Ein neuer Fall für TradeMe?
 
Phil Johnson: "Wir können froh sein, dass wir leben."
 

Dieses Portrait-Foto wurde von mir aufgenommen, die anderen Bilder hat mir Phil Johnson zur Verfügung gestellt. Die Frau auf dem Bild links unten ist nicht Phils Frau Tiffany.

 
Noch mehr Geld
 
Im nachhinein brachte die Auktion noch mehr Geld ein als die 50.000 NZ-Dollar von NZ Ski.
 
Zunächst hatte TradeMe das Höchstgebot gelöscht und dem zweithöchsten Bieter - einer Frau aus Auckland - den Zuschlag gegeben. Sie hatte 10.050 NZ-Dollar geboten.
 
Als geklärt war, dass das Gebot von NZ Ski seriös war, einigten sich alle Beteiligten darauf, dass NZ Ski den Fels bekommt und die Frau eine Gratisreise nach Norfolk Island, die ein Unterstützer dem Gewinner der  Auktion zwischendurch angeboten hatte. Somit fließen 60.050 NZ-Dollar in den Hilfsfond zum Wiederaufbau von Christchurch.
 
Rockys Reise zum Mt. Hutt
 
NZ Ski wird, sobald Phil Johnsons Haus und Grundstück wieder begehbar sind, den Felsbrocken an die Piste am Mt. Hutt transportieren und mit einer Gedenkplakette versehen. Dort können dann Fans zu Rocky pilgern.

Der Krater im Rasen, hinten die Einschlagstelle im Garagendach.

 
 
Comments