16.04. Die Toblerone-Box

Meinung der Bürger ist nicht gefragt, bloß ihr Geld
Die Chefetage der Anglikanischen Kirche in Christchurch hat heute bekannt gegeben, an welcher Stelle die Interimskathedrale aus Pappe und Containern gebaut werden soll, während das Wahrzeichen der zweitgrößten Stadt Neuseelands gegen den Willen der Stadtverwaltung und weiter Teile der Bevölkerung abgerissen wird. 

Der Bau wird nur rund 600 Meter südöstlich der schwer beschädigten neugotischen Touristenattraktion errichtet, die nach Meinung internationaler Experten mit anerkannten Stabilisierungs- und Rekonstruktionsmethoden gerettet werden könnte.
 
Die Freifläche an der Ecke der Madras & Hereford Streets am Latimer Square war bis zu den zerstörerischen Erdbeben Heimat der hübschen Kirche St. John's, die bereits dem Erdboden gleich gemacht worden ist. Auf dem leeren Grundstück auf der anderen Seite der Madras Street stand bis zum 22. Februar vergangenen Jahres das so genannte CTV-Gebäude, bei dessen Einsturz 115 Menschen ums Leben kamen.
 
Bereits im Dezember, vielleicht sogar schon im November, soll der toblerone-förmige Pappkarton - ungefähr so groß wie das Schiff der aktuellen Kathedrale - stehen und 700 Personen Platz bieten. Architekt ist der Japaner Shigeru Ban, der sein Design bereits im vergangenen August präsentiert hatte.
 
Das 5,4 Millionen NZ-Dollar teure Bauwerk wird aus Papprollen, Holzbalken und Stahlträgern bestehen. Ein Café, ein Laden und die Verwaltungsräume der Anglikanischen Diözese werden in Schiffscontainern rund um den Raum mit dem dreieckigen Querschnitt untergebracht.
 
Bischöfin Victoria Matthews, die aufgrund ihrer Weigerung, internationale Fachleute zu konsultieren, ins Kreuzfeuer geraten ist, bezeichnet den futuristischen Neubau als zukunftsweisend und "Zeichen der Hoffnung", ganz besonders, weil er gegenüber dem Schauplatz der fürchterlichsten Tragödie des Februar-Erdbebens stehen wird.
 
Allerdings nicht für wirklich lange Zeit. Die Lebensdauer der Mega-Toblerone, die zum Schutz vor Regen und Schnee sogar eine gelbliche Toblerone-Plastikhülle erhalten wird, soll rund 20 Jahre betragen. (Ein Sprecher der Kathedrale meinte sogar 50 Jahre.) Dann sollte auf dem zentralen Platz der Stadt wieder eine dauerhafte Kathedrale stehen - wie immer die auch aussehen wird.
 
Das Schärfste an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass die Anglikanische Diözese von den Bürgern der Stadt - via Zuschuss aus der Stadtkasse - jährlich 240.000 NZ-Dollar zur Unterhaltung ihres Pappkartons will, so wie früher für die große Kathedrale. Von denselben Bürgern, deren Meinung der Bischöfin und Co. schnurzfurzpiepegal war, als sie und ihre anglikanische Führungscrew beschlossen, die Christ Church Cathedral ohne jegliche Konsultation abreißen zu lassen. Das ist der wahre christliche Geist in dieser Stadt.
 
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