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06.02. Fliegender Dildo

Eine rosa Rakete landet am Kopf von Minister Joyce
Ob es sich für einen Premierminister am Nationalfeiertag gehört, zu einem Rugby-Turnier zu gehen anstatt an einer offiziellen Festlichkeit teilzunehmen, darüber kann man streiten. Schließlich wird der Waitangi Day in Neuseeland nicht nur auf dem Marae in Waitangi begangen, wo 1840 der Vertrag von Waitangi zwischen den Maori und der britischen Kolonialmacht unterzeichnet wurde, sondern landauf, landab auf zahlreichen Versammlungsplätzen der Maori. 

Dass John Key den unwürdigen Zirkus nicht mitmachte, den der im hohen Norden ansässige Ngapuhi–Stamm im Vorfeld veranstaltet hatte, war allerdings nachvollziehbar: Nach Einladung, Ausladung und am Ende Einladung mit Redeverbot sagte der Regierungschef sein Kommen ab. 

Dass aufgrund seines Fernbleibens eine Gegnerin des tags zuvor unterzeichneten Transpazifischen Handelsabkommens TPPA einen pinkfarbenen Dildo an den Kopf seines Kabinettskollegen Steven Joyce feuerte, erregte den zuvor so gelassenen Premierminister dann aber mächtig. „Es ist widerlich, weil dieses Bild um die Welt gegangen ist“, sagte Key, „jetzt sagen die Leute überall auf der Welt, dass die Neuseeländer ihren Nationalfeiertag begehen, indem sie Sexspielzeug nach einem altgedienten Politiker werfen.“ 

Nun ist in Waitangi vielleicht noch nie ein Dildo geflogen wie jene rosa Rakete, die die Krankenschwester Josie Butler aus Christchurch aus Wut über „die Vergewaltigung unserer Souveränität“ abfeuerte und weil sie befürchtet, dass durch das TPPA die Arzneimittelpreise steigen. 

Aber die Liste der Zwischenfälle, die rund um den Waitangi Day notiert worden sind, seit der 6. Februar im Jahr 1973 zum nationalen Feiertag erklärt wurde, ist lang und unterstreicht die Meinung der Kritiker, die sagen, es handle sich um einen Tag der nationalen Uneinigkeit. Noch immer beklagen die Maori die massiven Landverluste, die aus der fehlerhaften englischen Übersetzung des Vertragswerkes resultieren. Deshalb kompensiert das Waitangi-Tribunal die Maori-Stämme auch heute, 176 Jahre nach der Unterzeichnung, noch immer für das einst begangene Unrecht.

Sogar die Queen ist von Protesten, begleitet von Flugobjekten, nicht verschont geblieben. Als sie 1990 zum 150. Jahrestag ans andere Ende der Welt reiste, warf eine junge Frau ein nasses schwarzes T-Shirt auf Elizabeth II. und rief: „Würdige den Vertrag!“ 

1982 wurde Generalgouverneur David Beattie, der in der konstitutionellen Monarchie der Repräsentant des britischen Königshauses im Land der Kiwis ist, am Rücken von einem Ei und an der Brust von einem Golfball getroffen. 

2004 wurde Oppositionsführer Don Brash, der kurz zuvor in einer Rede die Sonderrechte der Maori angeprangert hatte, mit Schlamm beworfen. „Kein schlechter Schuss“, sagte der damalige Vorsitzende der konservativen Nationalpartei, während er sich den Dreck vom Gesicht wischte.

1998 brach Labour-Politikerin Helen Clark, damals noch in der Opposition, in Tränen aus, als sie in Waitangi am Sprechen gehindert wurde, weil auf dem Marae nur Männer Reden halten dürfen. 2004, als sie Premierministerin war, wurden sie und ihre Parteigenossen angerempelt, als sie den Te Tii Marae, den unteren Versammlungsplatz, betrat. 

In den folgenden Jahren mied Clark, mittlerweile Leiterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, den berüchtigten Ort der Feindseligkeiten. Ihr Nachfolger John Key sah sich 2009 Handgreiflichkeiten ausgesetzt, kehrte aber mit mehr Bodyguards hartnäckig an den Ort der Feindseligkeiten zurück, ehe er dieses Jahr in Streik trat und Steven Joyce, unter anderem Minister für Wirtschaftliche Entwicklung, unfreiwillig in den Blickpunkt rückte. 

Der Dildo traf ihn, während er bei einer Stehpressekonferenz im Freien Journalistenfragen beantworte. Der Minister beendete die Gesprächsrunde sofort und musste sich erst orientieren, um überhaupt zu begreifen, was geschehen war. 

„Es ist lustiger, als ich ursprünglich dachte“, sagte er, nachdem er das Video des Vorfalls gesehen hatte, nannte das Ding aber nicht beim Namen, sondern sprach von „einem Gegenstand“. Die Polizei, die das Gummigeschoss sicherte und die Dildo-Werferin vernahm, aber später laufen ließ, sprach von „anstößigem Material“, der Labour-Vorsitzende von einem „kreativen Objekt“.

Aber John Key hatte schon Recht, die Welt wusste Bescheid. Zumindest die Neuseeländer in aller Welt. In London hefteten zahlreiche Frauen zur Feier des Waitangi Day pinkfarbene Dildo-Imitationen an Mützen und Hüte. Für solchen Humor sind die Kiwis bekannt, nicht nur für Unfrieden am Nationalfeiertag.



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