22.02. Das Erdbeben

Die Stunden danach
Meine ungekürzte Zeitungsgeschichten über das schwere Erdbeben vom 22. Februar 2011 in Christchurch und Umgebung

Die Straßen biegen sich wie Wachs

Nach mehr als 4000 Nachbeben hatten die Menschen in Christchurch und Umgebung geglaubt, gedacht, vielleicht auch nur gehofft, dass das Schlimmste nach dem verheerenden Erdbeben vom 4. September vergangenen Jahres (7,1 auf der Richterskala) und dem zerstörerischen Schüttler am Zweiten Weihnachtsfeiertag vorüber sei.
 
Bürgermeister Bob Parker hatte in der vergangenen Woche bei einer Erdbeben-Konferenz in Nepal erklärt, in Christchurch sei die Normalität eingekehrt und die zweitgrößte Stadt Neuseelands und ihre Geschäfte seien für Besucher geöffnet. Regelmäßige Rumpler waren Teil des Alltags geworden. Mehr als 4000 Mal seit jenen Katastrophen-Tagen.

Wie sehr hatten sich doch alle geirrt. Gestern kurz vor 13 Uhr Ortszeit (1 Uhr MEZ) grollte die Erde, wie eine Welle unter der Oberfläche, die immer mehr anschwoll und rumpelte und pumpelte und überhaupt nicht mehr aufhören wollte. Häuser stürzten ein, als wären sie aus Karten gebaut, auch die berühmte Kathedrale, Wahrzeichen, Mittelpunkt und Herz der größten Stadt der Südinsel Neuseelands, und die märchenhaft schönen Provincial Chambers, Sitz der einstigen Provinzregierung.
 
"Die dunkelste Stunde der Nation"
 
Am Abend wurde bekanntgegeben, 65 Menschen seien ums Leben gekommen, und die Zahl könne noch dramatisch steigen, denn viele Leute wurden noch vermisst. Die Rettungskräfte versuchten verzweifelt, verschüttete Menschen zu befreien. Premierminister John Key, der am Latimer Square vor einem brennenden Gebäude stand, sprach von „der dunkelsten Stunde der Nation“.

Das Epizentrum des Bebens lag unter dem Vorort Lyttelton, wo sich in einer idyllischen fjordartigen Bucht der Hafen von Christchurch befindet. Christchurch und Lyttelton sind lediglich durch die bis zu 450 Meter hohen Port Hills getrennt, die Innenstadt der 460.000 Einwohner zählenden Großstadt ist nur 12 Kilometer entfernt.

Das Beben hatte zwar „nur“ die Stärke 6,3 auf der Richterskala, aber es war nur fünf Kilometer tief und katastrophaler als die 7,1-Erschütterung im September. „Im Vergleich zu diesem Beben war das vom September ein Kaffeekränzchen“, sagte ein Mann im Radio.

Hatte vor fünfeinhalb Monaten das Beben die meisten Menschen frühmorgens um 4.35 Uhr im Schlaf überrascht, wimmelte die Stadt gestern von Arbeitern und Angestellten aus Büros und Läden, von Shoppern und Touristen. In Lyttelton lag ein Kreuzfahrtschiff, das nicht, wie üblich, am frühen Abend ablegte. Es ist zu befürchten, dass sich auch internationale Besucher unter den Todesopfern befinden.
 
Kein Wasser und kein Strom
 
Die Einsatzleitung hat einen fünftägigen Notstand ausgerufen, Wasser- und Stromversorgung sind weitestgehend unterbrochen, Straßen gesperrt – die einen, weil sie sich wie Wachs verbogen haben oder aufgesprungen sind, andere, weil sich der Grund verflüssigte und aus kraterförmigen Öffnungen Schlamm, Sand und Wasser wie Geysire aus der Erde schossen.

Es begann mit einem unterirdischen Grollen, das die Leute in der Region seit jenem September-Tag, der ihre Welt veränderte, kennen. Üblicherweise rumpelt es danach, Gläser klirren in den Schränken, ein Tisch oder Stuhl vibriert, aber dann ist es nach zwei, drei Sekunden vorbei. Manchmal schon nach einer Zehntelsekunde.
 
Doch diesmal hört das Wackeln einfach nicht auf, und je länger es dauert, desto stärker werden die Schwingungen. Der Boden wackelt wie bei einem Rütteltest für Stoßdämpfer. Es klirrt und kracht. Die Erinnerung fehlt, wie es gelungen ist, vom Laptop am Tisch in einen Türrahmen zu flüchten und nicht unter dem neben den Tisch gefallenen Schrank begraben zu werden?

