16.03. Der Tsunami und wir

Die Realität der Relativität
Wie alle anderen Menschen auf der Welt haben wir erst ungläubig, dann fassungslos die Bilder von dem vernichtenden Tsunami in Japan verfolgt, den anschließenden Explosionen in den Atomreaktoren von Fukushima, diese Kettenreaktion nach dem Seebeben, die in einem Super-Gau endet)e).
 
Angesichts der zu erwartenden Anzahl der Toten, ob nun 10.000 oder 20.000 oder gar mehr, wissen wir hier in Christchurch und Umgebung, dass wir noch einmal Glück hatten, dass wir "nur" ein fürchterliches Erdbeben erlebt und - wenigsten die meisten - überlebt haben.
 
Seit dem Horror vom Nordosten Japans ist klar, dass das Wort Katastrophe klassifiziert werden muss. Auch Katastrophen sind relativ. Denn das Erdbeben, das die Innenstadt und einige Küstenvororte von Christchurch zertrümmerte, war auch eine Katastrophe. Ein 6,3-Beben direkt unter der Stadt mit dieser irren Untergrund-Beschleunigung von 2g ist massiv. Und doch - obwohl auch hier einige Menschen ihr Leben und viele ihre Häuser verloren haben - ein Klacks im Vergleich zu dem, was in Japan passiert ist und noch passiert.
 
Wir hatten das Glück, dass es "nur" ein Erdbeben war, denn ein Seebeben über 7,0 auf der Richterskala hätte auch hier ganze Vororte - wie New Brighton - wegspülen können. 1960 nach dem 9,5-Seebeben vor der Küste Chiles (Valdivia) stieg selbst hier im geschützten Lyttelton Harbour der Wasserpegel um fünf Meter. 
 
Sommer ohne Atomkraftwerke
 
Wir hatten das Glück, dass Sommer war und noch ist, auch wenn es nachts mittlerweile ganz schön abkühlt. Hier hat doch fast jeder trockene Kleider am Leib und friert sich nicht zu Tode, wie die durchnässten Leute im japanischen Winter.
 
Wir hatten das Glück, dass es hier keine Atomreaktoren gibt, die in die Luft fliegen und die Menschen mit radioaktiver Strahlung verseuchen.
 
Wir haben die schrecklichsten Augenblicke unseres Lebens und einige unangenehme Tage hinter uns, und es gibt viele Menschen, die von Zukunftsangst geplagt werden, weil sie ihre Häuser, Arbeitsplätze und Sicherheit verloren haben. Sie haben schwere Zeiten vor sich, müssen ein primitives Leben führen ohne Wasser und Kanalisation, Plumpsklos im Garten oder Klohäuschen irgendwo in der Pampa.
 
Aber auch das ist relativ. Sie haben zu essen und zu trinken, können so viel Benzin tanken, wie sie wollen, falls sie das Geld dazu haben, und hinfahren oder -fliegen, wohin sie wollen und wo sie sich sicher fühlen. Und sie haben ihr Leben.
 
Zwei Tage in einer erdbebenfreien Zone
 
Wir waren zwei Tage weg, in der erdbebenfreien Zone von Auckland, der einzigen Millionenstadt Neuseelands. Es war schön, zwei Tage ohne Nachbeben zu verbringen. (Auch wenn ich zusammenzuckte, wenn ein Lastwagen an mir vorbeiratterte und der Boden vibrierte.)
 
Es war schön, unbeschädigte historische Gebäude zu bewundern. Es war schön, aus hunderten Restaurants wählen und italienisches Eis essen zu können, mit dem Boot zu den Inseln des Hauraki Gulfs hinauszufahren. Solche Dinge sind Luxus für uns in Christchurch.
 
Hier ist es sogar schwierig, sich fit zu halten, wenn man nicht 20 Kilometer fahren möchte, weil unsere Wanderwege gesperrt und unglaublich viele Fitnessstudios beschädigt und geschlossen sind. 
 
