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08.12. Der neue Premier

Speaking English... bloß ein bisschen langsam, äh... 

Im täglichen Cartoon in The Press legt Bill English den Kopf in den Nacken, richtet seine markante Nase himmelwärts, reckt den Hals und drückt auf den Pumpzerstäuber eines Parfumflakons namens „Eau de Key“. Beschwörend haucht er die Formel: „Oh, John, John, John…“, in die noch immer vom Duft des am Montag völlig überraschend zurückgetretenen Premierministers John Key geschwängerte Luft. 

Doch auch der designierte neue Regierungschef Neuseelands weiß, dass er selbst mit „Eau de Key“ niemals den Popularitätsgrad seines beliebten Vorgängers erreichen wird. Keys bisherigem Stellvertreter und Finanzminister, der nach Studienabschlüssen in Handel und englischer Literatur als Farmer arbeitete, ehe er 1990 ins Parlament einzog, werden die Massen nie zu Füßen liegen und aus der Hand fressen wie dem locker-flockigen Multimillionär.

Das weiß English, der am 30. Dezember 55 Jahre alt wird und trotz seines knitzen Humors hölzern wirkt, natürlich auch. Nach dem Bekenntnis einer Mehrheit der 59 Abgeordneten der Nationalpartei zu English und dem Verzicht seiner beiden Herausforderer, Gesundheitsminister Jonathan Coleman und Polizeiministerin Judith Collins, lehnte der Politik-Methusalem Gratulationen vor der offiziellen Abstimmung und Inthronisierung am kommenden Montag zwar ab, aber er kündigte an, er werde die Aufgabe anders angehen als Key. 

Ein erzkonservativer Katholik nach dem locker-flockigen Key

„John war einzigartig“, sagte der Mann aus Southland, dem tiefen Süden der Inselnation im Südpazifik, „ich wäre nicht in der Lage, es so zu tun wie er.“ Und das liegt nicht nur daran, dass English mit seiner tiefen Reibeisen-Stimme nur halb so schnell spricht wie Key und reichlich „äh“ und „erm“ in seine Sätze einstreut, sondern weil er als praktizierender Katholik erzkonservativ ist. So hat der Vater von sechs Kindern gegen die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und die Entkriminalisierung der Prostitution gestimmt, ist gegen Abtreibung sowie aktive und passive Sterbehilfe. 

Von Key unter strengster Geheimhaltung schon vor zwei Monaten auf den Job eingeschworen und am Montag als Nachfolger vorgeschlagen, ist Bill English dort, wo er sich vor 14 Jahren schon einmal wähnte. 2001 zum Parteivorsitzenden gewählt, führte er die Nationalpartei bei den Parlamentswahlen 2002 (gegen die bis 2008 amtierende sozialdemokratische Premierministerin Helen Clark) mit nur 22 Prozent der Stimmen in die schlimmste Niederlage ihrer Geschichte und wurde ein Jahr später durch den ebenso erfolglosen Don Brash abgelöst.

Dem wiederum folgte 2006 John Key, der 2008 triumphierte und ins höchste Amt gewählt wurde. Nach diesem kurzen Intermezzo an der Spitze sah es so aus, als wäre English als Schattenmann wertvoller, und die Arbeit als spröder Buchhalter der Nation schien ihm auf den Leib geschneidert. „Ich hatte das wirklich nicht erwartet“, sagte er, „all das passierte so schnell, dass ich noch gar nicht wirklich Zeit hatte, darüber nachzudenken.“ Sein Portfolio wird er dem bisherigen Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Steven Joyce, übergeben.

Machtvakuum innerhalb der Nationalpartei

Unbestritten ist, dass nach dem Rücktritt ihrer Lichtgestalt innerhalb der Nationalpartei ein Machtvakuum entstanden ist. Nicht jeder ist gewillt, nach der Pfeife des Führers zu tanzen; plötzlich reißen viele, die sich vorher als willige Befehlsempfänger nach oben zu dienen versuchten, den Mund auf und melden ihre Ansprüche an. 

Mitten in dieser Unruhe gilt es bereits den Wahlkampf vorzubereiten, denn im kommenden Jahr sind die Neuseeländer schon wieder zum Urnengang aufgerufen. Bis dahin gilt es Einigkeit zu demonstrieren und das Volk bei Laune halten. 

Mit einem Spitzenkandidaten, der nach 26 Jahren im Parlament seine Zukunft schon hinter sich zu haben schien, ist dies keine leichte Aufgabe für die Nationalpartei. Auch aus diesem Grund betrachten viele Insider Bill English als eine risikoarme Übergangslösung, um letztlich auch den bereits von Key angestrebten Verjüngungsprozess voranzutreiben. Im Falle einer Wahlniederlage nach drei Legislaturperioden wäre English ein geeigneter Kandidat für den Rücktritt. 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Update 12.12.2016

Bennett Stellvertreterin
Heute wird Bill English als neuer Premierminister vereidigt. Paula Bennett wird seine Stellvertreterin. Ihr Konkurrent Simon Bridges warf am Wochenende das Handtuch, als er sah, dass er die nötigen Stimmen für den Posten nicht zusammenbekommen würde. 
Persönliche Einschätzung: Bennett ist das geringere Übel ;-)
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