14.06. Auch dieses Beben...

Überlebt, überstanden - aber der Rüttler überdrüssig
Es ist mal wieder der Morgen danach. Der Morgen nach einem schweren Erdbeben. Das Morgegrauen, das in Christchurch und auch hier in Lyttelton eine neue Bedeutung erhalten hat. Das Grauen am Morgen.
 
Ich schaue aus dem Fenster nach links über die Bucht - und die Timeball Station ist verschwunden. Das Wahrzeichen unseres kleinen Orts. Es sah aus wie eine kleine Ritterburg, ein grauer Granitturm mit zweistöckigem Anbau, oben drauf eine Stange mit einer roten Kugel, die zu Zeiten, als die Seefahrer noch nicht auf Satelliten-Informationen zurückgreifen konnten, jeden Tag um 13 Uhr nach unten fiel und auf diese Weise den Kapitänen draußen auf dem Meer die genaue Zeit bekannt gab. Sie war eine von nur fünf solchen Stationen weltweit, die noch funktionierten.
 
Die Timeball Station war nach dem Februar-Beben nur noch ein Wrack. Der Turm stand zwar fast trotzig auf seiner erhöhten Position über den Hafenklippen, aber er hatte Risse, und der Anbau war von allen Seiten einsehbar. Ein "open home" der anderen Art.
 
Die Außenwände waren ein- und abgestürzt. Mehrere Male war in unserer Zeitung "The Press" angekündigt worden, die Timeball Station werde "von heute an" abgebaut, um in nicht allzu ferner Zukunft rekonstruiert zu werden. Es passierte nie. Erst vor einigen Tagen war ein Kran in der Nähe aufgetaucht und der Fahnenmast im Vorgarten war verschwunden. Jetzt ist die Timeball Station nur noch ein Haufen Schutt.
 
Die Timeball Station ist nur noch ein Haufen Schutt
 
Nach dem ersten schweren Beben (Stärke 5,5, korrigiert auf 5,6) gestern um 13 Uhr stand der Turm offenbar noch, allerdings weiter geschwächt.
 
Aber der große Rüttler (6,0 - korrigiert auf 6,3) achtzig Minuten später gab dem Bauwerk den Rest. Das Gebäude mit seinem markanten Turm ist nahezu dem Erdboden gleich, aus unserem Blickfeld und Leben verschwunden, und die Rekonstruktion wird um einiges schwieriger werden, weil mit dem Abbau getrödelt wurde.
 
Das Morgen-Grauen. Ich war gerade auf der Veranda im obersten Stockwerk (Aktenschränke im Büro mehr oder weniger entleert...). Von dort habe ich den vollen Überblick über Lyttelton. Ich habe die drei schwer beschädigten Kirchen gesucht. Sie sind kaum noch zu sehen. An der Holy Trinity Church ist nun auch noch das Dach abgestürzt. An wackeligen Ziegelsteingebäuden, die noch gestanden hatten, sind die Wände weiter gebröckelt, Plastikplanen, die notdürftig Löcher in Fassaden und Dächern abgedichtet hatten, hängen leblos an den Firsten.
 
Unten in unserem Garten liegen die Steine, die ein Terrassenbeet umrandeten, wieder auf dem Rasen verstreut. Aus der Stützmauer, die im Februar das raumhohe Fenster unseres Gästebadezimmers durchschlug, sind weitere Steinbrocken gefallen. Als ich nach dem September-Beben Bedenken angemeldet hatte, sagten die Ingenieure der Earthquake Commission, diese Mauer könne nicht einstürzen. Als sie sich im Februar nicht daran hielt, sagten sie, mehr könne nun wirklich nicht passieren. Sie müssen's wissen, schließlich sind sie die Experten...
 
Ach ja, fast hätte ich's vergessen...
 
Das Überleben und Überstehen
 
Wir haben auch dieses Erdbeben überlebt und ohne Kratzer überstanden - vornehmlich deshalb, weil wir gar nicht zu Hause waren. John hatte beruflich in Nelson, mehr als 400 Kilometer entfernt, im Norden der Südinsel, zu tun. Wir waren am Sonntag hoch gefahren. Am Montag mittag stand ich gerade am deutschen Wurstwagen, als John kurz nach 13 Uhr anrief und sagte, in Christchurch habe es ein Beben der Stärke 5,5 gegeben. Kurz danach kam der Metzger angerannt und erzählte dasselbe.
 