Schnell die an der Wand baumelnden Bilder abhängen, die noch nicht in tausend Scherben auf den Boden gekracht sind, damit sie beim nächsten Rumpler nicht durch den Raum fliegen und noch mehr Schaden anrichten. Es lebe der alte deutsche Kleiderschrank, er steht unverrückt wie eine Eiche, während eine Etage höher die Büroschränke kreuz und quer durchs Arbeitszimmer gestürzt sind, die Inhalte verstreut wie schon im September, Schubladen geleert.
 
Gläser und Tassen werden zu Geschossen
 
Die Küche gleicht einem Schlachtfeld. Offene Schranktüren, Gläser, Teller und Tassen müssen hier wie Geschosse durch die Luft geflogen sein, im begehbaren Speiseschrank stapeln sich die Vorräte – garniert mit Tomatensauce und Glasscherben – einen halben Meter hoch. Im Badezimmer im Erdgeschoss ist ein Geröllbrocken der Stützmauer vom höher gelegenen Nachbargrundstück durch die raumhohe Scheibe gekracht.

Ein Nachbeben jagt das nächste, und in den ruhigeren Sekunden wird gerettet, was die Journalistin braucht: Laptop und Notebook kommen ins Bett, die externen Festplatten in die großen Hosentaschen, die Kamera um den Hals. Sicherheit und Neugier sind der Antrieb, vors Haus zu gehen, die Fassade zu inspizieren (einige schmale Risse und abgebröckelter Putz) und nach Menschen zu suchen.
 
Eine Nachbarin, Alison, steht auf der Straße, weint und zittert. Sie wurde kürzlich am Magen operiert und war in einer Kneipe, als alles um sie herum einstürzte und sie sich gerade noch ins Freie retten konnte.
 
Angst, ins Haus zu gehen
 
Das stromunabhängige Telefon funktioniert zum Glück, so dass Kontakt zu Ehepartnern, Kindern, Eltern und Freunden möglich ist. Das Handy funktioniert mal und dann wieder nicht. Gelegentlich halten Autofahrer an und fragen, ob alles in Ordnung ist. Alison traut sich nicht, in ihr Haus zu gehen.
 
Irgendwann kommen zwei andere Frauen die Straße herauf und schlagen vor, zum lokalen Katastrophen-Treffpunkt im Freizeitzentrum zu gehen. Dort stehen gestrandete Busse, weil der Tunnel nach Christchurch lediglich für Rettungsfahrzeuge geöffnet ist. Vier Frauen, in Decken gehüllt, sitzen auf Stühlen auf dem Gehweg.

Auf dem Weg dorthin erzählen die Leute Überlebensgeschichten. Das Mädchen, das aus dem Haus raste, weil dort alles einstürzte, und fast von Riesensteinen erschlagen worden wäre, weil auf der gegenüber liegenden Straßenseite eine mehrere Meter hohe Stützmauer kollabierte. Der kreideweiße dünne Mann mit der blutenden Hand, den es von der Türschwelle in die Luft katapultierte. „Sie sagen, man soll keinen Alkohol trinken, wenn man unter Schock steht, aber ich genehmige mir jetzt trotzdem einen Schluck“, sagt er und kippt ein Mixgetränk hinunter – weil er das um diese Zeit vermutlich immer tut.

Es sieht so aus, als wären jetzt auch jene aus ziegelrotem Vulkangestein gebauten historischen Stützmauern und die wenigen unversehrten Kamine eingestürzt, die das September-Beben heil überstanden haben.
 
Kirchen sind nur noch Ruinen
 
In der Winchester Street, in der die drei für die Region so typischen grauen Granitkirchen standen, ist kein Gotteshaus mehr heil. An der Union Parish Church ist der Turm nur noch ein Haufen Schutt, an der Holy Trinity klaffen riesige Löcher in der Fassade, die Fensterrahmen liegen auf dem mit Steinen übersäten Rasen. St. Joseph ist nur noch eine Ruine, so erbärmlich, dass es auch einem Nichtkirchgänger Tränen in die Augen treibt.

Um die Ecke in der Canterbury Street fotografiert eine Frau ein Haus, dessen Ziegelfassaden einfach abgestürzt sind. „Das ist mein Haus“, sagt sie. „Wir haben es erst vor einem halben Jahr renoviert.“
 
An der Kreuzung mit der London Street, der Hauptstraße von Lyttelton, haben Soldaten Stellung bezogen, im Zentrum ein Panzerfahrzeug positioniert und die Straße abgesperrt, weil Jugendliche versucht haben, in zerstörten Geschäften, Kneipen und Cafés zu plündern.
 
60 Prozent der Gebäude sind hier zerstört, die berühmte Lava Bar und das Volcano Café nur noch Wracks, genauso wie der erst vor drei Jahren mit großem Aufwand restaurierte Spezialitätenladen Ground. „Bei der ersten Welle sind alle Gläser zerbrochen und zwei Minuten später ist alles eingestürzt“, erzählt die Besitzerin, die sich nicht mehr in ihren Laden hineinwagen darf.

