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14.11. Das Morgen-Grauen

Baumelnde Schienenstränge und Grüne-Insel-Kühe
CHRISTCHURCH. Eine Seebären-Kolonie mit putzigen Babys, die in natürlichen Planschbecken auf den Küstenfelsen spielen, sind die große Attraktion am Ohau Point. Gestern konnte niemand zu diesem wildromantischen Flecken nördlich der Touristenhochburg Kaikoura vordringen, weil der State Highway 1, die zweispurige, kurvenreiche Hauptverkehrsstrecke der Südinsel Neuseelands, bei dem furchterregenden Erdbeben in der Nacht von Sonntag auf Montag (Ortszeit) in Fragmente gerissen, zerfetzt und verbogen worden ist. 

Breite Gräben im Asphalt öffnen den Blick in den Untergrund, sie wirken wie Tore zur Hölle, die über dem Norden der Südinsel und dem Süden der Nordinsel, inklusive der Hauptstadt Wellington, hereingebrochen ist. Dutzende massive Erdrutsche und Felsabbrüche haben die Straße streckenweise unter sich begraben. 

Die parallel dazu verlaufenden Eisenbahngleise, samt Schwellern als Einheit aus dem Boden gerissen, baumeln nicht nur am Ohau Point wie Legoschienen über dem Meer. Ein surrealer Anblick, genauso wie die drei Kühe, die wie auf einer winzigen grünen Insel im Meer der Verwüstung stehen und grasen – drei, vier Meter höher als die abgesackte Weide rund um sie herum. 

Zwei Tote und monatelange Beeinträchtigungen

Das Tageslicht nach dem Erdbeben der Stärke 7,5 auf der Moment-Magnituden-Skala (Mw), das von der US-Beobachtungsstelle USGS sogar als 7,8 eingestuft wurde, enthüllte das Ausmaß der Zerstörung, die das Leben und die Wirtschaft in den Regionen Nord-Canterbury und Marlborough monatelang beeinträchtigen wird. Das Morgengrauen wurde zum Morgen-Grauen nach der Naturkatastrophe kurz nach Mitternacht. Zwei Menschen sind gestorben: ein Mann in einem eingestürzten Haus in Kaikoura und eine Frau, die in Mt. Lyford einen Herzinfarkt erlitt und vom Rettungsdienst nicht erreicht werden konnte.

Der Highway ist auf einer Länge von 279 Kilometern gesperrt, von Waipara, nördlich von Christchurch, bis Picton, wo die Fähre nach Wellington ablegt. Die von einer 4,9 starken Erschütterung schwer getroffene Hauptstadt jenseits der Cook Strait wurde gestern zur Geisterstadt, Büros und Geschäfte blieben geschlossen. Da die Werft beschädigt wurde, dümpelten die Schiffe mit hunderten von Passagieren fast den ganzen Tag in der Hafenbucht.

Auch die Parallelstrecke zum Epizentrum in der Nähe der von der Außenwelt abgeschnittenen und in einer abgelegenen Farmlandschaft gelegenen Orte Waiau und Culverden sowie der SH7 in den Kurort Hanmer Springs sind gesperrt. Wie Culverden, Waiau und andere kleine Siedlungen ist auch Kaikoura, wo rund 1100 Touristen festsitzen und wie viele Einheimische in Zelten und Autos schlafen, nur mit dem Hubschrauber zu erreichen. So wird die Bewältigung der Krise zu einer Bestandsaufnahme aus der Vogelperspektive. 

Versetzte und zerstörte Häuser

Der Fernsehzuschauer sieht ein Haus, das von seinen Fundamenten gerissen worden ist und zehn Meter entfernt auf dem Rasen steht. Den völlig zerschmetterten Siedlerhof, in dem der Mann gestorben, aber seine hundertjährige Mutter gerettet worden ist. Die Menschen in Kaikoura, die einander umarmen und bei einem der mehr als hundert Nachbeben zusammenzucken. Die Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung ist unterbrochen. 

Am Nachmittag wackelt es in Cheviot, es ist ein Beben der Stärke 6,3. Der Ort liegt 110 Kilometer nördlich von Christchurch, das 2010 und 2011 von vier vernichtenden Beben heimgesucht worden ist. Die Schäden jetzt sind ähnlich, aber aufgrund der völlig unterschiedlichen Topographie und Bevölkerungsdichte nicht hundertprozentig vergleichbar.