Die endlosen weißen Sandstrände sind verseucht, weil ungeklärtes Abwasser ins Meer fließt. Volkshochschulkurse fallen aus, weil es keine Räume dafür gibt. Die Universität hält Vorlesungen in Zelten auf dem Campus, Schulen arbeiten nach Zwei-Schicht-Plänen: eine Schule von 8 bis 13 Uhr, die gebäude-lose Schule, mit der sie ihr Gebäude jetzt teilt, von 13 bis 18 Uhr.
 
Das eindimensionale Leben
 
Das Leben ist etwas eindimensionaler geworden, viele Leute sind mit der Organisation der einfachsten Dinge wie Duschen, Waschen und Kochen ausgelastet, über die man früher nicht einmal nachdenken musste. Manche fahren zum Duschen durch die halbe Stadt.
 
Andere kommen kaum von A nach B, weil der Bus-Service noch längst nicht voll funktioniert und/oder ihre Autos, selbst wenn sie nicht kaputt sind, im immer noch abgesperrten Kern der Innenstadt festsitzen.
 
Uns persönlich geht es gut, da wir ein Dach über den Kopf, Wasser, Strom und ein funktionierendes Abwasser-System haben. Die größte Gefahr für uns ist, dass wir uns eine Magen-Darm-Infektion holen, wenn wir beim Zähneputzen aus Versehen mit einem Mundvoll Leitungswasser spülen anstatt das abgekochte Wasser aus der Flasche zu nehmen, weil diese Automatismen so eingeschliffen sind. Ich musste schon einige Male die Zahnbürste mit kochendem Wasser sterilisieren, weil ich sie unters fließende Leitungswasser gehalten hatte.
 
Es ist leicht frustrierend, die Schäden an Decken und Wänden zu sehen und sie nicht reparieren zu können, solange kein Versicherungsmann sie begutachtet und aufgenommen hat. Das kann noch ewig dauern, denn erst einmal müssen die Leute versorgt werden, deren Häuser unbewohnbar sind und eventuell abgerissen werden müssen.
 
Zeit zum Aufräumen und Entrümpeln
 
So lasse ich mir auch mit dem Aufräumen, Sortieren und Entrümpeln Zeit. Wir liebäugeln mit dem Gedanken, alles in Kisten zu packen und während der Reparaturarbeiten auszuziehen, denn in unserem mehrstöckigen Haus auf kleiner Fläche haben wir nur extrem begrenzte Möglichkeiten, Möbel von Zimmer zu Zimmer zu räumen. Und von dem Staub, der bei jeder Reparatur entsteht, habe ich wahrlich die Nase voll.
 
Aber, wie gesagt, das ist alles Pipifax, gemessen an den lausigen Lebensumständen vieler Leute, die hier beim Erdbeben alles verloren haben, wofür sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Und selbst denen geht's relativ gut, gemessen am Leid, das die Menschen derzeit in Japan durchmachen müssen.
 
Trotzdem muss man sich nicht miserabel fühlen, weil es einem besser geht. Nach unserem Erdbeben und vor dem Deaster in Japan haben sich einige Leute in dem Reiseforum, das ich regelmäßig besuche, dafür entschuldigt, dass sie ihren Neuseeland-Urlaub planen, obwohl es uns in Christchurch so hart getroffen hat. Ich habe jedesmal gesagt, es besteht kein Grund, die Freude aus seinem eigenen Leben zu entfernen, bloß weil andere Menschen eine schwere Zeit durchmachen, solange nicht sie - die Fröhlichen - die Situation verursacht haben.
 
Auch wir sitzen nicht den ganzen Tag da und jammern. Selbst die Leute, deren Häuser eingestürzt sind, haben ihren Humor nicht verloren, auch wenn ihnen, wenn sie alleine sind, oft nicht nach Lachen zumute ist. Nach dem ersten Schock muss der Blick nach vorne gehen. 
 
Unsere mittlere Katastrophe und die Dreifach-Katastrophe in Japan sollten jedoch Anlass sein, über sein Leben nachzudenken, denn die Katastrophen geben dem eigenen Tun und Denken eine Perspektive. Man sollte sich nicht über Banalitäten beklagen oder sich daran aufhalten, sondern dankbar dafür sein, dass es einem besser geht, großzügig mit sich und anderen sein, denen es schlechter geht. Das Leben genießen, so gut und solange es geht. 
 
 
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