Wo schlafen in der Nacht? Im Auto? Im Haus? Im Freien? Die Plätze im Freizeit-Zentrum sind ausgebucht, aber die Armee hat Wasser und Lebensmittel für alle herbeigeschafft, die sich nicht mehr in ihre eigenen vier Wände trauen.
 
Ein Feuerwehrmann aus Kalifornien als freiwilliger Helfer
 
Ein freiwilliger Helfer namens Jim Johnson entpuppt sich als Feuerwehrmann aus Alameda in Kalifornien. Er hat mit dem Motorrad Neuseeland bereist und sollte eigentlich heute nach Hause zurück fliegen, aber falls heute überhaupt Flüge starten, dann nur Inlandsflüge. Der Rollbahn ist unversehrt, aber der Terminal ist beschädigt. „Ich habe schon viele Erdbeben mitgemacht und habe Erfahrung, da musste ich einfach helfen“, sagt Jim, der am Morgen zum Kaffeetrinken nach Lyttelton kam und seine Kamera im Hotel in Christchurch ließ, „weil ich mir einen gemütlichen Tag machen wollte, und ich dachte, Lyttelton ist wirklich ein charmanter Ort“.

Am Fuße des Bridle Path, einem Wanderweg über die Port Hills, den die ersten Siedler 1850 benutzten, um nach ihrer Ankunft in Lyttelton ihre Siebensachen über den Kraterrand eines erloschenen Vulkans zu schleppen und Christchurch zu gründen, hat eine Familie ein Camp eingerichtet. Feuer in einer Stahltonne, brutzelndes Fleisch auf dem Grill, fein geschnittenes Gemüse in der Pfanne, gekochte Pasta im Topf – und hoch die Bierflaschen, Prost. „Wir werden im Auto schlafen“, sagen Vater, Mutter, Großmutter und Kind. „Wir haben zwar zwei Häuser, aber die fallen jetzt wohl vollends in sich zusammen.“

Weiter droben in der Nähe des Kraterrands blockieren riesige Geröllmassen den steilen Weg. Keine Angst und schnell drüber. Ein Mountainbiker trägt sein Rad über die Felsbrocken. Sonst ein Trimmpfad für Sportler und Abnehmwillige, ähneln die Aktivitäten heute einer Völkerwanderung von Menschen, die so ziemlich alle in den falschen Schuhen unterwegs sind. Eine Art Flüchtlingsstrom, bloß dass die Leute nicht von zu Hause vertrieben werden, sondern von der Arbeit in Christchurch nach Hause nach Lyttelton wandern.
 
Bis auf eine Zugangsstraße direkt an der Bucht entlang, die 50 Kilometer Umweg bedeutet, sind alle Passstraßen gesperrt. Lyttelton ist mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten. Ohne Strom und ohne Wasser, und am Abend gießt es wie zum Hohn auch noch wie aus Kübeln. Alle paar Minuten wackelt das Haus. Nachbeben bei Kerzenschein.
 
Lyttelton, Norwich Quay

 
Nach dem ersten Schock bleibt ein Journalist natürlich ein Journalist. Während ich "nur" fast von einem umstürzenden Schrank erschlagen worden wäre, stürzte das hinter der Kathedrale stehende historische Redaktionsgebäude von The Press in Christchurch ein. Trotzdem lag am nächsten Tag The Press vor unserer Tür. Unglaublich!
 
Wir hatten keinen Strom. Trotzdem gelang es mir, meinen Text zu schreiben. Ich saß mit Stirnlampe im Bett und tippte erst in ein zum Glück geladenes Netbook, transferierte dann den Text via USB Stick auf meinen auch noch gut geladenen Laptop. Dann hatte ich das Glück, dass ein vor 18 Monaten gekaufter und nie benutzter Telecom-Datastick noch immer funktionierte, so dass ich meinen Text per Email an "meine" Zeitungen in Deutschland schicken konnte.
 
Zu diesem Zeitpunkt funktionierte das Vodefone-Handynetz nicht mehr... Mit unserem uralten Telefon im Erdgeschoss, das ohne Strom funktioniert, konnten wir Kontakt zur Welt halten. Und die Welt zu uns.
 

 
Erdbeben-Links:
 
Wie die Verflüssigung des Untergrunds (liquefaction) funktioniert - Video auf YouTube
 
Erdbeben in Canterbury - am 19. März waren's 5009 seit dem 4. September 2010. Details, Stärke, Tiefe, Epizentrum.
 
"Unser" Erdbeben und die Wissenschaft dahinter: GNS-Website; allgemeine Erdbeben-Information bei GNS hier
 
Die letzten Erdbeben in Neuseeland über einer Stärke von 3,0 auf der Richter-Skala
 
 
 
 
 
 
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