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14.11. Kaikoura-Erdbeben

Unheimliche Katastrophenwelle nach Mitternacht
CHRISTCHURCH. Nach einem massiven Erdbeben der Stärke 7,5 im Norden der Südinsel ist Neuseeland von einer wahren Erdbeben-Welle heimgesucht worden – Welle nicht im Sinne von S- und P-Wellen, die Erdbeben auszeichnen, sondern im Sinne einer unglaublichen Häufung von schweren Erschütterungen in einem weitläufigen Gebiet innerhalb eines kurzen Zeitraums. An allen Ecken und Enden schepperte, rumpelte, ratterte und wackelte es. Erdrutsche blockierten Straßen, der Strom fiel aus, Telefonleitungen und Sendemasten stellten den Dienst ein.

Zwei Minuten nach Mitternacht (Ortszeit/12.02 Uhr MEZ) begann die unheimliche Serie der Beben und Nachbeben, die im ganzen Land wahrgenommen wurden und die Menschen in den betroffenen Regionen in Angst und Schrecken versetzten. Die Epizentren der Beben erstrecken sich von der Region Canterbury (Hauptstadt Christchurch) im Norden der Südinsel bis weit über das Zentrum der Nordinsel hinauf, das für seine vulkanischen Aktivitäten bekannt ist (Taupo-Vulkanzone und Rotorua), und dort von Ost (Dannevirke) nach West (Levin). 

Es ging los mit einem schier endlosen Beben der Stärke 7,5 auf der Moment-Magnituden-Skala (Mw) mit Epizentrum 15km südöstlich von Hanmer Springs (130km nördlich von Christchurch) und in einer Tiefe von 16km. Die Erschütterungen dauerten länger als eine Minute und schreckten die ganze Nation auf. Hanmer Springs, ein von Bergen umgebener Kurort, der für seine heißen Pools bekannt ist, liegt auf einer der großen Verwerfungslinien der Südinsel. 

Erdrutsche und Felsstürze an den Hauptverkehrsstrecken

Das Beben löste Erd- und Felsrutsche entlang der Hauptverkehrsstrecke von Ost nach West aus, der State Highway 7 (Lewis Pass Road) wurde gesperrt. Auch die Nord-Süd-Achse (SH 1) von Christchurch nach Picton, wo die Fähre auf die Nordinsel ablegt, ist beschädigt; hier wurden weitläufig Risse in der Fahrbahn gemeldet. 

Nach dem ersten extremen Beben folgten mächtige Wackler der Stärke 6,2, 5,6, 5,5 und 5,8 bei Kaikoura an der Ostküste der Südinsel, 180km nördlich von Christchurch und rund 80km Luftlinie westlich von Hanmer Springs gelegen. In diesem Touristenmekka, das für seine Walbeobachtungstouren, Schwimmen mit Delfinen und seine Langusten berühmt ist, endet die Hope-Verwerfung. Nördlich von Kaikoura, in Seddon (Weinregion Marlborough), das bei einem Beben der Stärke 6,5 im Juli 2013 schwere Schäden erlitten hatte, wurden innerhalb von zwei Stunden ein Dutzend Erschütterungen bis Stärke 5,6 gemessen. 

Nach ersten Experten-Informationen soll jedoch nicht diese Schwächezone die großen Beben ausgelöst haben, sondern eine Bruchstelle, die quer zur Hope-Verwerfung verläuft und weiter nach Norden in Richtung der Cook Strait, die Nord- und Südinsel trennt, gebrochen sein könnte. Das könnte beunruhigende Auswirkungen auf die Subduktionszone in dieser Gegend haben, denn hier drückt die schwerere Pazifische Platte von unten gegen die leichtere Australische Platte.

Auch Wellington schwer getroffen

Auch die Hauptstadt Wellington, am Südzipfel der Nordinsel gelegen, wurde nicht verschont. Hier lag das Epizentrum eines 5,6 starken Bebens 35km nordwestlich. Und wenn es in Seddon scheppert, wackelt es auch in Wellington. 

