23.12. Aus heiterem Himmel

Abruptes Ende des Traums von der Normalität
Es war also doch nur ein schöner Traum. Wunschdenken. Es gab kaum noch Nachbeben, und wenn, dann waren sie so schwach, dass wir sie kaum spürten. Sie kamen so selten, dass uns schon winzige Rumpler zu erschrecken begannen. Ruhe war wieder der Normalfall. Und dann das!
 
Ich war in der untersten Ecke unseres Gartens, als die Erde zu rumpeln begann. Und es war wie bei jedem schweren Erdbeben. Mit jeder Sekunde wurden die Schwingungen, der Lärm und das Rütteln heftiger. Ich brüllte bloß: "Oh Gottogott!" Dann sah ich unser dreistöckiges Haus hin und her schwingen. Es war 13.58 Uhr. Das Beben hatte die Stärke 5,8 auf der Richterskala. Das Epizentrum war 20 Kilometer von Lyttelton und vom Stadtzentrum von Christchurch entfernt, vor der Küste in der Pegasus Bay, in einer Tiefe von acht Kilometern.
 
Jetzt muss ich eine Schreibpause machen, denn wir hatten ein noch schlimmeres Beben, um 15.19 Uhr. Ich muss aufräumen. (Naja, nicht wirklich... Erst mal gucken...)
 
Die Vorratskammer sieht - im Gegensatz zu eineinhalb Stunden vorher, als kaum etwas umgefallen war - chaotisch aus, einige Gläser sind zerbrochen. Ansonsten halten sich die Schäden in Grenzen, weil wir seit Februar kein Bild an die Wand zurück gehängt haben, der Schrank mit den wertvollsten Gläsern fast leer ist, weil ich alles in Kisten gepackt habe, und die Gläser in einem anderen Schrank sind mit dicken Handtüchern gesichert.
 
Im Badezimmer liegt wieder einmal der komplette Inhalt des Spiegelschranks im Waschbecken. Déjà vu... Es ist fast so lächerlich wie in "Dinner for One": The same procedure as last year? Yes, the same procedure as every year.
 
Ersten Meldungen zufolge soll das zweite Beben nur eine Stärke von 5,3 gehabt haben. Das ist kaum zu glauben, denn es war viel stärker als das erste, alles, was nicht angebunden, ist umgefallen oder abgestürzt. Diesmal aber immerhin keine Schränke. Aber immerhin haben wir Strom und Wasser. Und der Tunnel zwischen Lyttelton und Christchurch ist geöffnet, so dass wir nicht wieder tagelang vom Rest der Welt abgeschnitten sind.
 
Die Stärke des zweiten Bebens wurde mittlerweile auf 6,0 korrigiert. Ein Nachbeben um 14.06 Uhr hatte die Stärke 5,3. Das Epizentrum lag nur zehn Kilometer von Lyttelton entfernt, im Stadtteil New Brighton, und in einer Tiefe von sechs Kilometern. Das erklärt, warum sich das zweite große Beben so viel stärker anfühlte.
 
Das Fiese daran ist, dass dem bereits Furcht einflößenden ersten Beben ein noch stärkeres folgte. Ein Doppelschlag wie im Juni. Und eine böse Weihnachtsbescherung wie vor einem Jahr, als ein Beben der Stärke 4,9 am zweiten Weihnachtsfeiertag die ersten Schäden in der Innenstadt von Christchurch anrichtete. Das erste große Beben (Stärke 7,1) am 4. September 2010 hatte die City ziemlich unbeschadet überstanden, weil das Epizentrum 50 Kilometer westlich bei Darfield lag. 
 
In Lyttelton sind ja fast alle historischen Gebäude - inklusive der Timeball Station und der drei Kirchen in der Winchester Street - schon im Februar und/oder Juni eingestürzt. Die meisten dieser Gebäude sind mittlerweile vollends abgerissen worden und haben nichts als Baulücken und Erinnerungen hinterlassen. Trotzdem sahen wir an einer Werft im Hafen eine riesige Staubwolke aufsteigen, keine Ahnung, was ein- oder abgestürzt ist.
 
Auch in Christchurch sind viele Staubwolken aufgestiegen. Im Osten sind weitere massive Brocken von den Klippen abgebrochen. Nördlich der hügeligen Vororte am Meer ist es erneut zu der berüchtigten Verflüssigung des Untergrunds gekommen. Anstatt Päckchen auszupacken müssen die Leute an Weihnachten Schlamm von ihren Grundstücken schaufeln, viele sogar aus ihren ramponierten Häusern und zum vierten Mal innerhalb von 15 Monaten. Frisch reparierte Straßen wurden beschädigt und aufgerissen, manche sehen aus wie rauschende Flüsse, stehen wadenhoch unter Wasser.
 
In einigen Stadtteilen sind die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen. Der Flughafen und die Einkaufszentren wurden aus Sicherheitsgründen evakuiert. Bevor sie von Ingenieuren nicht inspiziert und freigegeben worden sind, bleiben sie geschlossen. Pünktlich zum Haupteinkaufstag vor Weihnachten. (Hier wird nicht am Heiligen Abend gefeiert, sondern erst am 25. Dezember.)
 
