07.11. Fußball-Traum

Von der "Keksdose" in die Hölle und zurück
WELLINGTON. Rory Fallon war ein halbes Jahr alt, als sein Vater die erste Sternstunde des neuseeländischen Fußballs mitprägte. Kevin Fallon war Co-Trainer, als sich die All Whites genannte Nationalmannschaft zum ersten Mal für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifizierte und sich 1982 in Spanien in ihren drei Gruppenspielen gegen Schottland (2:5), die UdSSR (0:3) und Brasilien (0:5) einigermaßen achtbar aus der Affäre zog. Der spätere Bundesliga-Superstar Wynton Rufer, Ozeaniens Fußballer des Jahrhunderts, war damals neunzehn und ein Frischling auf der internationalen Bühne.

Rory Fallon war siebenundzwanzig, als er den Ozeanien-Gruppensieger Neuseeland – nach dem 0:0 im Hinspiel - im November 2009 mit seinem Treffer zum 1:0 im Rückspiel gegen Bahrain, den Fünften der langwierigen Asien-Runde, zur WM 2010 nach Südafrika köpfte. Er war der 1,88 Meter große, böse Mann, der nach Meinung der schlachtrufenden Fans besser als sein Vater ist: „He’s big, he’s bad. He’s better than his dad.“ Die Gruppenspiele in Südafrika (1:1 gegen die Slowakei und Italien, 0:0 gegen Paraguay) überstanden die All Whites ungeschlagen, gegen Italien hätten sie sogar den Sieg verdient gehabt.

Jetzt ist Rory Fallon fünfunddreißig, ein alternder Stürmerstar, der - in der englischen Kleinstadt Dorchester - nur noch in der siebten Liga kickt. Ein Jahr lang war er bei den All Whites weg vom Fenster, fand erst Mitte Oktober wieder einen Verein. Und doch steht er – als eine Art „Survivor New Zealand“ - im Aufgebot der All Whites, die am Samstag (4.15 Uhr MEZ) in Wellington und am folgenden Donnerstag (4.15 Uhr MEZ) in Lima in den Entscheidungsspielen gegen den Südamerika-Fünften Peru wild entschlossen sind, das dritte Fußball-Wunder für die Inselnation im Südpazifik zu vollbringen. 

"Ganz in Weiß" auf Platz 122 der Fifa-Charts

Das „Ganz in Weiß“-Team, Nummer 122 der Fifa-Weltrangliste, gegen den Weltranglisten-Zehnten, der zwar schon bei vier Weltmeisterschaften dabei war, aber zuletzt 1982: ein Kampf zwischen David und Goliath, sollte man meinen. 

In der lächerlich leichten Ozeanien-Gruppe hatten es die Neuseeländer mit den Fußball-Zwergen Fidschi, Vanuatu, Neukaledonien, Papua-Neuguinea und den Solomon-Inseln zu tun, und ihren letzten Sieg gegen ein nicht in Ozeanien beheimatetes Team feierten sie vor zwei Jahren (1:0 gegen Oman); seither gab es sieben Niederlagen und ein Unentschieden.

 Im Gegensatz dazu musste sich Peru in der riesigen Conmebol-Gruppe, in der sich Brasilien, Uruguay, Argentinien und Kolumbien direkt für die Endrunde in Russland qualifizierten, mit Topteams der Welt herumschlagen und ließ immerhin Chile hauchdünn hinter sich. 

Dopingsperre für Perus Kapitän Paolo Guerrero

Aber aufgrund der vorläufigen Dopingsperre ihres Kapitäns Paolo Guerrero, der nach der Partie gegen Argentinien am 5. Oktober positiv auf ein vermutlich in einem Erkältungsmedikament enthaltenen Stimulanzium getestet wurde, sind die „Weiß-Roten“ aus dem Land der Inkas plötzlich gar nicht mehr der haushohe Favorit. 

„Er ist wohl unersetzlich“, sagt Neuseelands Trainer Anthony Hudson über den 33-jährigen Stürmerstar, der in seinen acht Jahren in der deutschen Bundesliga (FC Bayern, Hamburger SV) 47 Tore erzielte und jetzt bei Flamengo Rio in Brasilien unter Vertrag steht. „Ich sehe keinen, der bei den Peruanern solch eine physische Präsenz hat wie er, um ihr bevorzugtes Spiel zu spielen.“

Hudson, ein 36-jähriger Engländer, der nach der gescheiterten WM-Qualifikation für Brasilien 2014 gegen Mexiko (1:5 und 2:4) vor etwas mehr als drei Jahren die Nachfolge von Wynton Rufers Weggefährten Ricki Herbert antrat, hat auf der anderen Seite nicht wirklich vor, seinen „großen, bösen“ Stürmer Rory Fallon aufzubieten. 

Die Rolle des Torjägers, der mit 16 Jahren seine Siebensachen packte und nach England flüchtete, weil er die Rugby-Sucht in Neuseeland nicht mehr ertragen konnte, ist eine andere. Für den schweren Kampf seiner Underdogs braucht er jemanden, der die Moral der Truppe hebt, einen, der die Spannung lösen und erzählen kann, wie es ist, ein Fußball-Wunder zu vollbringen, die Herzen einer Nation zu erobern, die auf Rugby, Rugby und nochmal Rugby fixiert ist. 

"Eine herausragende Persönlichkeit"

Eine bemerkenswerte Maßnahme, denn aus dem Team von 2009/2010 sind noch einige Profis dabei, inklusive Kapitän Winston Reid und Stürmer Shane Smeltz. „Rory ist eine herausragende Persönlichkeit“, sagt Hudson, der als Spieler keine erwähnenswerte Karriere vorzuweisen hat. Umso mehr träumt er davon, „etwas ganz Besonderes für ein Land zu tun und etwas zu schaffen, was die Leute begeistert und mit Stolz und Glück erfüllt.“

Da die Legionäre aus Europa ihre Verletzungen auskuriert haben und fit am anderen Ende der Welt angekommen sind, kann Hudson erstmals seit langer Zeit aus dem Vollen schöpfen. „Aber der Schlüssel zum Erfolg ist, der Mannschaft und dem Umfeld zu vermitteln, dass wir nicht unter Druck stehen, dass wir nicht in Panik ausbrechen müssen“, sagt der Coach. „Wir sind ruhig, gelassen, und wir sind total auf die Dinge fokussiert, die wir tun müssen, um ein gutes Resultat einzufahren.“ 

Die Botschaft ist angekommen, die Spieler rezitieren die Worte in jedem Interview. Bis Samstag sollten die aus allen Himmelsrichtungen eingeflogenen Profis beider Teams - die Peruaner wurden am Dienstag von 50 singenden und tanzen Fans in Auckland begrüßt - den Jetlag überwunden haben. 

Fünf Tage später im Rückspiel sind die Voraussetzungen ähnlich. Im Gegensatz zum Westpac-Stadion - der Cake Tin ("Keksdose") - in Wellington ist das Nationalstadion in Lima jedoch eine Fußball-Hölle. Eine Hölle, der Anthony Hudson nach 90 oder 120 Minuten oder gar einem Elfmeter-Schießen auf Teufel komm raus mit himmlischen Gefühlen entkommen möchte. Dann wird vielleicht sogar sein Vertrag verlängert.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

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