23.02. Der Tag danach

Das Morgen-Grauen
Nach einer Nacht, in der 50 Nachbeben Häuser und Menschen durchschütteln und Schlaf ein Traum bleibt, bekommt das Wort Morgengrauen eine neue Bedeutung: Morgen-Grauen.

Der Morgen nach dem verheerenden Erdbeben, das die Innenstadt von Christchurch in Schutt und Asche gelegt und die Vororte der zweitgrößten Stadt Neuseelands verwüstet hat, enthüllt noch mehr grauenhafte Wahrheiten, die von wundersamen Überlebensgeschichten immer nur sekundenlang aufgehellt werden. 24 Stunden nach der Erschütterung der Stärke 6,3 auf der Richterskala und 95 Nachbeben später liegt die Zahl der Toten bei 75, aber 300 Menschen werden vermisst.

„Nicht alle, die vermisst werden, sind tot“, sagt Bürgermeister Bob Parker zwar. Aber Premierminister John Key, der nach einem Briefing im Parlament in Wellington erstmals in der Geschichte Neuseelands den nationalen Notstand ausruft und die Anwendung von Notstandsgesetzen ankündigt, ehe er nach Christchurch zurückfliegt, bestätigt, dass in der eingestürzten anglikanischen Kathedrale 20 Personen vermisst werden.
 
Von 15 japanischen Schülern einer Sprachschule fehlt jede Spur. Am Abend gibt die Polizei bekannt, dass im eingestürzten Gebäude des regionalen Fernsehsenders CTV möglicherweise mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen sind.

Einige Stunden zuvor hatte die Meldung die Runde gemacht, 15 Überlebende seien während der Nacht aus diesem Grab aus Beton und Glas befreit worden. Doch Feuerwehreinsatzleiter Mike Hall sagt, dieser Bericht entspreche nicht der Wahrheit. Dafür besteht Handy-Kontakt zu Verschütteten in einem Geschäftshaus, das als Pyne Gould Building bekannt ist.
 
Etagen sind wie Pfannkuchen gestapelt
 
Die einzelnen Etagen sind wie Pfannkuchen aufeinander gestapelt. Rettungshunde durchsuchen die Geröllhaufen nach Menschen und guten Nachrichten, und am späten Abend gibt’s tatsächlich ein Happy-End, als mehrere Angestellte unter großem Applaus ins Freie gezogen werden können. Andernorts muss manch einer seine Rettung aus dem Schutt mit amputierten Gliedmaßen bezahlen. Aber immerhin: Sie leben. Die Straßen sind gesäumt mit zerschmetterten Autos. Einsatzkräfte sind mit Sprühflaschen unterwegs, inspizieren und markieren die Fahrzeuge, je nachdem, ob die Autos leer sind oder später, wenn die Überlebenden in Sicherheit sind, Tote geborgen werden müssen.

Einige Ruinen brennen, und dann plötzlich sind alle Blicke auf das Hotel Grand Chancellor gerichtet. Das höchste Gebäude der Stadt, 17 Etagen hoch, wird mit jeder Stunde mehr zum schiefen Turm, obwohl es einst erdbebensicher gebaut wurde. Aber jetzt sinkt es auf einer Seite ab, weil sich auch hier der Untergrund verflüssigt hat.
 
Christchurch wurde auf Schwemmland errichtet, und das sind jetzt die Folgen. Die Polizei riegelt das Gebiet großräumig ab, weil das Grand Chancellor, wenn es einstürzt, umliegende Gebäude zerschmettern wird. „Die Frage ist nicht, ob, sondern wann das Hotel einstürzen wird“, sagt Premierminister Key.

Das Grand Chancellor ist mit seinem trapezförmigen Dach aus weiter Ferne noch dominanter als die Kathedralen, die katholische Basilika und die anglikanische Christ Church Cathedral, das Wahrzeichen der Stadt, die ihr Herz und ihr Gesicht verloren hat. Die Zerstörung ist so groß, dass im Zentrum so gut wie alle historischen Gebäude abgerissen werden müssen.
 
