Neuigkeiten 2016‎ > ‎

18.01. Der Wizard

Das lebende Kunstwerk, der große Unverstandene
Als während des Erdbebens im Februar 2011 der Turm der Anglikanischen Kathedrale in Christchurch einstürzte und ein paar Meter weiter die Stadtgründer-Statue vom Sockel fiel, verlor der „Wizard of New Zealand“, der Hexenmeister Neuseelands, seine Bühne. 

Von 1974 an war der Lebenskünstler mit den langen, grauen Haaren und dem zipfeligen Rauschebart fast täglich vor dem neugotischen Bauwerk auf seine Stehleiter gestiegen, damit ihn die Leute besser sehen konnten, und hatte über seine Philosophie der Spaß-Revolution doziert, gegen Bürokratie, Modernismus und Fundamentalismus gewettert. Da der gepflasterte Platz vor der lediglich an der Westfront schwer beschädigten Kathedrale auch fünf Jahre nach der Naturkatastrophe ein Bild des Jammers bietet, weil die Kirchenoberen das Wahrzeichen der zweitgrößten Stadt Neuseelands lieber abreißen als restaurieren würden und es deshalb vergammeln lassen, hat der 83-jährige Wizard seinen Wirkungskreis in eine herausgeputzte Touristenmeile [New Regent Street] verlegt.

Er posiert für Fotos, setzt sich an Café-Tische und plaudert mit Besuchern und Einheimischen über seine Gedankenwelt. Er ist braungebrannt vom Leben an der frischen Luft, wirkt dynamisch und viel, viel jünger, als er ist. 

Schwarze Kutte und spitzer Zauberhut

Der 1982 offiziell als „lebendes Kunstwerk“ anerkannte Exzentriker, der 1990 vom damaligen Premierminister Mike Moore zum „Wizard of New Zealand“ ernannt wurde, fällt nämlich auf, obwohl er mangels eines geeigneten Platzes keine öffentlichen Reden hält wie einst. Er ist in eine bodenlange schwarze Kutte gehüllt, trägt einen hohen, spitzen Zauberhut und stützt sich auf einen mit Maori-Schnitzereien verzierten knorrigen Zauberstock. 

Viele Touristen, die ihn nicht kennen, halten ihn für Gandalf aus der Film-Trilogie „Herr der Ringe“, die in Neuseeland gedreht wurde. „Und seit Harry Potter sind plötzlich viel mehr Kinder an mir interessiert als früher“, sagt er. „Vorher hatten sie eher Angst vor mir.“ 

Der Wizard zusammen mit seinem Stellvertreter Ari Freeman in der New Regent Street

Auf seiner Visitenkarte bietet er Zauberworte für besondere Anlässe, Segnungen für Konferenzen, Festivals und Firmeneröffnungen an. Seine facettenreichen Tätigkeiten reichen von metaphysischer Ingenieur und anglikanischer Prophet über Regentänzer und Verfahrenskosmologe bis hin zu Bloßsteller fanatischer Fundamentalisten und soziologischer Fachjargon-Händler.

Seit zwei Jahren wandelt der Wizard, der auch als „Jack“ bekannt ist, meistens mit seinem Stellvertreter, dem 34-jährigen Musiker Ari Freeman, durch die New Regent Street, eine im spanischen Kolonialstil erbaute Straße für Fußgänger und die historische Straßenbahn mit pastellgrün, -gelb und –blau gestrichenen Läden, Cafés und Kneipen. Das sticht noch mehr ins Auge: zwei Spitzhüte, zwei Rauschebärte, zwei Wallegewänder. Am Wochenende stößt oft ein halbes Dutzend weiterer Zauberlehrlinge dazu. 

Ein Erbe für die Nachwelt

Der in der Stilrichtung Jazz ausgebildete Freeman, der mit der Bahai-Religion (Bahaitum) aufwuchs, „immer viele Fragen stellte und alles wissen wollte“, empfindet das Zauberer-Dasein nach Jahren der Suche nach seinem spirituellen Selbst als „Erweiterung meiner Musik“. Dass der berühmte Wizard ihn zum Assistenten ernannt hat, wertet auch Freeman als Zeichen dafür, dass der ehemalige Uni-Dozent (Soziologie, Psychologie) ein Erbe für die Nachwelt schaffen möchte. 

