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17.05. Selbstmord als Tabu

Geschwärzte Wahrheit im Kampf gegen den Suizid
Die namenlose Mutter wollte Leben retten, indem sie vom Leben und Sterben ihres Sohnes erzählte. Sie wollte jungen Leuten einhämmern, dass Selbstmord nicht der einzige Ausweg aus vermeintlich ausweglosen Situationen und psychischen Störungen ist. Dass es Hilfe und Hoffnung gibt. 

Aber als sich die Frau aus Christchurch, der zweitgrößten Stadt Neuseelands, eineinhalb Jahre nach der Verzweiflungstat des Teenagers einer Journalistin anvertraute, schwärzte die Zeitung Sunday Star Times zwei Drittel des Textes, weil ein Untersuchungsrichter der Mutter und damit auch den Medien einen Maulkorb verpasst hatte. 

Jedes Wort, das ihren Sohn mit Selbsttötung in Verbindung bringen könnte, ist verboten. Deshalb darf auch ihr Name nicht genannt werden, denn daraus könnte man ja auf die Identität des jungen Mannes schließen, der sich im November 2013 mit achtzehn Jahren das Leben genommen hat. 

Die WHO denkt anders als neuseeländische Richter

Das Sonntagsblatt wollte mit den Textschwärzungen ein Zeichen setzen, um den Umgang der medizinischen und juristischen Fakultäten im Land der Kiwis infrage und gleichzeitig die Frage zu stellen, ob man tatsächlich Suizide verhindern kann, indem man die Tatsache, dass Selbsttötung existiert, totschweigt. 

Die Antwort ist nein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verlangt nationale Strategien, und intensive Aufklärung ist ein Kernpunkt davon. Das betont auch die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) auf ihrer Website: „Suizid darf kein öffentliches Tabuthema sein.“ 

Dazu gehört auch eine Medienstrategie der sensiblen Berichterstattung, der verantwortungsbewusste Medien folgen: Sie gehen nicht ins Detail, geben also keine Handlungsanleitungen, sensationalisieren die Geschehnisse nicht in knalligen Schlagzeilen und Fotos. 

Sensationalisierung führt zu Nachahmungstaten

Letzteres führt nachweislich zu Nachahmungstaten, so wie 2009 nach dem Tod des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke. Dieses Phänomen ist als Werther-Effekt bekannt, benannt nach Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, in dem sich der Rechtspraktikant Werther aufgrund seiner unglücklichen Liebe zu einer gebundenen Frau namens Lotte das Leben nimmt. 

Nach der Veröffentlichung 1774 stieg die Zahl der Selbstmorde in Europa, und zahlreiche Lebensmüde orientierten sich an der Romanvorlage. „Die Gefahr sinkt, wenn Suizid als Folge einer Erkrankung dargestellt wird, die erfolgreich hätte behandelt werden können, und alternative Problemlösungen aufgezeigt werden“, sagt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Unerlässlich ist die Veröffentlichung von Kontaktadressen und –nummern (Helplines) als Ergänzung von Berichten über Selbstmord. 

Wenn sich in Neuseeland jemand das Leben nimmt, berichten die Medien im Normalfall, die Person sei „gestorben“. Die Familie des toten Teenagers durfte in der Todesanzeige nicht erwähnen, dass er keines natürlichen Todes gestorben war. Es gab keinen Nachruf im redaktionellen Teil, wie es in dem bevölkerungsarmen Land üblich ist. 

"Wundervolle junge Leute, die viel zu früh gegangen sind"

Genau das wäre der Mutter wichtig gewesen. Sie lese immer diese liebevollen Nachrufe „über wundervolle junge Leute, die viel zu früh gegangen sind“, während der Untersuchungsrichter dafür sorgte, dass ihr Sohn spurlos von der Welt verschwinden musste und sein Selbstmord „ein schmutziges kleines Geheimnis“ bleibe. 

Dabei wolle sie nichts anderes, „als eine andere Familie davor zu bewahren, ihren Sohn oder ihre Tochter auf diese Weise zu verlieren“. Das wäre die in anderen Ländern praktizierte Aufklärungsarbeit – und das Reden darüber für die Frau ein wichtiger Schritt in ihrer Trauerbewältigung. „Den Medien einen Maulkorb zu verpassen, funktioniert nicht“, sagt sie, „es isoliert die Menschen.“

Wie so viele Kinder und Jugendliche in Christchurch verlor der vorher fröhliche Sohn nach den schweren Erdbeben 2011 den Boden unter den Füßen. Unzählige junge Leute litten und leiden auch heute noch unter Posttraumatischen Belastungsstörungen, und nicht alle suchten oder fanden Hilfe. Er wurde unstet, ging von der Schule ab, verlor Jobs, schämte sich dafür, verheimlichte es, fiel in ein immer tieferes Loch, litt unter schweren Depressionen. 

"All Blacks weinen nicht"

Als es ganz schlimm um ihn stand, kaufte ihm die Mutter das Buch „All Blacks Don’t Cry“ (All Blacks weinen nicht), in dem der einstige Rugby-Star John Kirwan seinen letztlich erfolgreichen Kampf gegen die Dämonen der Depression beschreibt. (Die All Blacks sind die Rugby-Nationalmannschaft Neuseelands.) 

Doch der Sohn hatte schon aufgegeben. Er war unfähig, die Wörter Hoffnung und Liebe zu lesen. Bis der Tod kam, vergingen einige Tage, so dass sich seine Familie und Freunde von ihm verabschieden konnten. Und doch: Ruhe hat niemand gefunden. Weil es zwar eine Fernsehkampagne gibt, in der die Neuseeländer unter anderem von John Kirwan aufgefordert werden, bei Depressionen und anderen psychischen Problemen Hilfe zu suchen, aber Selbstmord ein öffentliches Tabuthema bleibt. 



INFO

In Neuseeland (4,6 Millionen Einwohner) war im Jahr 2014 Suizid in 569 Fällen die Todesursache. In Deutschland (81,8 Mio.) brachten sich 2013 exakt 10.073 Menschen um, der Jahresschnitt in der Schweiz (8 Mio.) liegt bei 875. Die daraus errechneten Selbstmordraten - die Anzahl der Suizide pro 100.000 Einwohner – sind ähnlich. 

Weltweit töten sich laut Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich mehr als 800.000 Menschen selbst, davon drei Viertel in armen Ländern. In reichen Ländern wählen drei Mal so viele Männer wie Frauen den Freitod. 

Die Zahl der Selbstmordversuche ist rund zehn Mal höher, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. Wesentlich mehr Menschen sterben durch Selbstmord als durch Unfälle im Straßenverkehr. Einige der Auslöser sind Depressionen, Drogensucht, Diskriminierung, Existenzangst, Mobbing, sexuelle Gewalt und chronische Schmerzen.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 


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