13.07. Normaler Wahnsinn

"The new normal": Alles, was nicht ganz normal ist
Kürzlich war ich in einigen von der Untergrundverflüssigung am stärksten betroffenen Vierteln von Christchurch unterwegs, um Stoff für eine Reportage zu sammeln. Hier der ungekürzte Text, den die meisten "meiner" Zeitungen abgedruckt haben, u.a. unter den Titeln:
 
Der Fluch von Christchurch
Die meisten wollen bleiben
Schlammfontäne im Schlafzimmer
 
Von Sissi Stein-Abel
 
CHRISTCHURCH. Bis vor zehn Monaten war das Leben am Fluss der Inbegriff von Ruhe, Frieden und Romantik, und viele Leute haben Michael darum beneidet. Der 59-jährige schlanke Mann deutet auf ein Paar Trauerschwäne, die an diesem sonnig-kalten Wintertag auf dem glatten Wasser des Avon gleiten. „Ich habe hier am Ufer im Gras gesessen und die Schwäne sind hergeschwommen und haben mir aus der Hand gefressen“, sagt er.

Jetzt ist die Grünfläche zwischen der Straße und dem Fluss einem Damm aus Schotter und Lehm gewichen. Seit den schweren Erdbeben am 4. September (7,1 auf der Richter-Skala), 22. Februar (6,3) und 13. Juni (6,3) tritt der Avon, der so idyllisch durch den Nordosten von Christchurch mäandert, auf der tiefer gelegenen Seite übers Ufer.
 
Immer dann, wenn es regnet und die Flut des Pazifiks den Wasserspiegel des Flusses hebt. Die einst tiptop geteerte Locksley Avenue im Stadtteil Dallington ist auch nach zwei, drei Sonnentagen von meterlangen, breiten Pfützen gesäumt und mit grauem Sand und Dreck bedeckt. „Seit dem 13. Juni läuft das Wasser einfach nicht mehr ab“, sagt Michael, der als einer von fünf Hausbesitzern in seiner Straße ausharrt.
 
Freier Tag zum Schlammschaufeln
 
Michael: Schlammschaufeln am Avon.
Heute hat er seinen freien Tag als Teamleiter in einem Kaufhaus und nutzt ihn, um den zähen, schweren, klebrigen Schlamm, der nach jedem Beben wie aus Minivulkanen aus dem Boden schießt, mit einem Spaten aus der Hofeinfahrt und dem Vorgarten in die Schubkarre zu schaufeln und am neuen Damm auszukippen. „Im September hat jeder sofort geschaufelt“, erzählt Michael, der mit seiner alten Mutter erst seit einem Jahr hier wohnt. „Im Februar habe ich nach zwei Tagen angefangen. Jetzt habe ich zwei Wochen gewartet. Es nervt allmählich.“

Und irgendwie ist es auch sinnlos, denn nach den neuesten Plänen der Regierung wird Michaels Haus abgerissen, egal, wie gut er es in Schuss hält. Es steht in der so genannten Roten Zone, die nach dem Abriss von tausenden von Häusern in Brachland verwandelt werden soll.

Die Besitzer werden ausgezahlt, nicht unbedingt mit dem Marktwert des Grundstücks und des Hauses vor dem September-Beben, sondern dem offiziellen Schätzwert (RV = rateable valuation), der alle drei Jahre von einer Regierungsagentur festgelegt wird.
 
Innerhalb der nächsten zwei Monate werden sie Angebote erhalten und können sich dann neun Monate Zeit lassen, um zu entscheiden, ob sie das Komplettangebot annehmen oder ob sie der Regierung nur das Grundstück verkaufen und versuchen, mit ihrer Versicherung über einen höheren Preis für das Haus zu verhandeln. 5100 Häuser sind derzeit in die „Rote Zone“ eingestuft.
 
Warten in der Orangefarbenen und Weißen Zone
 
Rund 10.000 Hausbesitzer der Orangefarbenen Zone müssen sich auch zehn Monate nach dem ersten Beben weiter gedulden, bis sie erfahren, ob sie gehen oder bleiben müssen/dürfen. Grün bedeutet, dass der Untergrund gerichtet werden kann. Schließlich gibt es noch eine Weiße Zone, in der sich die Leute bis zum Sankt Nimmerleinstag gedulden müssen, weil die Berichte über den Zustand des Untergrunds, inklusive der Port Hills und der abgestürzten Klippen, noch nicht vollständig sind. Die Regierung ist eingeschritten, weil sich die Versicherungen streiten, wer welchen Schaden ersetzen muss.
 
Aber nur wenige Menschen scheinen über diese Lösung froh zu sein, allenfalls darüber, dass zumindest eine Minderheit nun weiß, woran sie ist. „Für das Geld, das ich bekommen werde, kann ich mir nichts leisten, was ich hier habe, diese Idylle“, sagt Michael, „aber ich muss mich fügen. Für die Regierung ist es billiger, alle Häuser auf einmal abzureißen, als den Fluss mit unterirdischen Dämmen zu stabilisieren.“

Sein Haus, sagt er, stehe besser da als viele andere. Er hat es vor einem Jahr von Grund auf renoviert, als er aus Dunedin nach Christchurch zog, um näher bei seinem Sohn, der Tochter und sieben Enkelkindern zu wohnen. Und das Haus sei bewohnbar, versichert er. „Es hat einige Risse, und der Boden ist abgesunken, aber es ist warm. Und vielen anderen Leuten geht’s viel schlechter.“ Er hat Strom und Wasser, die Abwasserrohre sind frei, er kann zu Hause duschen und die Toilette benutzen. Er wird noch fast ein Jahr hier wohnen.
 