Auf Twitter und Facebook berichteten Einheimische von Gebäudeschäden und posteten Fotos von Rissen in den Straßen sowie zerborstenen Schaufensterscheiben. Unzählige Menschen liefen auf die Straßen, weil durch das Geschüttel Alarmanlagen ausgelöst wurden. Kamine stürzten ein, Möbelstücke fielen um, die Inhalte von Regalen und Schränken ergossen sich auf den Boden. Vielerorts fiel der Strom aus, selbst in New Plymouth im äußersten Westen der Nordinsel. In Christchurch, das im September 2010 (7,1) sowie im Februar, Juni und Dezember 2011 (bis zu 6,3) von vier schweren Erdbeben heimgesucht worden war, wurde vorsichtshalber der Flughafen evakuiert. Auch Hotels wurden vorübergehend geräumt. 

Das Initialbeben bei Hanmer Springs schreckte die Leute aus dem Schlaf, es war trotz der großen Entfernung als schweres und nicht enden wollendes Gerüttel wahrnehmbar, wie eine Fahrt auf einer Rüttelstrecke, mit scheppernden Scheiben, Schranktüren und Fenstern. Doch hier kamen die Bewohner mit dem Schrecken davon. Die Stadt befindet sich im Wiederaufbau, das Zentrum gleicht an manchen Stellen noch immer einem Niemandsland. 

Der Zivilschutz gab eine Tsunami-Warnung heraus, nachdem eine Welle den Nordost-Zipfel der Südinsel erreicht hatte. Der Wetterdienst WeatherWatch berichtete von einer zwei Meter hohen Tsunami-Welle in Kaikoura. Üblicherweise führen erst Seebeben über 7,0 zu zerstörerischen Tsunamis.

INFO
Die geläufigste Skala zur Messung von Erdbeben ist heutzutage die Moment-Magnituden-Skala (Mw). Die seit 1935 bekannte Richterskala ist definitionsgemäß „nach oben offen“, ist aber zur Messung starker Beben ungeeignet und endet praktisch bei 6,5. Die Magnitude, das Maß für die Stärke eines Bebens, leitet sich aus dem dekadischen Logarithmus der maximalen Amplitude (Ausschlag) im Seismogramm ab. Deshalb ist ein Beben der Stärke 6,0 zehn Mal stärker als ein Beben der Stärke 5,0; ein Beben der Stärke 7,0 ist hundert Mal stärker als ein Beben der Stärke 5,0.



Update 5 Uhrn NZ-Zeit - 17 Uhr MEZ 
  • Es hat offenbar Verletzte gegeben, aber es gibt noch keine spezifischen Angaben dazu. Als Gebiete werden Culverden und Waiau (das sind die Orte südöstlich von Hanmer Springs in der Nähe des Epizentrums des 7,5-Bebens) sowie Kaikoura genannt. 

  • Verteidigungsminister Gerry Brownlee hat gerade eben bekanntgegeben, es habe einen Todesfall in Zusammenhang mit dem Erdbeben gegeben. Eine Person nördlich von Christchurch starb aufgrund der Aufregung an einem Herzinfarkt. Die Rettungsdienste seien aufgrund von Straßensperrungen nicht zu ihr vorgedrungen.
     
  • In Kaikoura wird eine Person in einem eingestürzten Haus (Siedlerhof) gesucht.
  • Die zwei Meter hohe Tsunami-Welle in Kaikoura ist bestätigt. In Wellington und an der Ostküste der Südinsel von Blenheim über Kaikoura (mittlerweile auch ein Dutzend schwere Beben) bis Christchurch bringen sich die Leute, die auf Meereshöhe wohnen, in Sicherheit und fahren und marschieren in höhere Gebiete, bis Entwarnung gegeben wird. In Christchurch hat eine einen Meter hohe Welle die Küste erreicht (insbesondere Vororte New Brighton, wo die Leute direkt am Strand und hinter den Dünen wohnen, und Sumner).
     
  • Einige Brücken wurden erheblich beschädigt. In der Gegend um Waiau und Culverden sind zahlreiche Farmgebäude. 
  • In Wellington wird der Zugverkehr eingestellt, bis die Gleise kontrolliert worden sind. Die Einwohner wurden aufgefordert, das Stadtzentrum zu meiden und nicht zur Arbeit zu gehen. Auch der Zugverkehr an der Ostküste der Südinsel wurde eingestellt (die Strecke führt an vielen Klippen, Felsen und anderen Steilen Abschnitten entlang, an denen auch ohne Erdbeben Erdrutsch- und Steinschlaggefahr besteht). 