Das ist an der Zeit für einen, der gerade 83 Jahre alt geworden ist, auch wenn er sagt: „Ich kann mich nicht zur Ruhe setzen. Wizards werden besser, je älter sie sind. Mein Geist funktioniert täglich besser.“ 

Weitere Indizien sind, dass der 1932 als Ian Brackenbury Channel in London geborene Wizard kürzlich nach 41 Jahren in Christchurch endlich die neuseeländische Staatsbürgerschaft angenommen hat und nach der Zeremonie ankündigte, er werde als Doktorand an der Universität von Tasmanien in Hobart endlich seine Dissertation in Soziologie niederschreiben. „Ich hoffe, in zwei Jahren damit fertig zu sein“, sagt der ehemalige Uni-Dozent, der als jüngerer Mann dank der Unterstützung seiner Dauer-Verlobten Alice Flett seine Karriere als Wizard verfolgen konnte. 

Mit 83 Jahren Arbeit an der Dissertation

Die These für die Dissertation stand schon 1968 fest, als er noch an der Universität von New South Wales in Sydney lehrte: dass man bürokratische Strukturen durch spielerische Innovation verwandelt und dadurch freundlichere kooperative Gruppen schafft. Die Spaß-Revolution, die er schon zu seiner Zeit in Australien propagierte. Luftballons und Dozenten in verrückten Klamotten statt Politiker und Hierarchie. Ein sozialwissenschaftliches Experiment. „Wenn man alles und sich selbst zu ernst nimmt, beteiligt man sich am modernen Versuch, die Vergangenheit zu zerstören“, sagt er, „aber wir lieben die Vergangenheit.“ 

Diese Aussage führt direkt zu seinem leidenschaftlichen Kampf für die Rettung der wenigen historischen, vor allem neugotischen Gebäude, die die Erdbeben in Christchurch überlebt haben. An erster Stelle natürlich „seine“ Anglikanische Kathedrale, die Objekt mehrerer juristischer Auseinandersetzungen gewesen ist. Obwohl die Kirche das Gebäude dem Zerfall preisgegeben hat und die zerbröckelte Westfassade nie mit Planen verschlossen wurde, ist der Dachfirst trotz Taubeninvasion noch immer schnurgerade. „Das muss man sich vorstellen, das Herz und die Seele der Stadt so zu behandeln“, wettert der Wizard, der nicht nur die aus Kanada stammende Bischöfin im Visier hat, sondern auch die modernen Architekten. „Der Modernismus ist geprägt von Wut und Zerstörung“, sagt er, „die bauen Häuser wie Schuhkartons und sagen, Bögen seien stilfremd. Warum eigentlich?“ 

"Viele Offizielle und Beamte hassen mich"

Der Wizard, der 2009 für seine Verdienste um Neuseeland mit einem Orden der Queen ausgezeichnet wurde, will seinen Platz im Zentrum der Stadt zurück, um wieder im Mittelpunkt zu stehen. 

Die Stadtverwaltung zahlt ihm fast 10.000 Euro im Jahr, um für Christchurch zu werben und Zauberdienste zu leisten. Doch er wird nicht zu offiziellen Anlässen eingeladen oder als Redner engagiert. Die Werbung für den Wizard fehlt, obwohl Touristen regelmäßig nach ihm fragen. „Die Leute beim Fremdenverkehrsamt hassen mich“, sagt er. „Viele Offizielle und Beamte hassen mich. Keiner traut sich, meine Sachen zu verkaufen. Das moderne Volk in der neuen Kunstgalerie hält mich für ein Ärgernis und Ungeziefer.“ 

Warum? „Weil ich in keine Schublade passe und sage, was ich denke“, antwortet er, „das war schon in den sechziger Jahren so, da bekämpften mich die Marxisten, dann in den neunziger Jahren die wiedergeborenen Christen, und jetzt die spaßfeindlichen Puristen. Das sind lauter Scheinheilige, die sich hinter ihren Masken verstecken. Ich trage keine Maske.“ 

Das Kostüm, das er trägt, diene lediglich dazu, einen Archetyp zu schaffen. Eine Phantasiewelt, in der Neuseeland, wie auf der von ihm entworfenen Weltkarte, oben steht. Oder sein Auto, das Wizardmobil, für das täglich von 11.30 bis 14.30 Uhr ein Parkplatz am Ende der New Regent Street reserviert ist. Es ist ein roter VW Käfer, bestehend aus zwei zusammengeschweißten Vorderteilen. Irgendwie passend für einen, der sich in keine Richtung zwingen lässt, aber unverdrossen vorwärtsgeht. 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Der reservierte Parkplatz für das Wizardmobil in der Gloucester Street.

Das Wizardmobil.

Plauderstunde im Café


Copyright, alle Fotos:
Sissi Stein-Abel

Comments