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26.10. All-Blacks-Rekord

Unerwarteter Höhenflug im Jahr des Neuaufbaus
Weltrekord, sagte die Statistik. 18 Siege in Folge, das hat vor den All Blacks, Neuseelands legendärer Rugby-Nationalmannschaft, noch niemand geschafft. Ein Anrufer aus Zypern stellte genau das in Frage und verwies auf die Erfolgsserie der Rugby-Heroen von der Mittelmeer-Insel. Und tatsächlich: Zwischen November 2008 und November 2014 verzeichneten die Zyprioten 24 Siege hintereinander. Der Zauber endete, als die Mufflons, so ihr Spitzname, von Lettland auf die Hörner genommen wurden. 

Doch spätestens beim Blick auf die Gegner wird klar, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen wurden. Neuseeland und Zypern trennen nicht nur auf der Landkarte Welten, sondern auch im Spiel mit dem ovalen Ball. Dreifacher Weltmeister versus Mitglied der Europameisterschafts-Division 2B (Deutschland: Division 1A). 

Dort, wo die Luft am dünnsten ist, dominieren die All Blacks in einer Art und Weise, die ihnen angesichts der Rücktrittswelle von neun Starspielern nach dem Gewinn des Weltmeistertitels im vergangenen Jahr in England eigentlich niemand zugetraut hatte. Auch sie selbst nicht. 

Es sollte ein Jahr des Neuaufbaus werden, nachdem sich die Überflieger Dan Carter, überragender Spielmacher, Kicker und Weltrugbyspieler des Jahres, ins Ausland (Frankreich) und Richie McCaw, der unvergleichliche Kapitän, in den Ruhestand verabschiedet hatten. Doch bereits bevor die am 15. August 2015 begonnene Siegesserie mit einem 37:10-Triumph gegen den Erzrivalen Australien in Auckland gekrönt wurde, sprechen die Experten von den besten All Blacks aller Zeiten. Besser als die hochgehandelte Mannschaft von 1967, besser als der 2015er-Jahrgang mit den besten Spielern. 

"Nicht erwartet, dass wir so schnell so gut sein würden"

Sie haben Südafrika 57:15 gedemütigt, den aktuellen Vizeweltmeister Australien in allen drei Partien um den Bledisloe Cup zurechtgestutzt und sogar in Sydney 42:8 gewonnen. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, sollte ihr Höhenflug jetzt auf der traditionellen Jahresabschluss-Tournee auf die Nordhalbkugel enden [Update: haha!]: Die Gegner sind zwei Mal Irland (in Chicago/USA und Dublin) sowie Italien und Frankreich. „Ich wusste, dass wir talentierte Leute haben, aber ich hatte nicht erwartet, dass wir so schnell so gut sein würden“, sagte Trainer Steve Hansen. 

Sein Assistent Wayne Smith nannte die All Blacks die „Meister der Neuerfindung“. Smith: „Wir haben Spieler in null Komma nichts ersetzt, von denen man dachte, sie seien unersetzlich und es würde ewig dauern.“ Südafrikas Coach Alastair Coetzee blieb nach den beiden deftigen Abreibungen in der „Rubgy Championship“, dem Wettbewerb der Nationalteams der Südhalbkugel, die Spucke weg: „Es ist beeindruckend, wie großartig ihnen der Übergang gelungen ist und wie nahtlos Kieran Read die Kapitänsrolle übernommen hat.“ 

Das kommt nicht von ungefähr, denn Read ist kein Frischling. Der 31-jährige Stürmer (Nummer 8) war McCaws Stellvertreter und während dessen Sabbatical und Verletzungspausen schon der Chef. „Ich habe dieselbe Aufgabe, gehe sie aber anders an“, sagt der 94-fache Nationalspieler, „ich bin nicht alleine da draußen, sondern Teil einer Führungsgruppe. Ich übertrage so viel Verantwortung wie möglich auf die anderen.“ In einem Punkt unterscheidet er sich jedoch nicht von seinem Vorgänger: „Ich gehe mit gutem Beispiel voran, gebe alles, reiße alle mit.“ 

Abkehr vom Diktatoren-Stil des Vorgängers

Das Erfolgsgeheimnis der All Blacks ist zum einen Hansens Abkehr vom Diktatoren-Stil seines Vorgängers Graham Henry hin zu Kooperation und Teamwork eines umfangreichen Trainerstabs, zum anderen die zentralisierte Vertragsstruktur. Der nationale Verband NZRU bezahlt die Auswahlspieler, und nur wer im Land bleibt, darf für die All Blacks spielen. Auf diese Weise kann der Nationalcoach ständig die Besten um sich scharen, und der immens geförderte Regionenwettbewerb unter der internationalen Superrugby-Liga liefert unverschöpflichen Nachschub. 

Von dieser Leistungsdichte der Neuseeländer können andere Nationen nur träumen. Dies wurde in sämtlichen Partien der „Rugby Championship deutlich. Wenn den anderen Teams nach der Pause die Puste ausging und die Bankspieler eingewechselt wurden, ließen die Gegner nach, während die All Blacks ohne Qualitätsverlust weiterwirbelten oder sogar noch einen Gang zulegten und ihre Kontrahenten überrannten. 

