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07.04. Wicked Campers

Die grell-bunte Flotte des schlechten Geschmacks
Schneewittchen kifft und fordert jeden, der es sieht, auf, die Drogen ebenfalls zu genießen. Im Mund eines lächelnden Typs baumeln zwei qualmende Zigaretten, seine Botschaft in einer Sprechblase lautet: „Rauchen ist cool.“ Wer hinter einem mit Graffiti-Gemälden besprühten Wohnmobil der Firma Wicked Campers herfährt, erfährt auch, dass „das Beste am Oralsex die fünf Minuten Ruhe“ sind, „in jeder Prinzessin eine kleine Nutte steckt, die es auch mal ausprobieren möchte“ und „in jedem kleinen Jungen ein widerlicher kleiner Vergewaltiger, der Spaß daran findet, dir wehzutun“. 

Vor zwei Jahren unterzeichneten mehr als 100.000 Menschen in Australien eine Petition gegen die grell-bunte Flotte des schlechten Geschmacks, mit der preisbewusste Touristen durchs Land ziehen, im Senat kam es zu Protesten. Jetzt ziehen die Neuseeländer gegen den Autovermieter, der seinen Hauptsitz in Brisbane im australischen Sonnenscheinstaat Queensland hat, zu Felde. Das ganze Spektrum der Gesellschaft vereint: von erzkonservativen Familiengruppen über tolerante Liberale bis hin zu linken Feministinnen.

Ein Politikerinnen-Trio, darunter die Frauen- und die stellvertretende Tourismus-Ministerin, denkt über Maßnahmen nach, die Kleinbusse mit ihren sexistischen, frauen-, fremden-, familien- und überhaupt alles-feindlichen Sprüchen aus dem Verkehr zu ziehen. 

Die Umweltbehörde DoC (Department of Conservation) ist dem Beispiel des weltbekannten australischen Reiseführer-Verlags Lonely Planet gefolgt, der Wicked Campers vor einem Jahr aus seinen Publikationen entfernte, und löschte die Firma von seiner Tourismus-Website. Zahlreiche Campingplätze im ganzen Land verweigern Fahrzeugen mit besonders anstößigen Slogans den Aufenthalt, wie dem deutschen Ehepaar, das mit seinen zwei kleinen Töchtern in einem Bus mit der Aufschrift: „Blow job better than no job“ (Oralverkehr ist besser als kein Job), unterwegs war. 

Kriegserklärung per Bußgeldbescheid

Und jetzt hat die von jungen Leuten überrannte Touristenhochburg Queenstown auf der Südinsel Wicked Campers den Krieg erklärt: Wird ein mit zotigen Kommentaren beschmiertes Wohnmobil gesichtet oder beschwert sich jemand darüber, schickt die Stadtverwaltung der Firma einen Bußgeldbescheid über 300 NZ-Dollar (180 Euro). Dabei beruft sich die Kommune auf den Distriktplan, der eindeutig sexuelle, sittenwidrige und anstößige Zeichen und Schilder verbietet.

Immer häufiger sieht man Fahrzeuge, auf denen die Urlauber die Sprüche mit Tape überklebt haben, weil ihnen die Graffiti-Schmierereien entweder zu peinlich sind oder weil sie nicht wollen, dass Kinder sie sehen. 

Der Aufforderung der Firma, die Wohnmobile einfach zu ignorieren, kann man nicht so einfach nachkommen, wenn man, wie eine Kommentatorin in der Tageszeitung New Zealand Herald schreibt, „in dichtem Verkehr lange Zeit hinter so einem Campervan herfährt und seinem siebenjährigen Kind erklären muss, welche unterschiedlichen Sexstellungen es gibt“.

John Webb, der Gründer des Unternehmens, gibt vor, den ganzen Wirbel nicht zu verstehen. Es gehe ihm nur darum, den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, behauptet er. „Wer’s nicht lustig findet, hat keinen Humor und muss Mitglied der Brigade der politischen Korrektheit sein.“ Die Slogans seien humorvoll, klug und „perfekt, um Mädels aufzureißen und ältere Leute zu beleidigen“. 

