03.03. Dunkle Mächte

Der Hexenmeister, die Bischöfin und die Kathedrale

Von Sissi Stein-Abel

 

CHRISTCHURCH. Ein sonniger Nachmittag im Botanischen Garten. Im türkisblauen Peacock-Brunnen plätschert das Wasser, als Bischöfin Victoria Matthews das verkündet, was für viele Menschen in der Erdbeben-Stadt Christchurch der blanke Horror ist. Die anglikanische Kathedrale, Wahrzeichen, Herz und Seele der zweitgrößten Stadt Neuseelands, wird abgerissen und durch ein modernes Bauwerk ersetzt.

 

Sie ist freundlich und lächelt ausdauernd, und sie verpackt die Nachricht in so viele weiche Worte, dass fast der Eindruck entsteht, als würde am Ende des mehrjährigen Prozesses eine Replika den zentralen Platz der Stadt schmücken. Die Kathedrale werde nicht mit der Abrissbirne zertrümmert, sondern „mit Respekt und Liebe für das Gebäude, das uns so lange und so gut gedient hat“, dekonstruiert.

Die Grundmauern blieben zwei bis drei Meter hoch stehen, um zwischenzeitlich als Gebetsgarten genutzt zu werden. Die Kirchenschätze und die Buntglasfenster sollten geborgen werde und überhaupt werde alles „aufgehoben, was nicht irreparabel zerstört ist“. Am Ende räumte die Bischöfin jedoch ein, dass „ich noch nicht weiß, wieviel und was in den Neubau integriert wird“. Eins steht jedoch fest: Es wird eine moderne Kirche.

Der Wizard, das amtlich anerkannte lebende Kunstwerk Neuseelands
 
Zwar ist die „Christ Church Cathedral“ erst 130 Jahre alt, aber in einem Land, in dem bis vor 200 Jahren nur Maori lebten, ist ein neugotischer Bau so bedeutend wie die tausend Jahre älteren Kathedralen in Europa.
 
In Deutschland käme der Abrissbeschluss der Ankündigung gleich, den Kölner Dom und das Ulmer Münster samt den Ulmer Spatzen wegen Sturmschäden platt zu walzen, um gesichtslosen Glaskästen Platz zu machen.
 
„Ich bin schockiert“, sagt Bürgermeister Bob Parker, der einen Steinwurf entfernt auf einer Parkbank sitzt und den Kopf in seinen Händen vergräbt. „Es ist ein unsagbar trauriger Augenblick. Dieses Gebäude war ein Teil meines Lebens, und die Stadt hat im Lauf der Jahre viel Geld hineingesteckt. Aber es gehört der Anglikanischen Kirche. Wir sind machtlos.“
 
Wäre die Kasse nach vier verheerenden Erdbeben seit 4. September 2010 nicht so strapaziert, hätte die Stadt versucht, die Finanzierungslücke von 100 Millionen NZ-Dollar (62 Mio. Euro) für eine Rekonstruktion zu stopfen, solch ikonische Bedeutung hat die Kathedrale für Christchurch.
 
"Ein Akt der Barbarei"

 

Der Wizard, der Hexenmeister mit dem Spitzhut und der langen schwarzen Kutte,  der 1974 nach Christchurch kam und seither Einheimischen und Touristen vor der Kathedrale seine Gedanken über Gott und die Welt kund getan hat, wettert schon seit Monaten gegen die Zerstörung von historischen Gebäuden.
 
Zur Pressekonferenz der Bischöfin ist das amtlich anerkannte lebende Kunstwerk mit einem Protestplakat und einer Unterschriftenliste erschienen. Von Kulturschützern beauftragte Ingenieure behaupten, es sei kein Problem, die zerstörten Teile der Kathedrale zu rekonstrieren und den gut erhaltenen Rest des Gebäudes erdbebensicher zu machen – zum halben Preis.

 

Der Wizard spricht der Diözese und ihren Beratern den Willen ab, das Gebäude zu retten. „Dieselben Ingenieure und Architekten haben seit 1960 Christchurch ruiniert“, sagt der topfitte Lebenskünstler, der vor 80 Jahren in London geboren wurde. „Sie wollen keine gotischen Gebäude und kapieren nicht, dass moderne Gebäude niemand wirklich mag. Warum gehen denn die Leute nach Paris, Rom, Berlin und Dresden? Wegen der Geschichte und der Kultur, nicht für den modernen Firlefanz. Was die Kirche macht, ist ein Akt der Barbarei.“

 

Mit Stadtrat Aaron Keown diskutiert er über Protestaktionen. „Notfalls kette ich mich an das Gebäude, wenn die Abrisstrupps anrücken“, sagt Keown. „Wir sind das Volk. Ein paar Kirchenobere entscheiden über die Köpfe der Leute hinweg.“ 
Doch selbst dort herrscht(e) Uneinigkeit. Peter Beck, der Dekan der Kathedrale, warf die Brocken hin. Die kostenlos angebotene Expertise erdbeben-erprobter Architekten aus Japan und Italien lehnte die Kirchenführung ab, weil sie „tiefstes Vertrauen“ in die Arbeit einer einheimischen Firma hat, die im Lauf der Jahre „große Zuneigung zur Kathedrale“ gezeigt habe.
 