Angesichts dieses Personals und Potentials, gepaart mit einer geballten Ladung an Erfahrung, kann Hansen laufend aufregende neue Akteure integrieren, die im Kreis der Großen auftrumpfen, als gehörten sie schon ewig dazu, so wie ein 21-jähriger Junge namens Anton Lienert-Brown, der im Mittelfeld (Nummer 12) von null auf hundert durchstartete, und Matt Todd (28), der die interne Sperre von Aaron Smith nach dessen Toiletten-Sexaffäre zum Durchbruch nutzte und gegen Australien als Mann des Tages gefeiert wurde. Zwölf der 36 Spieler, die Hansen mit auf die „Northern Tour“ nimmt, haben weniger als zehn Länderspiele auf dem Buckel. 

Carters Nachfolger hat noch eine eklatante Schwäche

So sehr die neuen All Blacks auch gepriesen werden, sie können eigentlich bloß noch besser werden. Beispiel Beauden Barrett: Dan Carters Nachfolger im Trikot mit der Nummer zehn, ein Mann mit Raketentempo, der als Schüler die 400 Meter in 52 Sekunden rannte, offenbarte zuletzt bei den Straf- und Erhöhungskicks eklatante Schwächen und wurde gegen Australien sogar frühzeitig ausgewechselt. Konkurrenz gibt es reichlich. Auf dem rechten Flügel (Nummer 7) rangeln drei Akteure um den einstigen Stammplatz von Richie McCaw. 

Dass die All Blacks dennoch Schwächen haben, die Englands neuer Trainer Eddie Jones als unglaubliche Entdeckung verkündete, bestreitet niemand. „Wir arbeiten daran“, sagt Hansen. „Ich arbeite daran“, sagt Barrett. Ein All Black zu sein, bedeutet, den ausgeprägten Nationalstolz der rugby-verrückten Neuseeländer zu befriedigen. „Es tut weh, zu verlieren und das Land, die Fans und die Familie zu enttäuschen“, sagt der Coach. „Deshalb geht es primär gar nicht ums Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, an seine Grenzen zu gehen und alles zu geben. Der Erfolg ist quasi ein Nebenprodukt.“ Also irgendwie ganz einfach.

Termine der „Northern Tour“ der All Blacks: 

5. November gegen Irland in Chicago, 12. November gegen Italien in Rom, 19. November gegen Irland in Dublin, 26. November gegen Frankreich in Paris.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Update 06.11.2016

Ende zweier Serien

Nach der Weltrekordserie von 18 Siegen in Folge sind die All Blacks gleich im nächsten Spiel spektakulär gestolpert. Vor 64.000 Zuschauern im Soldier-Field-Stadion in Chicago verlor der dreifache Weltmeister gegen Irland verdient mit 29:40 (8:25). 

Damit beendeten die mutigen, kreativen und cleveren Iren nicht nur den sagenhaften Lauf der Neuseeländer, sondern auch ihre eigene schwarze Serie gegen die All Blacks: Sie feierten im 29. Aufeinandertreffen seit 1905 ihren ersten Sieg gegen den großen Gegner. 

Mit dieser 111 Jahre währenden Wartezeit übertrafen sie sogar noch die Chicago Cubs, die in der vergangenen Woche mit dem Gewinn der Baseball World Series eine „nur“ 108 Jahre währenden Pleitenserie beendet und in die Stadt in einen Freudenrausch versetzt hatten. Die All Blacks hatten sich während der Siegerparade der Cubs unter die siegestrunkenen Menschenmassen gemischt, aber nach dem Rugby-Duell hatten lediglich die Iren Grund zum Feiern. 

Wie schon das ganze Jahr über kamen die All Blacks, geschwächt durch das Fehlen von gleich drei Stammspielern der Vorderreihe (Locks) und das frühe verletzungsbedingte Ausscheiden von Mittelfeld-Topmann Ryan Crotty, vor der Pause nicht in Schwung. 

Sie leisteten sich überdurchschnittlich viele Fehler, spielten undiszipliniert, bescherten dem forsch aufspielenden Gegner dadurch unzählige Strafkicks und zehn Minuten in Überzahl. 

Nach dem Seitenwechsel und einem 8:30-Rückstand (47.) starteten sie ihren traditionellen Sturmlauf, kamen aber lediglich bis auf 29:33 heran, ehe Irland eine Unachtsamkeit der Neuseeländer vier Minuten vor dem Abpfiff (76.) zu seinem fünften Try nutzte und den historischen Sieg gegen die All Blacks sicherte.

Schon vor drei Jahren hatten es die Iren in der Hand gehabt, die All Blacks in die Knie zu zwingen. Damals führten sie in Dublin 19:0, um am Ende doch noch 22:24 zu verlieren. Die Siegpremiere in Chicago verleiht dem nächsten Duell der beiden Kontrahenten in zwei Wochen in Dublin besondere Brisanz.



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