18.08. Plan für Christchurch

Grünes Licht für einen 'Blueprint' mit Wahnsinnsfaktor
Für den Wiederaufbau von Christchurch gibt es - wieder mal - einen Plan. Diesmal ist er offiziell. Es ist ein "Blueprint", der kürzlich mit großem Trara im Gebäude der Stadtverwaltung präsentiert und von der Mehrheit der geladenen Gäste bei Häppchen, Wein und Sekt bejubelt wurde.
 
Draußen standen normalsterbliche Bürger im strömenden Regen und protestierten für die vergessenen Menschen in den armen östlichen Vororten der Stadt.
 
Heute, fast zwei Jahre nach dem ersten schweren Beben am 4. September 2010, wissen noch immer nicht alle Menschen, ob ihre Häuser wieder aufgebaut werden oder nicht, ob sie irgendwann zurückziehen dürfen, ob sie für Reparaturen, den Neubau oder für immer und ewig ausziehen müssen.
 
Einige von ihnen haben nicht einmal von der zuständigen Behörde erfahren, dass in ihren Fällen noch immer keine Entscheidung getroffen worden ist, sondern von und aus den Medien. Wer sich jemals über deutsche Bürokratie aufgeregt hat, kennt EQC, CERA und Neuseelands Versicherungsgesellschaften (noch) nicht. Vielleicht ist es nicht mal die Bürokratie, sondern bloß weit verbreitete Inkompetenz.
 
Ich bin der ständigen Chaos-Meldungen müde und ergehe mich hier deshalb nicht in detaillierte Schilderungen. Aber ich kann mich nur jenen Leuten anschließen, die regelmäßig Dritte-Welt-Zustände beklagen.
 
Auch der "Blueprint", der nach 102 Tagen Arbeit vorgestellt wurde, hat innerhalb kürzester Zeit seinen Glanz verloren. Je öfter man ihn anschaut und die Auslassungen über die Ziele des Wiederaufbaus des Stadtzentrums nachliest, desto deutlicher wird, dass die Kritiker Recht haben könnten. Sie sagen nämlich, dass es der Regierung nur darum geht, via Enteignung billig Land zu erwerben und später an den Höchstbietenden mit Gewinn zu verkaufen.
 
Das funktioniert ganz einfach so: Die Regierung zahlt Grundstückbesitzern in der City nicht den letzten aktuellen Schätzwert von 2007, so wie den Besitzern von Privatgrundstücken, sondern nur den aktuellen Wert. Der ist natürlich wesentlich geringer, weil der Markt am Boden ist. Da der "Blueprint" einen Grünstreifen östlich der City vorsieht, wird Land knapp und die Grundstückspreise steigen.
 
Wenn alles zum Höchstpreis veräußert ist, expandiert das kompakte Zentrum nach Osten. Die "Cleverles" (das ist Schwäbisch!) haben nämlich den Grünstreifen als Reservegebiet ausgezeichnet. Es könnte also gut sein, dass der Grünstreifen nur einige Jahre existiert und dann wieder bebaut wird.
 
Der Wahnwitz daran wäre, dass im vorgesehen Grünstreifen einige unbeschädigte, renovierte und reparierte historische Gebäude wie die "Ng Gallery" stehen, die laut Plan abgerissen werden müssten. Heute wird nebenan eine neue Kneipe eröffnet. Und an anderen Stellen wird nach Gutdünken entschieden, welche Gebäude stehen bleiben dürfen und welche nicht: Fitnessstudio ja, Striptease-Club nein.
 
Ebenso hirnverbrannt ist die Platzierung eines überdachten Stadions am Rande der neuen kompakten City OHNE EINEN EINZIGEN PARKPLATZ. Diese Worte musste ich versal setzen, weil ich schreien könnte, wenn ich nur daran denke.
 
Man stelle sich nur mal vor: Es ist Samstagabend. Im Stadion treten die All Blacks zum Rugby-Gipfel gegen Australien an, und jene, die sich nicht dafür interessieren, strömen auf denselben Straßen in die zukünftigen Kneipen der Stadt. Auf öffentliche Verkehrsmittel können sie nicht bauen, da es keine Stadtbahn gibt, und das Bussystem hat bereits bewiesen, dass es mit "Park and Ride" überfordert ist.
 
Andernorts bauen sie Stadien weit außerhalb der Städte, um ein Verkehrschaos zu verhindern. Hier nicht. Und noch verrückter: Es würde direkt neben der anglikanischen Pappkathedrale stehen!
 
