13.10. Langschnäbel

Diebische Keas schaffen es in die Polizeinachrichten
Menschen, die in Neuseeland Gesetze brechen, kommen meistens mit vergleichsweise geringen Strafen davon. Selbst wer regelmäßig betrunken Auto fährt und erwischt wird, bekommt seinen Führerschein jedes Mal nach ein paar Monaten wieder zurück, und wer niemanden umbringt, kommt oft mit Hausarrest davon. 

Bei Keas, die sich der fortgesetzten Sachbeschädigung schuldig machen, ist es nicht anders. Die Gebirgspapageien, die hoch über der Baumgrenze in alpinem Terrain zu Hause sind und sich im Schnee und auf Gletschern vergnügen, landen nicht einmal hinter Gittern. Jüngstes Beispiel: Eine sechsköpfige Kea-Clique, die sich auf einem Campingplatz in Kaiteriteri an der warmen Nordküste der Südinsel wochenlang danebenbenahm, wurde eingefangen und in die Hügel bei Takaka an der Golden Bay umgesiedelt.

Ruhe kehrte allerdings nicht ein, denn kurz danach tauchten sieben Keas auf, die für Chaos sorgten. „Sie tanzten auf den Dächern herum, machten sich an Photovoltaik-Anlagen zu schaffen, rannten unter Wohnmobile und knabberten an Schläuchen herum“, erzählte die Campingplatz-Managerin Sue Armstrong. Das Fass zum Überlaufen brachten die Purzelbaum schlagenden Papageien, als sie ein riesiges Loch ins Dach eines Wohnmobils hackten. 

Wieder rückten die Vogelfänger der Naturschutzbehörde DOC (Department of Conservation) an. Doch sie erwischten nur vier der sieben Unruhestifter; sie wurden in ein alpines Skigebiet im Nelson-Lakes-Nationalpark verfrachtet. Dort, wo sie eigentlich hingehören. Das war nämlich die größte Überraschung: dass die Gebirgspapageien – auf Lateinisch: Nestor notabilis - plötzlich in Meeresnähe auftauchten und dort ihr Unwesen trieben. Aber was sie auf dem Campingplatz vorfanden, war einfach zu verführerisch, um es zu ignorieren.

Die olivgrünen und bis zu 50 Zentimeter großen Tiere mit den leuchtend orangefarbenen Flügelunterseiten lieben solche Ferienanlagen ebenso wie Parkplätze und klappern sie regelmäßig nach kalorienreichen Happen ab, um die mühsame Futtersuche in den Wäldern abzukürzen. Die verbliebene Zeit nutzen sie, um ihre Neugier zu stillen und ihren Spieltrieb zu befriedigen. Dr. Lorne Roberts vom Kea Conservation Trust, einer Stiftung, die sich seit 2006 intensiv um das Überleben der einzigartigen Vögel kümmert, hält sie für „intelligenter als Menschenaffen“.

Richtig zerstörungswütig sind meist nur einige jugendliche Flegel, die sich in Gangs zusammenschließen. Sie lieben es, Gummidichtungen aus Autos zu reißen, Scheibenwischer, Reifen und Schuhsohlen anzuknabbern. Auch alles, was glänzt, zieht sie magisch an: Geldstücke, Schmuck, Reißverschlüsse, Fotolinsen.

Wer seinen Wagen im Kea-Revier längere Zeit unbeaufsichtigt stehen lässt, muss damit rechnen, dass nach ein, zwei Tagen Wischerblätter und Dichtungen fehlen. Wer seine Bergstiefel vor einer Hüttentür lüftet, wird eventuell in aller Herrgottsfrühe mit lautem Getöse geweckt - wenn ein Kea die Stiefel aufs Blechdach plumpsen lässt.

Im Februar dieses Jahres schaffte es ein Kea gar in die Polizeinachrichten. Der Grund: Während ein nicht sonderlich gut informierter schottischer Tourist in dem Südalpen-Ort Arthur’s Pass erst einen ihm unbekannten großen Vogel fotografierte und sich dann der alpinen Szenerie widmete, schlich sich der zuvor abgelichtete Kea durch die heruntergedrehte Scheibe in den Campervan den Besuchers und flog mit einer mit umgerechnet 700 Euro gefüllten Brusttasche davon. Zwar konnte der schottische Tourist ein Täterfoto liefern, aber sein Geld blieb verschwunden.

Die Keas, die nur auf der Südinsel Neuseelands vorkommen, sind geübte Diebe. Jeder Ausflug nach Arthur’s Pass wird zur Studienfahrt. So beobachtete die Autorin [ich] kürzlich zwei Keas, die mehrmals in einen Reisebus hüpften, um unbeaufsichtigtes Essen zu entwenden. Ein anderer zerrte Flaschen aus einer Abfalltüte. Manche Keas schaffen es sogar, die Deckel von Mülltonnen zu öffnen.

Sie sind nicht wählerisch, fressen so ziemlich alles, was ihnen vor die Schnäbel kommt: Beeren, Blüten, Pflanzensamen, Wurzeln, die Küken anderer Vogelarten, Echsen und Insektenlarven – aber auch Pommes frites, Kekse, Kartoffelchips, Nüsse, Obst. Gerne setzen sich die Papageien als ungebetene Gäste auf Picknick- oder Café-Tische, hopsen mit ihren typischen Seitwärts-Schritten in die Nähe belegter Brote, packen sie notfalls selber aus, stecken ihre Schnäbel in Cappuccino-Schaum und rücken Menschen auf die Pelle, die sich mit einer Eiscremetüte ins Freie setzen.

Aber die Keas, deren Gekrächze sich wie ein lustiges Kichern anhört, haben gut lachen. Sie stehen seit 1986 – besser spät als nie – unter Naturschutz, denn es soll nur noch zwischen 1000 und 5000 Exemplaren geben.



Diese Fotos aus Arthur's Pass sind ausschließlich von meinem Trip Mitte Oktober 2013, bei dem ich einen Kea dabei beobachtete, wie er mehrmals in einen Reisebus hüpfte, ihn inspizierte und wieder heraushüpfte.

Anmerkung:
Man sollte Keas nicht füttern!


     Rein in den Bus...

     Raus aus dem Bus.


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