Update 7 Uhr NZ-Zeit - 19 Uhr MEZ 

  • Es sind jetzt zwei Tote bestätigt: die eine Person, die an einem Herzinfarkt starb (wie um 17 Uhr gemeldet). Der zweite Tote ist die vermisste Person aus dem eingestürzten Siedlerhof bei Kaikoura. Eine zweite Person wurde lebend aus diesem Gebäude geborgen. 
  • Der Seismologe John Ristau von GeoNet sagt gerade, das Beben werde zwar als 7,5 gemeldet, aber in Wirklichkeit sei es ein 7,8 starkes Erdbeben (auf der Mw-Skala; Moment-Magnituden-Skala). 
  • Der Premierminister (John Key) sagt gerade, es gibt wenig Informationen aus dem Krisengebiet in Culverden und Waiau, weil die Kommunikationsmittel/wege zusammengebrochen und Straßen blockiert sind. Die Gegend ist sehr abgelegen und einsam. Kaikoura ist ebenfalls von der Außenwelt abgeschnitten. Sie fliegen jetzt mit Hubschraubern dorthin. Es ist jetzt helllichter Tag.
  • Ansonsten bleibt die Tsunami-Warnung für die Ostküste der Südinsel von Blenheim bis zur Banks-Halbinsel (Christchurch) bestehen. Überall sind Evakuierungszentren eingerichtet. 
  • Der komplette nördliche Abschnitt der Hauptverkehrsstrecke der Südinsel, der State Highway 1, ist zwischen Waipara und Picton wegen schwerer Schäden gesperrt (Waipara liegt nördlich von Christchurch, Picton am Nordzipfel der Südinsel). Das ist eine riesenlange Strecke. Nördlich von Kaikoura sitzt ein Zug fest (Güterzug – auf dieser Strecke fährt lediglich einmal am Tag ein Touristenzug rauf und runter, es sitzen also keine Passagiere fest). Diese Strecke verläuft parallel zur Straße, die Küste ist hier an den meisten Abschnitten ein ganz, ganz schmaler Streifen zwischen dem Meer und den Kaikoura Ranges. 
  • Allerorten zwischen Wellington und Christchurch sind Schulen, Kindergärten etc. geschlossen. Keine Züge und Fähren in Wellington. 
  • Zu allem Überfluss wird heute in Wellington auch noch ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten bis zu 140km/h erwartet.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)
"Schnellschuss"

Der nebenstehende Text wurde direkt nach dem Beben nach Mitternacht geschrieben, um meine Zeitungsgruppe in Deutschland und der Schweiz für die Andruckfassung zu beliefern. Die Meldungen über Schäden waren vage, schließlich war es stockdunkel, Kaikoura und das Epizentrum des 7,5 starken Bebens waren von der Außenwelt abgeschnitten, Hubschrauber konnten nicht fliegen, um einen Überblick zu erhalten. 

Deshalb hören sich manche Details in dem Bericht viel harmloser an, als sie sich dann - erwartetermaßen - entpuppten.

Wie dramatisch die Lage wirklich war und ist, wird im folgenden Bericht: "Das Morgen-Grauen" beschrieben. Der Morgen nach der Naturkatastrophe um Mitternacht. Bestandsaufnahme bei Tageslicht.



Persönlich
Zwei endlose Minuten
Ich schlief tief und fest, als mich mächtiges Gerüttel kurz nach Mitternacht weckte. Ich saß mit erhöhtem Herzschlag im Bett, es fühlte sich an wie eine rasante Fahrt auf einer Rüttelstrecke, und das Rattern wollte einfach nicht aufhören. Unglaubliche zwei Minuten dauerte das Ganze, davon waren 50 Sekunden extrem. 

Da es nur rüttelte, aber nichts umfiel und nichts von Regalen und aus Schränken fiel, wusste ich, dass es ein ganz schweres Beben in größerer Entfernung sein musste. (Wir sind ca. 100km entfernt.) Und tippte goldrichtig auf 7,5, denn so solch eine Intensität bei einem Erdbeben in größerer Entfernung hatte ich noch nie erlebt. Ich spürte von dem Geschüttel auch noch 20 Minuten später Vibrationen im Körper, andere Leute fühlten sich seekrank.
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