Einige Zeit später auf dem Heimweg, irgendwo zwischen Nelson und Blenheim, hörten wir im Radio von dem heute auf 6,3 korrigierten 6,0-Beben. Da verlor ich wirklich kurz die Fassung, weil ich's einfach nicht glauben konnte, dass die Aufbruchstimmung, die sich allenthalben breit gemacht hatte, einen derart brutalen Dämpfer erhalten sollte. Wir hielten an, um mit Johns Schwester und seinen Kollegen in Christchurch Kontakt aufzunehmen. Dort war alles ok. Eine Nachbarin textete, ihr Partner habe gesagt, im Haus liege wieder alles kreuz und quer verstreut in den Zimmern herum. Da wussten wir dann so ungefähr, was uns erwarten würde.
 
Da ständig von Strom- und Wasserausfall die Rede war, aber nicht genau wo, beschlossen wir, dass wir in Kaikoura Rast einlegen, die Fernsehberichte anschauen und ich meine Zeitungsgeschichte schreiben würden. So fielen wir bei "Robbies" ein, belegten einen Tisch in der Nähe einer Steckdose, so dass wir für den Fall der Fälle auch die Batterien aufladen konnten. Danach fuhren wir durch die Nacht - einerseits froh, dass wir dieses neuerliche Beben nicht miterleben mussten, andererseits aber mit einem mulmigen Gefühl, weil wir nicht gleich checken konnten, was mit und in unserem Haus passiert war.
 
Nach 6800 Beben: Kisten statt Schränke
 
Im Haus sieht's nicht so schlimm aus wie im Februar, aber in einigen Zimmern trotzdem chaotisch. Und auch davon habe ich die Nase voll. Ich habe gerade eine Verpackungsfirma angerufen und die Preise von Bücherkisten erfragt. Wir hatten unsere Umzugskisten leider vor gar nicht allzu langer Zeit weggegeben. Pech! Der Plan ist, gar nichts mehr in die Schränke und Regale zurückzustellen, sondern in Kisten zu packen, bis alles renoviert ist, denn sonst muss ja noch einmal alles aus- und wieder eingeräumt werden. Ich kann mir wirklich eine sinnvollere Nutzung meiner/unserer Arbeitskraft vorstellen.
 
Diesmal wurde unser Hausrat nur unwesentlich reduziert, drei Gläser, zwei Keramikbecher, eine Keramik-Seifenschale, eine Vase, eine Teekanne, ein paar Glühbirnen. Aber ein hohes Bücherregal ist wieder umgestürzt und die Inhalte von Regalen und natürlich auch meine aktuellen - und sortierten! - Akten, die ich auf dem Esstisch aufgestellt hatte, liegen verstreut in diversen Zimmern herum. Die Schubrichtung des Bebens scheint eine andere gewesen zu sein als im Februar, gemessen an der Verschiebung diverser Regale und Schränke und welche Schranktüren sich geöffnet haben. Ein Glück, dass der Fernseher überlebt hat ;-))

Jetzt steht wieder das große Aufräumen an, aber immerhin haben wir Strom und Wasser. Gestern wurden in und um Christchurch mehr als 50 Beben innerhalb von 24 Stunden registriert, und jetzt geht's gerade so weiter. Zwischen zwei und drei Uhr nachts weckte uns ein 4,7 starker Rüttler. Und unsere Erdbeben sind ja wirkliche Rüttler. Die Erde bewegt sich vertikal und gibt einem das Gefühl, einen Presslufthammer in den Händen zu halten. 
 
Wir haben nur selten diese wellenförmigen horizontalen Schwingungen wie in Japan. Es fühlt sich alles wesentlich brutaler an - aber immerhin leben wir nicht in solchen schwankenden Hochhäusern... Ein Beben der Stärke 3,3 um 23.32 Uhr war das 6800. seit dem 4. September vergangenen Jahres.
 
Während ich nur frustriert und ein bisschen deprimiert bin, weil ich keine Lust aufs Aufräumen und Putzen habe, mag ich an die Leute in den östlichen Vororten über den Port Hills lieber gar nicht denken. Die müssen jetzt schon zum drittenmal tonnenweise diesen lehmigen Sand schaufeln und über überschwemmte Straßen waten, vor allem in New Brighton und Bexley. Relativ gesehen geht's uns noch immer sehr gut. Deshalb gehe ich jetzt Vögel füttern.
 

 
Mein Zeitungstext:
 
Beben und Leben unter der Aschewolke
 
CHRISTCHURCH. Zinnoberrote Sonnenuntergänge, Flugausfälle, gestrandete Urlauber: Die um die Südhalbkugel kreisende Aschewolke des Gift und Galle spuckenden Vulkans in Chile hat in den vergangenen paar Tagen die Menschen in Christchurch weitaus mehr beschäftigt als die fast täglichen Nachbeben – mehr als 6800 seit den zerstörerischen Erdbeben im vergangenen September und Februar – unter den eigenen Füßen.
 
