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12.02. PM der Schafe

Es war kein Angstschweiß auf Bill Englishs Stirn
INVERCARGILL. Während er auf Donald Trumps gefürchteten Anruf wartete, kam Bill English ganz schön ins Schwitzen. Am Samstag stand dem Premierminister Neuseelands kein Angstschweiß auf der Stirn, sondern er triefte nach echter körperlicher Anstrengung. Im Rahmen der Weltmeisterschaften der Schafscherer in Invercargill, im tiefen Süden der Inselnation gelegen, trat der 55-jährige Regierungschef zu einem Duell mit dem gleichaltrigen Ex-Weltmeister David Fagan an – und gewann. „Sagen wir mal so: Er hat nicht so schnell geschoren, wie er könnte“, sagte English nach seinem überraschenden Erfolg, während Fagan grinsend eine Revanche forderte. 

Der für seine Verdienste um die Schafschur vor einem Jahr zum Ritter geschlagene Farmer aus Te Kuiti hatte seine internationale Karriere nach zehn Weltrekorden, fünf Weltmeister- und 16 nationalen Titeln erst 2015 beendet und hielt sich unauffällig zurück. Neben seinen noch immer unglaublich runden und geschmeidigen Bewegungen wirkte Englishs Technik leicht eckig, aber keineswegs anfängerhaft. 

Auch das kommt nicht von ungefähr: Nach Studienabschlüssen in Wirtschaft und englischer Literatur arbeitete der neue Regierungschef einige Jahre auf der elterlichen Schaffarm in Dipton, in der Region Southland, ehe er 1987 in die Politik einstieg und 1990 ins Parlament in Wellington gewählt wurde. Während jener Jahre hat English so manches Schaf geschoren. „Zum letzten Mal vor zwei Jahren“, sagte er. „Wann vorher, daran kann ich mich nicht erinnern. Aber es ist ein bisschen wie Radfahren. Man vergisst nicht, wie es geht.“ 

Eigentlich bräuchte man drei Hände für den Job

Das ist auch vonnöten, denn es geht nicht nur darum, das Schaf von seinem Winterpelz zu befreien, sondern das Tier mit der elektrischen Handschermaschine auch nicht zu verletzen. Und nebenbei muss man den Vierbeiner auch noch mit Händen, Armen und Beinen so in die Zange nehmen, damit er nicht davonläuft. Eigentlich bräuchte man drei Hände, um den kräftezehrenden Job perfekt auszuführen.

Weltrekorde sind nach Schafrassen und -größe unterteilt, da manche Wollarten, je nachdem, wie dünn, dick, lang oder kurz die Fasern sind, einfacher als andere zu scheren sind. Die bevorzugte Rasse beim Wettkampfscheren sind die vielseitigen und robusten Romney. Den Einzel-Weltrekord hält der Neuseeländer Stacey Te Huia, der 2010 in acht Stunden 603 Mutterschafe schor; das entspricht einem Schnitt von 47,4 Sekunden pro Tier. Ivan Scott rasierte im selben Zeitraum sogar 744 Lämmer (Schnitt: 38,7 Sekunden). 

Schafscheren ist ein angesehener Beruf; die Experten werden pro geschorenes Schaf bezahlt. „Ich habe diese Topscherer immer bewundert“, sagte Bill English. „Als junger Mann habe ich immer versucht, dasselbe Tempo vorzulegen, habe es aber nicht geschafft.“ Zu der Rückkehr zu seinen Wurzeln als Farmer ließ er sich gerne überreden, „um anzuerkennen, wie wichtig die Wollindustrie für unsere Exportwirtschaft ist“. Die Zahl der Schafe im Land der Kiwis ist allerdings vom Höhepunkt von rund 70 Millionen in den achtziger Jahren auf nur noch 27,7 Millionen gesunken.

Handwerklich fähiger als sein Vorgänger John Key

In seinem alten Metier präsentierte sich English weitaus geschickter als sein Vorgänger John Key beim Versuch, seine handwerklichen Fähigkeiten zu demonstrieren. Der steinreiche ehemalige Devisenhändler versuchte während einer Wahlkampagne vor zwei Jahren in Northland, ein Wahlplakat an ein Holzgestänge zu nageln. 

Nachdem er den ersten langen Nagel mehrmals verfehlt hatte, traf er ihn so ungenau auf den Kopf, dass er ihn völlig verbog. „Das ist nicht meine starke Seite“, sagte Key, „meine Frau ruft einen Handwerker, wenn es etwas zu richten gibt.“ 

Und das im Land der selbsternannten Heimwerker-Könige! Insofern gesehen ist Bill English mit seiner Schafschur aus dem riesigen Schatten seines Vorgängers getreten – weil er im Gegensatz zum Multimillionär Key tatsächlich ein Mann des Volkes ist und sich bei einfachen handwerklichen Aufgaben nicht anstellt wie eine Diva aus Hollywood.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



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