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11.10. Plastiktüten-Flut

Countdown eröffnet den Countdown für die Umwelt
Ihren locker-lässigen Lebensstil beschreiben die Neuseeländer als „laid back“. Ein bisschen retro, bloß ohne Etikette, ein bisschen gute alte Zeit. Dazu gehören auch die freundlichen Plaudereien an der Supermarkt-Kasse, wo die Kassierer/innen nicht nur die Strichcodes der auf dem Fließband anrollenden Waren scannen und die unleserlichen Etiketten-Informationen in die Kassentastatur hämmern, sondern auch die Einkäufe in Tüten packen.

Wer Körbe und Jutetaschen mitbringt, war bis vor nicht allzu langer Zeit sofort als Ausländer entlarvt, denn außer einigen „Greenies“ – Umweltschützern und -liebhabern – ließ sich trotz permanenter Aufrufe kaum ein echter Neuseeländer dazu bewegen, der Umwelt zuliebe wiederverwendbare Tragetaschen zu benützen. Und das in einem Land, das Urlauber aus Übersee als Naturparadies wahrnehmen und von der Tourismus-Behörde als grün und sauber vermarktet wird.

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Ein bisschen besser ist es in der Zwischenzeit geworden, aber noch immer stapeln sich in den meisten Einkaufswägen zehn bis zwanzig mit Lebensmitteln gefüllte Knistertüten. Begründung: Die dünnen Plastikhüllen, die außer im Billig-Discounter Pak’n‘Save und in „The Warehouse“ gratis abgegeben werden, seien erstens biologisch abbaubar und zweitens als kostenlose Mülltüten zu recyclen, ungeachtet der Tatsache, dass die Hälfte der Dinger nach dem ersten Einsatz durchlöchert ist. 

Doch nun naht – wenn auch langsam - das Ende der durch die windige Inselnation fliegenden Beutel, die im Pazifischen Ozean landen, wo sie als Mikroplastikteilchen Meeresbewohner umbringen und von Meeresschildkröten am Stück gefressen werden, weil sie wie Quallen aussehen. 

Spät, aber immerhin: Wachsendes Umweltbewusstsein

Der Supermarkt-Riese Countdown, der zum Woolworths-Imperium gehört, schafft die Wegwerftüten in seinen 184 Filialen in Neuseeland bis Ende 2018 ab – und hat damit den zögernden Konkurrenten Foodstuffs (u.a. New World) gezwungen, es ihm gleichzutun, denn angesichts verseuchter Flüsse und Seen hat sich nun auch im Land der Kiwis ein Umweltbewusstsein gebildet. Der Countdown-Slogan: „Goodbye plastic bags, hello greener New Zealand.“

Countdown, das etwas weniger als die Hälfte des Marktanteils in dem aus Progressive Enterprises (Woolworths) und Foodstuffs bestehenden Supermarkt-Duopol hat, will mit seiner Aktion 350 Millionen Knistertüten pro Jahr aus dem Verkehr ziehen. 

Insgesamt belastet jährlich eine Milliarde dieser aus Polyethylen (auch: Polyäthylen) hergestellten Taschen die Umwelt Neuseelands. Das sind 217 Tüten pro Einwohner (4,6 Millionen) – und bei dieser Rechnung sind die wiederverwendbaren stabileren Plastiktüten aus dem Einzelhandel noch nicht mitgezählt. 

Zum Vergleich: Laut Handelsverband Deutschland (HDE) ist der Verbrauch von Tüten in Deutschland, wo die leichtgewichtigen Flatterbeutel kein großes Thema sind, im vergangenen Jahr im Schnitt von 68 auf 45 pro Kopf gesunken. 

Dieser Wert kommt bereits der EU-Richtlinie nahe, die vorsieht, den Einsatz von Plastiktüten bis Ende 2025 auf 40 Stück pro Kopf und Jahr zu reduzieren. Der zügige Rückgang gilt als Folge der Einführung einer Gebühr auf Plastiktüten in vielen Geschäften.

The Warehouse zeigt: Es funktioniert nur über die Entgelt-Schiene

Auch die Kaufhaus-Kette „The Warehouse“ hat längst bewiesen, dass es nur über die Entgelt-Schiene funktioniert. Seit die Kunden – nämlich seit 2009 - zehn NZ-Cent (6 Euro-Cent) pro Stück bezahlen müssen, ist der Verbrauch um 75 Prozent gesunken. 

Damals versuchten auch die marktbeherrschenden Supermarkt-Riesen, ihre Kunden mit sanfter Gewalt zum Umdenken zu bewegen. Manche verlangten gar nur fünf Cent (3 Euro-Cent) – und ernteten einen Proteststurm und Boykottdrohungen. 

Die Aufstände vor allem auf der Nordinsel waren so heftig, dass die Supermärkte die Gebühr rückgängig machen und die Südinsel bald folgte – als würden die unerziehbaren Kunden aufhören zu essen und zu trinken.

In den folgenden Jahren verschenkten die Lebensmittel-Riesen massenhaft Stoff- und Jutetüten, schrieben in Einzelaktionen doppelte Rabattpunkte gut, wenn die Leute eigene Einkaufstaschen mitbrachten. 

Kampf gegen Windmühlenflügel

Doch es war und ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel, solange die Plastiktüten nichts kosten. Als erste Maßnahme hat Countdown jetzt den Preis seiner wiederverwendbaren Stofftaschen auf einen Dollar (60 Euro-Cent) gesenkt. 

Die New-World-Kette führte währenddessen eine Kundenbefragung durch, in der die Leute lediglich gefragt wurden, wie viel sie für eine Plastiktüte bezahlen würden: zehn Cent, fünf Cent oder nichts. Für Letzteres sprachen sich immerhin noch 25 Prozent aus. Die Frage, ob die Einwegtaschen abgeschafft werden sollten und die 83 Prozent der Countdown-Kunden mit Ja beantwortet haben, fehlte. 

Die Umweltorganisation Greenpeace stellte deshalb die Multiple-Choice-Frage: Ist die Umfrage Manipulation, Heuchelei oder Schwindel? 

Diese Meinung teilten auch viele Konsumenten. Sie kontaktierten Foodstuffs/New World anstatt abzustimmen. Mit Erfolg. Der Konzern kündigte das Ende der Knistertüten für Ende 2018 an, im Gleichschritt mit Countdown.

Copyright: Sissi Stein-Abel

 

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