In den vergangenen hundert Jahren hat es in Neuseeland, für das aufgrund seiner Lage über der Schnittstelle zweier tektonischen Platten (Pazifische und Australische Platte) Erdbeben zum Alltag gehören, nur zwei stärkere Erschütterungen gegeben als das Mitternachtsbeben von Nord-Canterbury: 1931 legte ein Erdstoß der Stärke 7,8 die Stadt Napier in der Hawke’s Bay in Schutt und Asche, 2009 rückte die Südinsel nach einem 7,8-Rumpler in Fiordland dreißig Zentimeter in Richtung Australien. 

Cape Campbell zwei Meter nach Norden katapultiert

Jetzt wurde im Osten das Cape Campbell zwei Meter weiter nach Norden katapultiert, und im Meer bildeten sich neue Riffe. Der Clarence River wurde nach einem Erdrutsch aufgestaut. Gestern Nachmittag brach der Damm und enorme Wassermassen donnerten durch das Tal in Richtung Meer. Eine 16-köpfige Gruppe von Raftern und sechs Kajakfahrer, die als vermisst galten, wurden rechtzeitig gefunden und evakuiert.

Seismologen gehen davon aus, dass die außergewöhnliche Erdbeben-Serie, die sich bis weit über das Zentrum der Nordinsel ausbreitete und das halbe Land mit Beben an immer anderen, aber bekannten Epizentren überzog, ein Doppelschlag war. Das heißt zwei Beben mit unterschiedlichen Epizentren wurden fast gleichzeitig, innerhalb weniger Sekunden, ausgelöst. 

Bei Culverden handelte es sich um eine Kompression, bei der ältere Schichten der Erdkruste bewegt und nach oben geschleudert werden, und wenige Sekunden später bei Kaikoura um eine Scherung; das ist eine Verwerfung, bei der sich eine vertikale Verwerfung seitwärts bewegt. 

Tsunami-Wellen und Erdbebenleuchten

Dieses Parallelereignis führte dazu, dass das Beben unendliche zwei Minuten mit fünfzig Sekunden extremer Erschütterungen dauerte und zwei Meter hohe Tsunami-Wellen auslöste. Dabei wurde in Pigeon Bay auf der Banks-Halbinsel, vor den Toren von Christchurch, ein Haus zerstört. 

Wellington erlebte das seltene Phänomen des Erdbebenleuchtens, der Himmel färbte sich mitten in der Nacht blau. Es gibt unterschiedliche Theorien über die Entstehung, eine davon ist, dass es durch die elektonischen Eigenschaften bestimmter Gesteinsarten unter tektonischem Druck entsteht.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Naturkatastrophe Druck auf andere Verwerfungen der Südinsel ausgeübt hat und mit weiteren unliebsamen Überraschungen gerechnet werden muss. Der Schwerpunkt geht in Richtung Norden, so dass Wellington möglicherweise nur kurz durchatmen kann. Die Hauptstadt liegt auf fünf Verwerfungen. 

Die Nachbeben sind hingegen ganz normal und werden sich über viele Monate ziehen. Sie sind, sofern sie über der Stärke 5,0 liegen, auch in Christchurch deutlich zu spüren. Nicht dass die Menschen dort vergessen, das auch sie auf einem Pulverfass leben.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 

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Schwerer Erdrutsch nördlich von Kaikoura.
Alle Bilder vom Fernseher abfotografiert

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Gräben auf dem State Highway 1, das ist die Hauptverkehrsstrecke der Südinsel.


Update 16.11.2016
Kühe gerettet!

Die gestrandeten Kühe (zwei Kühe und ein Kalb) wurden gerettet, indem der Farmer und ein Helfer mit Hacke und Schaufel einen Weg in den Lehm gruben, auf dem die Tiere ihre grüne Insel verlassen konnten. Sie haben es ja wirklich zu weltweiter Berühmtheit gebracht! Text und Fotos unter folgendem Link:





https://sites.google.com/a/sissistein.com/sissistein-com/neuigkeiten-2016/14-11-das-morgen-grauen/IMG_0280.JPG
Der zerschmetterte Elm Homestead, in dem ein Mann starb.

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Solche Risse entstehen vor allem dort, wo keine festen Strukturen vorhanden sind und sich das Land ausbreiten kann, also vor allem an seitlich unbefestigten Straßen, an Flüssen, an der Küste etc. Das Phänomen heißt auf Englisch "Lateral Spread".

Die Straßentunnels südlich von Kaikoura. Der Eisenbahntunnel ist unter den Erdmassen verschwunden.

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Zerstörung beim Ohau Point.



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