Den Vorwurf, sie mache sich nichts aus dem neugotischen Bau, weil sie nicht von hier stamme, weist die kanadische Bischöfin zurück. Und sie stellt klar, dass der ihr zugeschriebene Vorschlag, auf dem Platz vor der Kathedrale einen Sandstrand anzulegen, nicht von ihr stamme.

 

Um zu demonstrieren, wie irreparabel die Kathedrale ist, ließ sie der Pressemappe eine CD mit Fotos beilegen, die den stark beschädigten Westteil inklusive der eingestürzten Wand mit dem Rosettenfenster und dem eingestürzten Turm zeigten.
 
Kein Bild zeigt die anderen Seiten der Kirche, von denen kaum eine Dachplatte gefallen ist. „Deshalb ist ja der Schock so groß“, sagt Bürgermeister Parker. „Ein Teil des Gebäudes hat die Erdbeben außergewöhnlich gut überstanden.“ Alles papperlapapp, sagt die Bischöfin. Der Zustand der Kirche verschlechtere sich täglich. Schluss der Debatte. „Da sind dunkle Mächte am Werk“, sagt der Wizard.
 

Petition zur Rettung historisch signifikanter Gebäude in Christchurch inklusive der Christ Church Cathedral:
 
Worte des Wizards:
 
 
 
 
Eine Rekreation der Kathedrale aus Erdbeben-Schrott: Der elfjährige Ben Jensen fertigte diese "Replika" des Wahrzeichens von Christchurch an. Es war Teil des Blumenfestivals im Botanischen Garten.
 
 

Geschichtsbewusstsein...
 
In den Leserbrief-Spalten von The Press - das ist die große Lokalzeitung in Christchurch - liefern sich Abriss-Befürworter und -Gegner verbale Schlachten. Die Diskussion zeigt deutlich, dass die europäische Kultur und Geschichte der Architektur hier erst vor 160 oder 170 Jahren begonnen hat und dass vielen Leuten das, was man Geschichtsbewusstsein nennen könnte, völlig abgeht. Ihr Denken - instabil, also plattmachen und etwas modernes Stabiles an derselben Stelle aufstellen - ist so ignorant, simpel und pragmatisch, dass am Ende der Entwicklung eine kalte, monotone Stadt aus Glas und Stahl entstehen würde.
 
Andere wiederum argumentieren, die neugotische Kathedrale sei ohnehin nur ein Abklatsch der großen und echten gotischen Bauwerke und es sei deshalb kein Verlust, wenn die Kirche abgerissen und nicht rekonstruiert würde. Sie lachen über Leute, die sagen, die Kathedrale war und ist für Christchurch, was der Eiffelturm für Paris, das Kolosseum für Rom und die Akropolis für Athen ist und dass deshalb eine Rekonstruktion - so der Abriss wirklich nötig ist - zwingend erforderlich ist. Welch eine Anmaßung, sagen sie, unsere mickrige Kathedrale mit solch weltbekannten monumentalen Meisterwerken zu vergleichen.
 
Sie kapieren nicht, dass diese Kathedrale eines der ältesten Gebäude der Stadt und ihr Wahrzeichen ist, wie wenig grandios sie neben all den uralten europäischen Bauten auch sein mag. Und die Bischöfin und ihre anglikanischen Gefolgsleute kapieren es auch nicht. Zudem ist es in höchstem Maße arrogant, keine internationalen Experten zu konsultieren. Es ist Zeugnis dafür, dass der echte Wille fehlt, die Kathedrale zu retten. Sonst wäre der Bau ganz anders stabilisiert und gestützt worden, nicht bloß die Westwand mit dem Rosettenfenster.
 
Jetzt zeigt die Bischöfin fast triumphierend auf jeden neuen Schaden, den selbst schwächere Nachbeben anrichten.
 
Um diesen Prozess der Zerfalls zu dokumentieren, bedarf es keiner Kathedrale. Ich muss nur unsere Gartenmauer anschauen, die unsere Versicherung wer weiß wann - höchstwahrscheinlich am Sankt Nimmerleinstag - reparieren lassen wird. Nach dem Erdbeben im Februar 2010 hatte sie einen kleinen Riss. Wäre dieser Riss gleich fachmännisch repariert worden, hätte sie die folgenden Erdbeben im Juni und Dezember höchstwahrscheinlich unbeschädigt überstanden.
 
Statt dessen hat jeder Rüttler die Mauer mehr durchgeschüttelt und an den Schwachstellen den Schaden vergrößert. Jetzt sind Ziegelsteine zerbrochen - und wenn die Mauer weiterhin vor sich hingammeln muss, weil die Versicherung die Hände in den Schoß legt, dann stürzt sie irgendwann ein und es gibt eine zehn Mal höhere Reparaturrechnung.
 
Genauso ist's mit der Kathedrale. Bloß dass es weitaus schändlicher ist, einfach zuzuschauen, wie das Wahrzeichen der Stadt immer mehr verkommt. Klar, nun, da die  Anglikanische Kirche mehr als ein Jahr lang nur diskutiert statt gehandelt und kostenlose Hilfe abgelehnt hat, bleibt nur noch die "Dekonstruktion" übrig. Welch ein scheinheiliges Wort in der Kirche - und doch so symptomatisch. Und noch unverfrorener ist, dass sich die Bischöfin geweigert hat, das Ingenieursgutachten publik zu machen, mit dem sie die Notwendigkeit des Abrisses begründet. Offenbar hat sie etwas zu verbergen.
 
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