„Andere Städte auf der Welt haben solch einen Neuaufbau auch geschafft“, sagt der Regierungschef. Napier an der Ostküste der Nordinsel hat es sogar im eigenen Land vorexerziert: Nach dem Beben 1931, bei dem 256 Menschen ums Leben kamen, wurde die Stadt im Art-Déco-Stil neu errichtet und feiert heute sich selbst und sein neues Gesicht.

Aber noch ist es unmöglich, sich Christchurch ohne all diese grauen neugotischen Meisterstücke vorzustellen. Der Anblick der Kathedrale ohne ihren spitzen Turm, diese Ruine, tut weh. Ein kanadisches Touristenpaar war im Souvenirladen der Kirche, dem offiziellen Ausgang, als die Erde zu rumpeln begann.
 
Das hat ihnen vermutlich das Leben gerettet, denn sie konnten sich durch die Tür ins Freie retten. Andere Besucher wurden von den herabregnenden Steinen begraben. „Dieser Lärm, dieser Schutt, dieser Staub“, sagen sie, „das hat uns an den Anschlag auf die Twin Towers in New York erinnert.“

Am Latimer Square, nur einen Katzensprung von der Kathedrale entfernt, treffen sich gestrandete Besucher und Einheimische, die Familienmitglieder und Freunde vermissen. Hier gibt’s Essen, Getränke und Trost. Wildfremde Menschen umarmen einander.
 
Im Stadtteil Burnside wurde ein Transit-Zentrum für Touristen eingerichtet, die aus ihren Hotels evakuiert werden mussten. 700 Reisende haben hier die Nacht verbracht. Viele mussten ihr Gepäck zurücklassen, einige konnten nicht einmal ihren Pass retten. Von Burnside werden sie zum Flughafen gebracht und nach Wellington und Auckland ausgeflogen.

Der im Osten gelegene Stadtteil Bexley erinnert weniger an ein Erdbebengebiet als an die Flutkatastrophe in Queensland. Die Straßen stehen einen halben Meter unter Wasser – die extreme Form der Verflüssigung des Untergrunds. Weiter entlang der Küste in Richtung Süden, in Ferrymead, einem Gewerbegebiet, hat sich die Straße in eine schlammige Buckelpiste verwandelt. Autos stecken schräg in der festen grauen Masse und müssen in mühsamer Arbeit freigeschaufelt werden.
 
Noch weiter südlich in Redcliffs und Sumner, wo die Leute auf und am Fuße von hohen Klippen wohnen, haben sich riesige Felsbrocken gelöst, Häuser zertrümmert und zwei Menschen getötet. Einige in luftiger Höhe gebaute Häuser am Clifton Hill in Sumner baumeln über dem Abgrund und wurden geräumt.
 
An der Bucht von Lyttelton durchschlug ein von den Port Hills herunter donnernder Felsbrocken ein Haus. Auf dem Bridle Path, dem Wanderweg zwischen Christchurch und Lyttelton über die steilen Port Hills, wurden zwei Wanderer von abstürzenden Geröllmassen erschlagen.

Obwohl der 5000-Einwohner-Ort Lyttelton, das Epizentrum des großen Bebens, wie Christchurch fast alle gemauerten historischen Gebäude inklusive der Timeball Station verloren hat, sieht es in den Straßen nicht so katastrophal aus wie auf der anderen Seite der Berge – ganz einfach deshalb, weil es hier am Rande des Hafenbeckens keine Hochhäuser gibt und die meisten Wohnhäuser kleine Cottages aus Holz sind.
 
Statt weißer Kreuzfahrtschiffe liegen drei graue Marineschiffe am Kai. Die Soldaten unterstützen Polizei, Feuerwehr und andere Rettungskräfte, um den unter Schock stehenden Einheimischen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Und irgendwie passt die militärische Präsenz zum Deaster: Weil es im Erdbebengebiet aussieht wie nach dem Krieg.
 
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