Das Phänomen der "Liquefaction"
 
Die Nachbarn zur Linken haben aufgegeben. „Sie waren zermürbt von der zerstörten Infrastruktur, dem Strom- und Wasserausfall nach jedem Beben“, sagt der gebürtige Engländer, der vor 37 Jahren nach Neuseeland auswanderte. Von der anderen Seite des Avon, an der als Grüne Zone eingestuften Avonside Drive, sehen die Häuser unversehrt aus, ganz anders als viele auf festem Grund stehende Stein- und Ziegelgebäude, die einfach eingestürzt sind. Die Fotos dieser Schutthaufen sind um die Welt gegangen. Die Häuser in der Locksley Avenue hingegen stehen noch. Aber wie! Sie lehnen windschief nach vorne, nach hinten, nach links, nach rechts. Sie sind abgesackt. Folge des Phänomens, das auf Englisch „liquefaction“ heißt, die Verflüssigung des Untergrunds.

Wenn die Erde bebt, trennen sich Sediment und Wasser, der Boden wird wabbelig wie Gelee. Je mehr lehmiger Sand an die Oberfläche schießt und je mehr Ladungen erst in Schubkarren und dann auf Lastwagen abtransportiert wird, desto tiefer sinken Land und Häuser, hier in dem in einer Schlinge des Avon eingeschlossenen Stadtteil Dallington bis zu einem Meter. Es ist der Fluch der in weiten Teilen auf Schwemmland erbauten Stadt.

Die verlassenen Grundstücke sind mit grauem Sand bedeckt, sie wirken wie kleine hauseigene Sandstrände auf dem Rasen. Dank des bislang milden Winters blühen vereinzelte Rosen, Kamelien und Magnolien. Zitronen- und Orangenbäume hängen voller Früchte. Die Strommasten lehnen noch schiefer im kühlen Wind als die Häuser.
 
Am Wochenende kommen die Touristen
 
Zwei, drei Autos biegen in die Locksley Avenue ein, die Fenster geöffnet, die Kameras gezückt. „Am Wochenende kommen die Touristen aus dem Westen“, erzählt Michael. „Im September standen so viele in der Straße und haben uns beim Schlammschaufeln zugeschaut, dass wir mit den Schubkarren kaum durchgekommen sind.“ Ein paar einsame Joggerinnen rennen durch den Matsch zur Brücke, die plötzlich einen Meter höher liegt als die darüber führende Straße. Das Stahlgeländer ist verwrungen, abgestürzte Teerflächen liegen wie zerrissene Teppichfetzen im Dreck.

An dieser Brücke beginnt die Gayhurst Road, die Vorzeigestraße der multiplen Naturkatastrophen. Sie durchschneidet die Rote Zone Dallingtons. Bauarbeiter verlegen Wasserrohre, um den Leuten die letzten Monate in ihrem alten Leben zu erleichtern. Die meisten Häuser sind bewohnt, bis auf jene, die ein Boot bräuchten, um zur Haustür zu kommen, weil sich die Zufahrtswege in Kanäle Venezianischer Prägung verwandelt haben.
 
Hier wohnen die Leute, die fließendes Wasser haben, aber kein funktionierendes Abwassersystem. Sie spülen Geschirr in Eimern, gehen zum Duschen zu Freunden, Verwandten oder den öffentlichen Duschen im zehn Gehminuten entfernten Wilding Park, nutzen chemische Camping-Toiletten, die sie alle paar Tage zu den grünen Containern am Straßenrand schleppen und entleeren müssen.
 
Ein See vor dem Haus
 
Zwei Querstraßen weiter, in der Halberg Street, steht Andy Horsburgh vor seinem zweistöckigen Haus und spritzt Matschreste vom Gehweg. „Ich glaube, jetzt ist meine Einfahrt zum erstenmal seit September sauber. Nach jedem Beben steht der Matsch bis hier“, sagt er und deutet auf die Obergrenze einer fast zwei Meter hohen Mauer. Sein Nachbar stößt hinzu und meint, Andy sei vermutlich der Rekordhalter in punkto Schlammmenge.