Andernorts werden Innenstädte revitalisiert, indem Apartments gebaut werden. Die Leute sollen nicht nur tagsüber zum Einkaufen ins Zentrum gehen, sondern mit dauernder Präsenz den toten Geschäftsvierteln auch nachts Leben einhauchen. Hier sollen die Leute am Rande der City wohnen bleiben, und die wenigen, die jetzt im Zentrum Häuser und Wohnungen haben, sollen für die "Precints" Platz machen. Das sind Bezirke für Kunst, Gesundheit, Tagungen, und so weiter, und so fort.
 
Ein Blick auf das Herz der Stadt zeigt, dass um den Platz vor der Kathedrale (wie auch immer die einmal aussehen wird - der Kampf gegen den Abriss hält an) von einem Tagungszentrum inklusive Hotel, der Städtischen Bücherei und einem Gebäude für darstellende Künste (Theater) umgeben sein wird. 
 
Im Tagungszentrum tagen die Leute im Inneren, die Bücherei ist abends geschlossen und die Leute sitzen im Theater. Aber klar, da auch ein paar Läden und Cafés erlaubt und sogar erwünscht sind, wird jeder in den Stadtkern eilen. Ich bin gespannt - und lasse mich gerne eines Besseren belehren.
 
Die Verlierer stehen jedoch auch schon fest: Es sind jene Geschäftsleute, die mit viel Elan, Geld und Durchhaltevermögen im Kampf gegen Behörden ihre Gebäude repariert oder gar neu aufgebaut haben, um der Christchurch neues Leben einzuhauchen und dafür enteignet und mit lächerlichen Beträgen entschädigt werden sollen.
 
Täglich gibt's neue Gründe, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Es gibt sie an allen Ecken und Enden. Immer öfter beklagen Leute das Ende der Demokratie in Christchurch. Es ist ein einziges Trauerspiel.
 
 
 
 
 
 
So soll Christchurch in plus/minus zehn Jahren aussehen - Link zum "Blueprint":
 

Die Frage nach Reparaturen
 
Regelmäßig fragen mich Freunde, wie's mit den Reparaturen an unserem Haus aussieht.
Sie waren für April vorgesehen. Der exakte Reparaturplan steht schon seit Anfang des Jahres.
 
Am 2. März inspizierte ein Assessor der staatlichen Versicherung EQC einige Dinge in unserem Haus, um letzte Unklarkeiten zu beseitigen und sagte, er würde die Reparaturen noch am selben oder am nächsten Tag abzeichnen. Das ist bis heute nicht geschehen.
 
Uns geht's trotzdem gut, da unser Haus überall, aber nicht nirgendwo stark beschädigt ist. Andere Leute leben bereits den zweiten Winter in halben Ruinen, hinter provisorischen Wänden aus Sperrholz oder  Kunststoffplanen. Bei ihnen regnet's durchs Dach, die Fundamente haben Risse, es zieht wie Hechtsuppe.
 
Andere Leute, die ihre völlig ruinierten Häuser verlassen mussten, sind fünf Mal umgezogen, müssen für unbewohnte Häuser Gebühren an die Stadt zahlen. Viele sind pleite, krank und mit ihren Nerven am Ende.
 
Am schlimmsten sind jene dran, bei denen die Kosten für die Hausreparaturen über der EQC-Höchstgrenze von 100.000 NZ-Dollar liegen. Sie müssen mit ihren Privatversicherungen verhandeln, und die drücken sich um die Zahlungen.
 
Die perversesten Fälle betreffen jene, deren Häuser in der "Red Zone" liegen, also Gebieten, die nicht mehr bebaut werden dürfen. Da gibt's tatsächlich Versicherungen, die sagen, sie bezahlen für die Reparatur (eines Hauses, das auf Anordnung der Regierungsbehörde abgerissen werden MUSS), aber nicht für einen Neubau! Es ist ein einziger Betrug.
 
Falls jemand von Euch jemals nach Neuseeland auswandert, schließt niemals eine Versicherung mit IAG ab! Unter deren Schirm verbergen sich mehrere Gesellschaften wie NZI, State und AMI.
 

Wirre Zusammenhänge
 
So berechtigt die meisten Proteste in Christchurch auch sind, viele Leute begreifen bei den Diskussionen nicht, dass die Finanzierung der Großprojekte und der Hausreparaturen aus unterschiedlichen Töpfen erfolgt.
 
Die Earthquake Commission (EQC, die staatliche Versicherung) hat nichts mit öffentlichen Projekten zu tun. Wenn eine Kathedrale oder ein Stadion nicht gebaut wird, werden deshalb nicht mehr Häuser schneller repariert - weil Letzteres von EQC und privaten Versicherungen vorangetrieben bzw. be- und verhindert wird. Gegen diese Praxis des Aussitzens und Verzögerns ist jeder Protest angebracht.
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