Seit gestern um 14.20 Uhr (Ortszeit), als ein Rüttler der Stärke 6,0 auf der Richterskala in der größten Stadt der Südinsel Neuseelands Panik und Chaos auslöste, ist wieder alles anders. Und alles schon mal dagewesen. Aufgerissene und überflutete Straßen, abgebrochene und in die Tiefe gestürzte Klippen, in die Täler donnernde Felsbrocken, aus der Erde schießende Schlammfontänen, jene sichtbare Folge der Verflüssigung des Untergrunds in der auf Schwemmland erbauten Stadt, in den wachsfesten Morast gesunkene Autos, Strom- und Wasserausfall – und ein Gestank in der Luft, der darauf schließen ließ, dass auch diesmal Kanalisationsrohre brachen.
 
Leute rannten aus ihren Häusern und Bürogebäuden ins Freie, Feuerwehr-Sirenen heulten. Fahrzeuge verstopften die Straßen und brachten den Verkehr zum Stillstand, Brücken und der Tunnel nach Lyttelton wurden gesperrt. Selbst Menschen, die die unzähligen Nachbeben gefasst weggesteckt und keine schlaflosen Nächte verbracht hatten, wandelten wie bedeppert durch die Straßen und stellten sich wegen des Stromausfalls, der am Anfang mehr als 50.000 Haushalte vornehmlich im Osten der Stadt betraf, auf eine eisige Winternacht ein.
 
Die gute Nachricht: Im Gegensatz zum 22. Februar, als bei einem 6,3 starken Beben mit Epizentrum in der Nähe des nur 15 Kilometer von der Innenstadt entfernten Ortes Lyttelton 182 Menschen starben, waren keine Todesopfer zu beklagen. Das Epizentrum war dasselbe. Bei einer ersten Bestandsaufnahme war die Rede von zehn leicht Verletzten. Und klar, die Zerstörung war wesentlich geringer, denn die Erschütterung vor knapp vier Monaten hatte die prachtvollen neogotischen Gebäude und die billig gebauten Bruchbuden im Stadtkern bereits in Schutt und Asche gelegt.
 
In Lyttelton, wo 1850 die ersten englischen Pioniere anlegten, stürzte jedoch die Timeball Station, eine von nur fünf weltweit funktionierenden Uhrtürmen für die Seefahrt, vollends ein. Das Wahrzeichen der an die Hänge der Port Hills geklebte 4500-Einwohner-Gemeinde, die wie eine kleine Burg aussah, hatte bereits Teile seiner Fassade verloren, die Dekonstruktionsarbeiten vor dem geplanten Wiederaufbau hatten gerade begonnen.
 
Aus Angst vor weiter bröckelnden Klippen forderte das Krisenzentrum die Einwohner in den gefährdeten Zonen des am Meer gelegenen Sommerfrische-Vorortes Sumner auf, ihre Häuser zu verlassen. Selbst der Zivilschutz, der seit Februar in der Kunstgalerie gearbeitet hatte, verließ vorübergehend seine Einsatzzentrale. Premierminister John Key betonte in seiner Ansprache an die Nation: „Dieses Beben ist ein Rückschlag, aber es bremst unseren Willen nicht, die Stadt wieder aufzubauen.“
 
Seit jenem 22. Februar ist das Zentrum von Christchurch rund um den eingestürzten Turm der Anglikanischen Kathedrale eine von Absperrgittern abgeriegelte Geisterstadt, in der ein Hochhaus nach dem anderen, eine Kirche nach der anderen, eine Straßenzeile nach der anderen abgerissen wird. In Lyttelton stehen von den historischen Gebäuden lediglich noch die Ruinen der drei Kirchen, ansonsten bestimmen Baulücken das Bild der beiden Hauptstraßen des Hafenstädtchens, das als erster Vorort in einer Art Modellfunktion wieder aus Schutt und Asche auferstehen soll.
 
Umso demoralisierender war das gestrige Beben, das drittschwerste seit jenem 7,1-Schüttler vom 4. September, der jedoch in Christchurch selbst keinen großen Schaden anrichtete, weil das Epizentrum bei Darfield, 70 Kilometer weiter im Westen, lag, und jenem 6,3 starken Beben, das die zweitgrößte Stadt Neuseelands in die Knie zwang.
 
