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28.09. Unbestrafte Gewalt

Parallelgesetze führen zu ungleichem Recht für alle
Vor ein paar Wochen war es der Sohn eines Weinbau-Multimillionärs, jetzt ein aufstrebender Rugbyspieler. Gewalttäter, die brutal zuschlagen und dafür gar nicht oder nur minimal bestraft werden. Richter, die mit ihren milden Urteilen das Volk auf die Barrikaden treiben. Der Vorwurf: In Neuseeland gibt es ein Gesetz für die Normalbürger und ein Parallelgesetz für die Reichen, Prominenten und Profisportler, das die Opfer ein zweites Mal viktimisiert. Die gefühlte Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit. 

Seit in dieser Woche herausgekommen ist, dass ein Richter am Bezirksgericht in der Hauptstadt Wellington bereits im August den 18-jährigen Rugbyspieler Losi Filipo hat laufen lassen, obwohl der Muskelmann vor einem Jahr grundlos vier Personen attackierte und einen Mann krankenhausreif schlug, haben die Menschen im Land der Kiwis wieder einmal die Nase voll von den Wirrungen der Rechtsprechung. 

Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ein Richter einen Rugbyspieler freigesprochen hat, um dessen Karriere nicht zu gefährden. Die Tageszeitung New Zealand Herald hat mühelos 15 Fälle aus den vergangenen zwölf Jahren aufgelistet, in denen die Täter mit Rücksicht auf ihre Arbeit am eiförmigen Ball strafrechtlich nicht belangt wurden. Darunter befanden sich die Nationalspieler George Moala (vorsätzliche Körperverletzung) und Sitiveni Sivivatu (Körperverletzung/Ehefrau). Eine Vorstrafe könnte Reisen ins Ausland verhindern. 

Prominente bleiben anonym - Kleinkriminelle am Pranger

Einem Rugby-Star wurde 2004 gar die höchste gerichtliche Ehre zuteil: Sein Name darf im Zusammenhang mit dem gewalttätigen Übergriff auf seine Frau nicht genannt werden. Auch die Verfehlungen von Schauspielern, Sängern und Politikern bleiben dank dieses von Richtern erteilten Privilegs oft anonym, während die Medien selbst die Namen von eigentlich namenlosen Kleinstkriminellen veröffentlichen. 

Im Fall des 19-jährigen Weinerben Nikolas Delegat, der in angetrunkenem Zustand auf dem Campus der Universität von Dunedin zunächst auf einen Wachmann eingeprügelt und danach eine Polizeibeamtin mit vier Hieben bewusstlos geschlagen hatte, führte dessen Anwalt in seinem Antrag auf Freispruch die Zukunftspläne seines Klienten an, in der Finanzmarktaufsicht zu arbeiten und an Segelregatten in den USA teilzunehmen. 

Der Plan ging nicht ganz auf, Delegat wurde zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit und 3250 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Die Polizistin lag 15 Tage im Krankenhaus, war zwei Monate arbeitsunfähig und leidet auch 18 Monate nach der Attacke unter Kopfschmerzen.

Rechtsexperten begrüßen richterliche Milde  

Für Greg O’Connor, den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, wäre eine Gefängnisstrafe „nach solch einem schweren tätlichen Angriff die einzige angemessene Strafe“ gewesen. Zahlreiche Rechtsexperten begrüßten hingegen die richterliche Milde, da der Student vor der Tat nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, seine Antidepressiva nicht eingenommen hatte und seither keinen Alkohol mehr trinkt. 

Aber die Volksseele kochte, weil der Eindruck entstanden war, Delegats immens reicher Vater Jim habe die Freiheit seines Sohnes mithilfe eines Starverteidigers aus Auckland erkauft und der Richter am Bezirksgericht in Dunedin habe sich von der Herkunft des Delinquenten blenden lassen.

Kaum war über diesen Fall Gras gewachsen, machte der Fernsehsender Newshub den Freispruch des Rugbyspielers Losi Filipo zum Aufmacher seiner Abendnachrichten, untermalt mit Fotos der Verletzungen der vier Opfer – zwei Männer und zwei Frauen. Blutige, aufgequollene Gesichter, Veilchen, durchgebissenes Kinn, gebrochener Finger. „Ich bin völlig fassungslos“, sagte Greg Morgan, der nach der Attacke acht Monate lang nicht arbeiten konnte und wie seine drei Freunde noch immer traumatisiert ist, „er hat nicht einmal einen Klaps auf die Hand bekommen.“ 

Das Opfer grundlos niedergeschlagen

Filipo hatte Morgan grundlos niedergeschlagen und auf ihn eingetreten, als er bewusstlos am Boden lag. Der Richter verlas bei der Urteilsverkündigung sämtliche Verletzungen, inklusive einer Gehirnerschütterung, stufte die Tat als schweren Fall von unprovozierter Straßengewalt ein, „die für die Bevölkerung höchst beunruhigend ist“, vorsätzliche Körperverletzung ohne Rücksicht auf Leib und Leben. Es sei ein Verbrechen, das üblicherweise mit mindestens einem bis eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft werde. 

Dennoch kam der Jurist zu dem Schluss, „dass die möglichen Folgen einer Verurteilung in keiner Relation zu der Schwere des Vergehens stehen“.

Nach diesem Spruch brach in Neuseeland die Hölle los. Die Rugby-Organisationen, die Filipo vor Gericht ein gutes Zeugnis ausgestellt hatten, sahen sich mit Boykottdrohungen und einer Petition konfrontiert, der Bürgermeister von Upper Hutt, der Filipos Jugendtrainer war und sich für ihn stark gemacht hatte, mit der Ankündigung, er werde nicht wiedergewählt. 

Angesichts des öffentlichen Aufruhrs löste der Regionalverband in Wellington den Vertrag mit dem hochtalentierten Filipo im berühmten gegenseitigen Einvernehmen auf. Die Generalstaatsanwältin hat die Akten des Falles angefordert. Premierminister John Key sagte: „Gewalt ist nirgendwo akzeptabel, egal, welchen Beruf jemand ausübt. Wer Gewalt ausübt, sollte an denselben Regeln gemessen werden wie alle anderen.“ Damit zählt, was jemand tut, nicht, wer jemand ist.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

 


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