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12.11. Fußball-Hinspiel

Chris Wood: ein Mann, viele Gefühle
WELLINGTON. Ein Mann, viele Gefühle. Enttäuschung, Hoffnung, Verwunderung, Begeisterung, Zuversicht. Es war und ist nicht nur Chris Wood, der die Träume der Neuseeländer auf die dritte Endrunden-Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft nährt. 

Aber der Kurzauftritt des wuchtigen Stürmers beim 0:0 gegen Peru im Hinspiel der interkontinentalen Qualifikation zwischen dem Ozeanien-Sieger und dem Fünften der Südamerika-Runde ist dazu angetan, im Lager und bei den Fans des Underdogs den Glauben an sich selbst und auf ein Happy-End zu stärken. Ein Tor im Rückspiel am Donnerstag (3.15 Uhr MEZ) im Nationalstadion von Lima, und die Peruaner müssen schon zwei Mal treffen, um 2018 in Russland - und erstmals seit 1982 - beim globalen Fußball-Gipfel vertreten zu sein.

Chris Wood, zum Ersten. Da sank den Anhängern der Neuseeländer im mit 37.034 Zuschauern ausverkauften Westpac-Stadion in Wellington das Herz in die Hose, denn kurz vor dem Anpfiff erfuhren sie, dass ihre All Whites genannte Nationalmannschaft ohne ihren Stürmerstar antreten musste. 

Beim langen Flug von seiner Arbeitsstätte in England hatte sich die Kniesehnen-Verletzung des 25 Jahre alten Torjägers vom Premier-League-Klub Burnley wieder verschlimmert. Offenbar aber nicht so sehr, dass er nicht wenigstens auf der Bank sitzen konnte, die Gefühlsskala schwankte zwischen Hoffen und Bangen. Es folgte das große Staunen, als der 1,91-Meter-Riese nach 71 Minuten plötzlich einsatzbereit an der Seitenlinie auftauchte.

Nicht von ungefähr als Neuseelands bester Fußballspieler gefeiert

Kaum auf dem Rasen, demonstrierte Wood, warum er als Neuseelands bester Fußballer gilt, denn er wirbelte die Hinterreihe der Männer aus dem Land der Inkas mächtig durcheinander. Begeisterung brach aus. „Als ihre Ersatzleute eingewechselt wurden, vor allem Chris Wood, wurde es sehr schwer für uns“, gab Perus Trainer Ricardo Gareca unumwunden zu. „Wir wissen, dass diese Mannschaft viel besser spielen kann.“ Vor allem aber, dass sie mit Wood weitaus torgefährlicher ist. 

Ein Angriff, ausgehend von Wood, hätte sogar fast noch zum Siegtreffer der All Whites geführt, doch der Halbvolley-Kracher des überragenden Mittelfeld-Antreibers Ryan Thomas in der 86. Minute rasierte nur den Außenpfosten.

Vor der furiosen Schlussviertelstunde hatten die Südamerikaner ein deutliches Übergewicht, ohne jedoch großartige Chancen herauszuspielen. Die beiden besten Möglichkeiten machte Neuseelands Torhüter Stefan Marinovic zunichte. 

Als Kapitän Winston Reid und Tommy Smith in der siebten Minute den Ball vor dem eigenen Gehäuse vertändelten – Kommunikation nach dem Motto: Nimm ihn du, ich hab‘ ihn sicher - und Jefferson Farfán dazwischenpreschte, raste Marinovic zurück und konnte das Leder gerade noch vor der Linie wegklatschen, und später lenkte er einen knackigen Schuss mit einer Glanzparade über die Latte. „Wir wussten, dass er das Publikum aufputschen würde, wenn er von der Bank kommt“, sagte All-Whites-Trainer Anthony Hudson, „und dass dies den Druck auf Peru erhöhen würde.“ Wood selbst meinte: „Das war alles Teil des Plans.“

Guerreros Wucht und Präsenz schmerzlich vermisst

Auf der anderen Seite fehlten die Wucht und Präsenz des ähnlich gebauten und veranlagten Kapitäns Paolo Guerrero, der nach einer positiven Dopingprobe auch fürs Rückspiel am Donnerstag gesperrt ist, während Hudson auf Woods Einsatz von Anfang an setzt, auch wenn der lange Flug gestern nach Südamerika Gift für die Kniesehne des Torjägers war.

Angst vor der Atmosphäre im Hexenkessel von Lima hat keiner. „Wir waren in den vergangenen drei Jahren Globetrotter, haben uns in verrückten Umgebungen, unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Zeitzonen bewegt“, sagt Hudson. „Wir sind an diese Art widriger Umstände gewöhnt. Das beunruhigt uns kein bisschen. Auch die lange Anreise nicht. Das einzige, was wir jetzt sicherstellen müssen, ist, dass jeder voll erholt ist und mit der richtigen Einstellung ins Spiel geht: nämlich, dass wir überhaupt noch nichts erreicht haben.“ 

Aber zumindest eine positive Nebenwirkung hat das torlose Unentschieden. „Wir haben Selbstvertrauen gewonnen“, sagt der 22-jährige Ryan Thomas, der bei PEC Zwolle in den Niederlanden sein Geld verdient. „Wir sind jetzt eine selbstbewusste Mannschaft.“ 

Insofern gesehen war das 0:0 vom Samstag mehr als nur eine Standortbestimmung für die All Whites, die mangels aussagekräftiger Gegner, isoliert vom Rest der Welt, oft nicht wirklich wissen, wo sie sportlich stehen.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



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