Einige Häuser, die bereits evakuiert worden waren, sind eingestürzt. Die ohnehin schon mitgenommene Westwand der Kathedrale, deren Turm im Februar implodierte, erlitt weitere Schäden. Es hat nur einige wenige Verletzte gegeben. Die meisten Leute, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden, hatten Herzinfarkte oder Panikattacken. Kein Wunder angesichts dieses nervlichen Stresses. Auch ich zitterte erst einmal zwei, drei Minuten, bevor ich aus dem Garten ins Haus ging, um nachzuschauen, wie es drinnen aussah. 
 
Während ich hier am Esstisch sitze und schreibe, lassen Nachbeben alle paar Minuten die Gläser und Glastüren der Schränke erklingen und den Tisch wackeln. Es war wie in der Nacht nach dem Februar-Beben, als ich mit Stirnlampe im Bett saß und meinen Bericht tippte.
 
Nach dem ersten Beben heute war ich entsetzt - obwohl eigentlich "nur" passiert ist, was ich befürchtet hatte. Ich hatte die monatelange relative Ruhe als Ruhe vor dem Sturm - dem nächsten großen Schlag - empfunden. Jetzt ist meine Stimmung zwischen Frust und Schnauze voll. Und so geht es vielen. Meine Güte, und was sollen erst die Leute in den östlichen Vororten und in den Stadtteilen am Avon sagen, in denen jetzt wieder das Wasser in den Straßen, Vorgärten und Häusern steht?!
 
Das ganze Leben hatte sich in den vergangenen paar Monaten so normal angefühlt. Das Haus war zwar ein bisschen unwohnlich, weil ich alle Bilder abgehängt, Schränke ausgeräumt und zig Dinge auf dem Boden deponiert hatte. Aber irgendwann sieht man das und die oberflächlichen Schäden, die wir im Haus haben, nicht mehr wirklich.
 
Ich hatte ein neues Fitnessstudio mit den nettesten Leuten nicht zu weit von zu Hause gefunden, wo ich mich auf die Masters Games (neuseeländische Senioren-Meisterschaften) im Februar in Dunedin vorbereitete, hatte gerade meine erste Trainingseinheit (Kugel und Diskus) auf einer Schulsportanlage hinter mir. Jetzt ist wieder alles in Frage gestellt. Nicht einmal diese eine kleine Freude...
 
Ich hoffe, ich kann mich bald zu den zwölf Entenküken vorkämpfen, die von ursprünglich achtzehn Küken übrig geblieben sind und die ich seit sechs oder acht Wochen regelmäßig besuche und füttere. Wenigstens diese Freude!
 
Trotzdem werde ich jetzt gleich mal ein bisschen aufräumen. Nein, Lust habe ich keine. Ich bin keine leidenschaftliche Hausfrau, die zusätzliche lästige Aufgaben bräuchte. Ich habe auch so genug zu tun.  
 
Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass diese Erdbeben von heute den Prozess des Wiederaufbaus aufhalten. Sie sind ein schwerer Rückschlag auf dem Weg der Rückkehr zur Normalität, dem neuen Christchurch. Die Versicherungsprobleme werden noch größer werden; die Bereitschaft, teure Reparaturen auszuführen, wird sinken. Diese Arbeiten an Privathäusern sollten ohnehin schon drei Jahre dauern. 
 
Wir müssen uns glücklich schätzen, dass der Fußgängerweg vor unserer Garageneinfahrt und weiter abwärts dank täglicher Anrufe bei der Stadtverwaltung vor einigen Wochen repariert worden ist. Ansonsten wäre jetzt vermutlich die halbe Straße abgestürzt.
 
Und dann ist da noch die Geschichte vom Weinglas-Wunder. Beim ersten Beben heute segelte es zwei Meter tief von einem Regal - "Kopf" voraus direkt in einen Weinkühler, in dem ich eine Keramik-Figur aus Peru in Sicherheit gebracht hatte. Die Küchentücher, die ich um die Figur gewickelt hatte, ermöglichten dem Weinglas eine sanfte Landung.
 
Die Kunst des Überlebens ist, die positiven Dinge zu sehen und die negativen, so gut es geht, zu ignorieren.
 
Das ändert nichts daran, dass ich mir heute - wieder mal - einige Orte vorstellen kann, an denen ich lieber wäre. Trotz des blauen Himmels und des Sonnenscheins über Christchurch in Lyttelton. Es ist Sommer. Frohe Weihnachten.
 
 
Lyttelton 
 
Trotz des neuerlichen Erdbeben-Schocks die besten Wünsche für schöne Weihnachtstage und ein glückliches, erfolgreiches Neues Jahr. Unser neues Jahr kann nur besser werden.
 
Angesichts der Ereignisse hier kann ich nur jedem raten, jeden Augenblick zu genießen und sich das Leben nicht mit Banalitäten zu vermiesen.
 
Ich finde es beispielsweise wohltuender, jede Woche "meine" Entenküken (genauer gesagt: Paradieskasarka-Küken) am Avon zu besuchen, als mich dreimal zu überschlagen, um irgendwelche schriftstellerischen Großprojekte in Angriff zu nehmen.
 
Hier "meine" Küken beim Formationsschwimmen mit ihrer Mutter, als sie noch zu achtzehnt waren (Bild vom 5. November): 
 
 
Jetzt sehen sie so aus - mit einem noch immer gestreiften Nachzügler:
 
 
 
 
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