Der Dreck hat die Fundamente des Hauses gesprengt. Ein Riss in der Außenwand zieht sich durchs ganze Haus, hat es zweigeteilt. Nach jedem Wackler hat Horsburgh Schlamm im Schlafzimmer, im Wohnzimmer, überall. Trotzdem liegt sein Haus in der Grünen Zone. „Dabei hat seit September kein Gutachter einen Fuß ins Haus gesetzt“, sagt er, „und wenn’s regnet, haben wir vor dem Haus einen See. Das Haus ist einen Meter abgesunken. Die haben einfach mit einem Federstrich unser Schicksal besiegelt. Bürokraten, die nie hier waren.“

Die Zonen-Einteilung in der Halberg Street ist in der Tat skurril. „Bis vor einiger Zeit war die ganze Straße in der Roten Zone“, erzählt Horsburgh. „Plötzlich sind wir grün. Und die grüne Zone beginnt nicht auf gleicher Höhe, sondern auf unserer Straßenseite hundert Meter früher. Genau dort, wo die ersten teuren Häuser stehen.“ Die Entscheidung sei nicht schadensabhängig, sondern für die Regierung die billigere Lösung. „It’s the dollar“, sagt er. Es geht ums Geld.

Aber auch für Andy Horsburgh und seine Nachbarn geht’s ums Geld. „Unsere Häuser sind doch, selbst wenn sie abgerissen und an Ort und Stelle wieder aufgebaut werden, unverkäuflich. Deshalb sind sie nichts wert, sondern eine Bürde. Die Banken geben in dieser Gegend kein Darlehen und die Versicherungen keine Versicherung. Wir sitzen auf immer und ewig hier fest. Und wenn bei einem weiteren Erdbeben wieder alles kaputt ist, haben wir gar nichts mehr.“
 
"Notfalls ziehen wir vor Gericht"
 
Aus diesem Grund haben die Leute hier die „Halberg Street Green Zone Action Group“ gegründet, um von der Grünen in die Rote Zone eingestuft zu werden. „Unsere Grundstücke sind so stark beschädigt wie viele in der Roten Zone“, sagen Andy Horsburgh und sein Nachbar. „Notfalls ziehen wir vor Gericht.“

Vor dem Dusch- und Toiletten-Zentrum im Wilding Park sind die 71-jährige Joy und ihre Tochter Sharon gerade dabei, ihre Camping-Toilette zu leeren. „Poo run“, heißen diese Fahrten zum Fäkalien-Container. Scheißfahrt. Sie wohnen in der Grünen Zone in Avonside. Hier ist der Grund trocken, die Schlammreste sind getrocknet, es staubt wie bei einem Sandsturm in der Wüste. „Je dreckiger ein Auto ist, desto weiter im Osten wohnen die Leute“, meint Sharon und lacht – wie fast alle Leute hier.

Vermutlich hält sie der Galgenhumor am Leben, und die meisten Leute wollen auch nach all den Katastrophen in Christchurch bleiben. Wer nicht zur Miete wohnt, schuldenfrei oder reich ist, kann es sich finanziell auch nicht leisten. Vielleicht hat deshalb noch kein Massenexodus aus der geschundenen Stadt stattgefunden.
 
Das nationale Amt für Statistik gab bekannt, zwischen Februar und Mai seien 3157 Leute von Christchurch nach Australien gezogen, 1258 mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Zahlen der neuseeländischen Post belegen, dass 8632 Haushalte mit 24.892 Personen den Großraum Christchurch in den sechs Wochen nach dem Februar-Beben verlassen haben. Einige sind bereits wieder zurückgekehrt. Die regionale Gesundheitsbehörde geht von 8000 bis 10.000 Menschen aus, die der Erdbeben-Region dauerhaft den Rücken gekehrt haben.
 
Rasenmähen bis zum bitteren Ende
 
Joy erinnert sich noch an die Zeiten, als in Meernähe im Osten kein Haus stand, in Vororten wie Bexley, Parklands, Queenspark und Brooklands. „Das waren Kuhweiden und Sümpfe. Dort hätte nie ein Haus gebaut werden dürfen“, sagt sie. „Als mir Bekannte erzählten, sie würden im Travis-Feuchtgebiet bauen, sagte ich, sie seien nicht ganz bei Trost. Sie meinten, ein Feuchtgebiet sei kein Sumpfgebiet. Jetzt haben sie’s auch kapiert, dass da kein Unterschied besteht.“ Es war ein böses Erwachen, dem ein schmerzhafter Prozess des Abschiednehmens folgt. „Man verlässt ja nicht bloß ein Haus“, sagt Michael, „sondern ein Heim mit all den Erinnerungen.“
 
Bis er endgültig geht, hält er Haus und Garten sauber, mäht den Rasen. „Man will doch auch stolz sein auf das, was man geschaffen hat“, sagt er und leert die nächste Schubkarre voll Schlamm auf den neuen Damm am lieblichen Avon.
 
Ich bin dann mal weg...
Ich hatte schon unangenehmere Dienstreisen vor (und jetzt: hinter) mir... Ich fliege nach Französisch-Polynesien, um über eine zweiwöchige Kreuzfahrt auf der Aranui zu den Marquesas und Tuamotus zu berichten.
 
Außerdem habe ich vor und nach der Kreuzfahrt insgesamt eine Woche Zeit, um die Trauminseln Tahiti, Bora Bora, Moorea und Raiatea zu besuchen, auf denen ich vor zwei Jahren schon einmal war, diesmal zum Wandern. Außerdem geht's noch nach Maupiti, die schöne kleine Schwesterinsel von Bora Bora.
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