Verwarnungen der nationalen Werberäte in Australien und Neuseeland, die sich vor Beschwerden über die diskriminierenden Sprüche nicht retten können und Wicked Campers schon dutzendfach verwarnt haben, hat Webb samt und sonders ignoriert. 

Das kann er sich leisten, weil die Touristen, die die Wohnmobile mieten, von dem Aufruhr im Land nichts mitbekommen und die Einheimischen sein Geschäft – im Gegensatz zu einem schlecht geführten Café, Restaurant oder Laden – nicht mit Boykott bestrafen können. 

Urlauber sind Anfeindungen ausgesetzt

Aber immer öfter sind die Urlauber Anfeindungen ausgesetzt – wenn sie zum Beispiel ihr Fahrzeug ohne böse Absicht vor einer Vorschule abstellen, in der die Kinder gerade Lesen lernen und einen Schriftzug wie diesen entziffern: „Ehefrau: ein Anhängsel, das du im Bett bumst, um die Hausarbeit erledigt zu bekommen.“ Oder: „Rette einen Wal, harpuniere einen Japaner.“ Oder: „Ein Mann wäre am Geist einer Frau interessiert, wenn er beim Gehen sanft auf und ab schwingen würde.“ Das, sagt Neuseelands Premierminister John Key, „ist nicht mehr lustig, sondern ist nur noch geschmacklos“.

Gegen Konventionen zu verstoßen, ist natürlich eine Werbestrategie, um die Zielgruppe – junge Leute und ältere Preisfüchse - anzusprechen und zu suggerieren, dass ein Urlaub in solch einem schrillen Campervan von wilden Abenteuern und Sexorgien geprägt sein wird. 

Statt farbenfrohe Popkultur, Graffiti und Street Art mit Kunstwerken auf Karosserien zu feiern, hat die Spraymalerei einen Hauch von Klograffiti mit vandalistischen Zügen. Die beiden Geschlechter sind auf ihre primitivsten Merkmale reduziert: Männer als schwanzgesteuerte Zombies, die nur eins im Sinn haben, und Frauen als ihre Spielzeuge. 

Es gibt sogar einen Nackt-Rabatt: Wer die Hüllen fallen lässt, wenn er sein Auto abholt, fährt einen Tag gratis. Auf der Visitenkarte des Firmenchefs prangt das Bild eines schwulen Pornostars, dessen Hose vor lauter Erregung zu bersten droht. 

John Webb war einst ein Automechaniker, der heruntergekommene Klapperkisten reparierte und vermietete. Da sie unansehnlich und zerdellt waren, sagte er zu seiner talentierten Frau, sie solle die Kleinbusse bemalen. Damals hagelte es Beschwerden, weil die Fahrzeuge nicht verkehrstüchtig waren. Webb nahm einen Kredit auf, kaufte neue Busse. „Wicked“ war, so die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes, toll und großartig. 

Im Lauf der Jahre wurde die Kunst jedoch immer mehr von den gruftigen Schriftzügen in den Hintergrund gedrängt. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „wicked“ wurde zum Programm: böse, schlecht, sündhaft, verrucht, schlimm. Gerade das finden manche jungen Urlauber im Zeitalter der exhibitionistischen Selfie-Sucht sexy. Die auf der Firmenwebsite hochgeladenen Fotos von nackten Campern auf und vor den Wohnmobilen sprechen für sich. 

  • INFO --- John Webb gründete Wicked Campers vor mehr als zehn Jahren in Brisbane, Australien. Von dort expandierte das Unternehmen nach Neuseeland, Nord- und Südamerika, Südafrika und Europa. In Deutschland hat es Vermietstationen in Berlin und München. 



Ein Campervan mit relativ harmloser, nichtsdestotrotz sexistischer Aufschrift: "Ich steige zu Fremden ins Auto".


Copyright, alle Fotos:
Sissi Stein-Abel
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