Es kam zu einem Zeitpunkt, als Christchurch auf dem Weg der Besserung schien, die meisten Straßen zumindest so repariert, dass man sie befahren konnte, ohne einen Achsbruch zu riskieren, dachlose Häuser wenigstens mit Plastikplanen abgedeckt. In manchen Vierteln hatten die Leute gerade die ersten Tage mit endlich wieder funktionierender Toiletten-Spülung gefeiert, und die lokale Tourismus-Behörde trommelte ihre Botschaft ungeachtet der permanenten Nachbeben penetrant in die Welt hinaus: „Christchurch lebt! 95 Prozent der Attraktionen und Aktivitäten sind geöffnet und in Betrieb.“
 
Die Erschütterung gestern nachmittag hat nun auch die letzten Träumer in die Realität zurück geholt. Die Seismologen des nationalen Instituts für Geologie- und Nuklear-Wissenschaften(GNS) hatten die Wahrscheinlichkeit dieses Déjà-vu-Erlebnisses erst vor zehn Tagen mit 23 Prozent beziffert, also nicht zwingend in der klassischen Folge von Nachbeben, aber eben doch gut möglich.
 
Bei einem Hauptbeben der Stärke 6,3 folgen innerhalb der folgenden zwölf Monate überlicherweise zwei Beben, die zwischen 0,2 und 1,2 Grad schwächer sind. Viele Leute hatten die von GNS veröffentlichten Zahlen als unnötige Schwarzmalerei gerügt und gefordert, die Wissenschaftler sollten lieber sagen, die Wahrscheinlichkeit, dass kein Beben der Stärke 6,0 stattfinden werde, liege bei 77 Prozent.
 
Auch diese Kritiker dürften seit gestern schweigen, als sich die Erde überhaupt nicht mehr beruhigen wollte. Nicht nur einmal rannten die Menschen verstört in Sicherheit, und was um 13 Uhr noch als schweres 5,5-Beben wahrgenommen worden war, wurde achtzig Minuten später zum Vorbeben. Bis 17 Uhr (Ortszeit) rüttelten 23 Beben innerhalb von 24 Stunden die Stadt und ihre Menschen durcheinander.
 
Dass zwischendurch der Flughafen geschlossen wurde, um den Schaden an einer Rollbahn zu untersuchen, fiel nicht ins Gewicht. Wegen der Aschewolke aus Chile können sowieso nicht alle Flugzeuge abheben.
 
 
 
  
Die Timeball Station nach dem Erdbeben im Februar.
 
6,3 statt 6,0
Das gestrige Beben wurde in der Zwischenzeit von 6,0 auf 6,3 hochgestuft. Das vorangegangene Beben der Stärke 5,5 wurde auf 5,6 korrigiert. Üblicherweise sollten "Nachbeben" wenigstens 0,1 bis 0,2 schwächer sein als das Hauptbeben. Vermutlich müssen wir noch froh sein, dass wir kein 6,9 erleben, angesichts des 7,1-Bebens im September... 
 
 
Warum Wegziehen nicht so einfach ist
 
Ja, ich habe die Schnauze voll, hier zu leben. Wenn ich könnte... Ja, das ist die große Einschränkung. Natürlich würde ich am liebsten alles zusammenpacken und nach Deutschland zurück gehen - und natürlich nicht in die Nähe des Zollerngrabens... Aber das ist auf absehbare Zeit nicht möglich.
 
Einfach weggehen können nur Leute, die zur Miete wohnen, jene, deren Häuser unbewohnbar sind und die eine volle Entschädigung von der Versicherung bekommen, und jene, die genug Geld haben, um sich  woanders ein zweites Haus zu kaufen. Denn kein Mensch kauft derzeit ein Haus in Christchurch, zumindest nicht in den Stadtteilen und Vororten, wo die Erdbeben die größten Schäden angerichtet haben.
 
Unser Haus ist bewohnbar, hat nur oberflächliche Schäden, der Grund und Boden ist in Ordnung, da ordnet die Versicherung an, alles zu reparieren. Das kann dauern. Und bis dann jemand selbst das am schönsten hergerichtete Haus im Erdbeben-Gebiet kauft, wird's noch länger dauern. So sitzen wir hier fest. Das ist die harte Realität.
 
Erdbeben-Link:
 
Die eindrucksvollen Ausmaße der Erdbeben im Raum Christchurch sind hier auf http://quake.crowe.co.nz/ zu finden. Ganz unten auf der Seite steht die permanent aktualisierte Gesamtzahl der Beben seit 4. September 2010.
 
Die Union Parish Church in Lyttelton nach dem Beben am 13. Juni.
 
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