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15.02. Buschfeuer

Am Nachmittag wird die Sonne zum Feuerball
CHRISTCHURCH. Am Nachmittag färbt sich der Himmel orange und die Sonne wird zum Feuerball. Am Abend wandern dunkelgraue, kuschelige Wölkchen über den zinnoberroten Horizont, ein Sonnenuntergang zum Träumen. Bilder wie gemalt. Aber es ist die perverse Schönheit der Katastrophe. Feuersbrünste, deren Qualm den wolkenlosen Himmel wie mit einem Nebelschleier überzieht – und dann, wenn der Wind sich dreht, plötzlich mit einer dreckig-orangefarbenen Rauchschicht, die aussieht wie eine Wolkenwand vor einem Gewitterregen.

In der Hitze Australiens, wo angesichts der Rekordtemperaturen von fast 50 Grad Celsius am Wochenende allein im Bundesstaat New South Wales rund hundert Buschfeuer gewütet und die kleine Gemeinde Uarbry, 250 Kilometer nordwestlich von Sydney, völlig zerstört haben, sind die Flammenmeere die fast unvermeidbare Schattenseite des Sommers. 

Jenseits der Tasmansee, in Neuseeland, sind die Menschen zwar an vereinzelte Wald- und Grasbrände gewöhnt, so wie kürzlich, als vermutlich unachtsame Touristen im Arthurs-Pass-Nationalpark ein Feuer entfachten und ein Quadratkilometer Gestrüpp in Flammen aufging. Gebäudebrände sind aufgrund der Leichtbauweise mit Holz und einer außergewöhnlich hohen Zahl an Feuerteufeln weit verbreitet. Aber Buschfeuer, die, wie jetzt in Christchurch und rund um Hastings tagelang wüten und nicht unter Kontrolle zu bringen sind, haben eher Seltenheitswert.

Ausnahmezustand in Hastings und Christchurch

In Hastings, in der trockenen Region Hawkes Bay an der Ostküste der Nordinsel gelegen, herrscht seit Montag der Ausnahmezustand. Die drei Buschfeuer sind die schlimmsten seit zwanzig Jahren, aber größtenteils unter Kontrolle. 

Davon können die Einsatzdienste und Menschen in Christchurch nur träumen. Seit Montagnachmittag kämpfen die Löschzüge der gesamten Region und eine Armada von Hubschraubern mit Wasser-Eimern gegen zwei mittlerweile vereinigte riesige Brände in den Port Hills an, die die größte Stadt der Südinsel und die fjordartige Hafenbucht von Lyttelton trennen. 

Am Dienstag ist gar einer der 15 Helikopter abgestürzt, die gegen die Flammen zwischen einem Schutzgebiet namens Kennedys Bush und dem Marleys Hill aus der Luft ankämpfen. Der Pilot, Steve Askin, der Kriegseinsätze in Afghanistan überlebte, ist dabei gestorben. 

Acht Häuser auf der tief eingeschnittenen Hügelkette, die einst von einem mittlerweile erloschenen Vulkan ausgespuckt wurde, einige Scheunen, Hütten und Garagen, ein Bus und viele Autos sind bislang nieder- und ausgebrannt. 1665 Hektar Hügelland sind verkohlt. 

Ein elektrischer Leitungsfehler wird als Ursache für den größeren der beiden Brände genannt. Graeme Causer, dessen Nutzwald lichterloh in Flammen steht, beschuldigt das Einsatzkommando, zu spät die angeforderten Hubschrauber eingesetzt und das Ausmaß der Katastrophe verschlimmert zu haben. Zivilschutzminister Gerry Brownlee beklagt die Zuständigkeiten bei der Koordination der Löscharbeiten zwischen der Stadt und dem Selwyn-Distrikt, in dem das Inferno begann.

Mehrere Häuser haben auf wundersame Weise überlebt

Einige Bewohner der ersten 24 evakuierten Gebäude auf der Stadtseite der knochentrockenen, ockerfarbenen Berge stehen staunend da und können es nicht fassen, dass ihre Häuser noch stehen und nahezu unversehrt sind. Das Land rundherum ist niedergebrannt, Bäume, Büsche und Gras, der Boden ist schwarz. „So viel Glück“, sagt eine Besitzerin, „eigentlich müsste ich einen Lottoschein kaufen.“ 

Grundstücke wie ihres heißen hierzulande „Lifestyle Blocks“, große Flächen, auf denen stadtmüde Menschen stadtnah den ländlichen Lebensstil mit Haus- und Nutztieren genießen - ohne lärmende Nachbarn, aber den Gefahren der Natur ausgesetzt. 

Andere Leute müssen aus sicherer Distanz mitansehen, wie ihre Häuser in Flammen aufgehen, oder kehren hoffnungsfroh zu ihren Grundstücken zurück, bloß um zu sehen, dass sie alles verloren haben. Eine Familie erlebt das Trauma zum zweiten Mal, denn sie stand nach dem verheerenden Erdbeben vor sechs Jahren schon einmal vor dem Nichts.

Nicht weit davon entfernt staunen die Betreiber eines erst kurz vor Weihnachten eingeweihten Mountainbike- und Abenteuerparks über ein Wunder. Links und rechts des Sessellifts steigen Rauchwolken in den Himmel. Ein Kleinflugzeug lässt zwei Tage lang rund um die Bergstation Feuerschutzmittel regnen. Aber dann dreht sich der Wind. Am Mittwochnachmittag zeigen Videos, dass es im Park brennt, aber am Donnerstagmorgen sagt die Managerin, dass die Talstation intakt ist und auch die Seilbahn noch funktioniert.

Der Nordwest-Wind schiebt das Feuer auf die Hafenseite

Je nachdem, woher die Brise weht, ändert sich die Bedrohung. Am Dienstagnachmittag schiebt der heiße Nordwest-Wind den größeren der beiden Brände über die Summit Road, die auf dem Kraterrand verlaufende Höhenstraße, auf die Hafenseite. Das Feuer frisst sich den Berg hinunter in Richtung des Ortes Governors Bay. Mitten in der Nacht zwischen zwei und drei Uhr werden mehr als hundert Einwohner evakuiert. 

Nun bläst der Wind aus Süden und lässt Asche und angesengte Pflanzenreste auf den acht Kilometer entfernten Ort Lyttelton regnen. Der Gestank ist überwältigend – und bleibt, weil es plötzlich windstill ist, bis zum nächsten Mittag in der Luft hängen. Die Berge der Banks-Halbinsel auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen, aber langen Bucht sind nicht einmal zu erahnen. Eine Dunstglocke legt sich über Stadt und Land, wie der Smog, der Christchurch aufgrund seiner Inversionslage an manchen Tagen im Winter erstickt.

Dann plötzlich weht ein kalter, starker Ostwind und treibt das Feuer wieder die Hügel auf der Stadtseite hinunter. Es wird nun dramatisch. In dem auf eine Bergflanke geklebten Stadtteil Westmorland werden 300 Menschen evakuiert, insgesamt verlassen 1000 Menschen ihre Häuser, ein Verkehrschaos bricht aus. 

Der Himmel ist jetzt giftig grau-orange, wie 2010 nach dem Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, dann violett. Es passt wie die Faust aufs Auge, dass am Nachmittag in der halben Stadt der Strom ausfällt. Und dann ist es Mittwochabend, die Sonne geht unter, glutrot, das Feuer brennt weiter, ein aus dem All sichtbares orangefarbenes Band, und die Behörden rufen den Notstand aus. 

(Copyright: Sissi Stein-Abel)



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