05.02. Golden Girl

Humpelstilzchen auf dem höchsten Treppchen
Ich weiß nicht, mein wievieltes Comeback das war. Das dritte, vierte oder gar fünfte. Ich tendiere zum vierten...
 
Nach vier Jahren Leichtathletik-Pause habe ich wieder mal an einem Wettkampf teilgenommen. Erfolgreich, wie es sich gehört. Bei den NZ Masters Games in Dunedin - das sind die neuseeländischen Spiele à Olympia für alte Säcke (und Säckinnen...) - habe ich in meiner Altersklasse zwei Goldmedaillen gewonnen, im Diskuswerfen und Kugelstoßen.
 
Aber es war eine schwere Geburt. Aufgrund der letztjährigen Erdbeben habe ich nicht nur mein Fitnessstudio verloren (es steht noch auf sandigem Untergrund, muss aber abgerissen werden), sondern auch das Stadion, in dem ich immer die Würfe trainiert habe.
 
Der QEII (kju - ih - tuh) Park, in voller Länge: Queen Elizabeth II Park, war das einzige echte Leichtathletik-Stadion in Christchurch mit voller Kunststoff-Rundbahn. Wenn ich mit meinen Geräten anrückte, musste mir immer jemand das Tor zum Nebenplatz aufschließen. Das war mir ein bisschen peinlich, denn meine olympiareifen Leistungen liegen ja schon mehr als nur eine Weile zurück.
 
Durch Zufall sichtete ich auf einem Schulgelände zwei Kugelstoßringe mit anbetoniertem Diskuszusatz - weil der Diskusring ja größer ist als ein Kugelstoßring. Nach Genehmigung der Schulleitung trainierte ich während der Sommerferien - im deutschen Winter - auf der Anlage der Christchurch Boys High School, wo es auch eine viertel Kunststoffbahn mit integriertem Speerwurf-Anlauf gibt; ich schätze mal, unter 100 Meter, aber dafür mit Kurve. Der Geräteraum ist ein Container auf der Wiese.
 
Dort traf ich sogar einen jungen Zehnkämpfer und einen alten Sprinter, der mir von einer besseren Diskusanlage an der Burnside High School erzählte. Die Anlage hat Charme, denn sie hat eine 400-Meter-Grasrundbahn, und die Wurfsektoren sind ins Gras gefräst, ebenso die Weitenlinien.
 
Diskus funktionierte sehr gut - bis ich's im Fitnessstudio übertrieb und wenige Wochen vor meinem Wettkampf dachte, ich müsste mal wieder auf dem Laufband laufen. Prompt bekam ich - nicht das erste Mal - davon massive Probleme mit meiner Achillessehne. Aber ich humpelte zu meinem Diskustraining...
 
Das wäre sogar noch gegangen, wäre die Ringumrandung in Burnside nicht ebenso prähistorisch wie gefährlich, mit einem überstehenden Metallring. Prompt landete ich nach einem Wurf mit dem lädierten Fuß genau auf der Kante, mit der Folge, dass erst die Hacke im Ring nach unten sackte und dann, weil ich so viel Schwung hatte, der Fußballen nach vorne kippte. Ich fühlte ein Knacken oder Zappen, zum Glück lautlos, und da ich den Fuß noch bewegen konnte, wusste ich, dass die Achillessehne nicht gerissen war.
 
Trotzdem fuhr ich gleich zum Arzt, behandelte die Sehne mit Eis, schluckte entzündungshemmende Tabletten, eilte zur Masseurin, die meine Wade weich knetete und versuchte, die Entzündung mit blauem Licht wegzuzaubern.
 
Schleichende Joggerin
 
Danach konnte ich natürlich nur allgemeine Fitness trainieren, mit absoluter Schonung des rechten Fußes, und natürlich keine Würfe. Da wir nach dem Wettkampf ohnehin einen Urlaub im Süden geplant hatten, wäre es kein großes Malheur gewesen, wenn ich in Dunedin nicht hätte starten können. Aber ich versuchte es selbstverständlich.
 
Mein Aufwärmprogramm war das zaghafteste aller Zeiten. Ich schlich joggend um den Platz, Warmlaufen konnte man's nicht nennen, dehnte viel und lockerte Oberkörper und Arme. Die Testwürfe waren ganz gut. Aber ich wagte es nicht, den Diskus mit Drehung zu werfen, sondern begnügte mich mit Würfen aus dem Stand.
 
Sie waren nicht schlecht, aber auch nicht berauschend, denn ich wusste ja, wie weit ich vor meiner Verletzung geworfen hatte. Beim letzten Versuch wagte ich dann die Drehung, aber nach drei Wochen "ohne" fehlte mir die Praxis - und ich knallte das Gerät in den Käfig. Was soll's. Überlebt.
 
Weil meine Waden hinterher tierisch verspannt waren, stattete ich den unterbeschäftigten Physiotherapeuten unter der Tribüne einen Besuch ab. Junge Kerle aus Invercargill, jeder nahm sich einer Wade an. Am Ende legten sie mir einen elastischen Verband an.
 
Zuviel Adrenalin schlecht für die Achillessehne
 
Das Kugelstoßen war dann eine ziemlich schmerzhafte Angelegenheit. Beim Einstoßen, als ich noch ohne Aggression zur Sache ging, stieß ich locker und weit. Im Wettkampf dann, als ich mit einem kräftigen Adrenalinschub ein noch tolleres Resultat erzielen wollte, schmerzte die Achillessehne wieder mächtig. Auch hier: Das Resultat war okay, aber es hätte besser sein können. Nochmal überlebt.
 
Es war übrigens nicht schwierig, die beiden Goldmedaillen zu gewinnen. Die Konkurrenz war einfach zu schwach. Mir geht's auch nicht ums Gold, sondern um die Leistung. Ich setze mir Weiten zum Ziel, nicht Siege. Wenn ich mit einer Superleistung nicht gewinne, befriedigt mich das mehr als eine fast geschenkte Goldmedaille. Diesmal war es wichtig, es wenigstens zu versuchen.
 
Im Urlaub marschierte ich viel, rannte aber nur, als ich einen Seelöwen aus dem Meer robben sah. Das hat mir gut getan. Die Pause, nicht der Sprint zu den Riesenviechern am Strand.
 
 
 
Happy End in Dunedin. 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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