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17.02. America's Cup

Ein Boot mit vier radelnden Männern in Wurstpellen
AUCKLAND. Es sieht aus wie ein Bahnradvierer auf hoher See und hat einen Hauch von Tretboot. Mit dieser interdisziplinären Kreation im 50-Fuß-Katamaran geht das Emirates Team New Zealand in den Kampf um den America’s Cup, der Ende Mai mit der Qualifikationsserie, dem Louis-Vuitton-Cup, in Bermuda beginnt. 

Als der Hochgeschwindigkeitssegler im Waitemata Harbour in Auckland seine Feuertaufe erlebte, hatte die Konkurrenz der Neuseeländer, die sich 2013 vor San Francisco in einem hochdramatischen Finale nach einer 8:1-Führung dem Team Oracle noch 8:9 geschlagen geben mussten, ihre Spione vor Ort, allen voran der Titelverteidiger aus den USA.

Es war ein Anblick, an den man sich erst einmal gewöhnen musste. Vier Männer in den wurstpellen-engen Rennanzügen der Bahnradsportler rasen an vier hintereinander montierte Velos, schwingen sich in die Sättel und strampeln, was das Zeug hält. In Windeseile nimmt der Zweirumpfer Geschwindigkeit auf, die Tragflügel, die sogenannten Foils, schrauben sich mühelos aus dem Wasser, der Rumpf schwebt in der Luft, das Boot fliegt dank minimalen Reibungswiderstands förmlich über die Wasseroberfläche. 

Das ist das A und O der Segelkunst mit den Katamaranen, deren Design beim 35. America’s Cup einheitlich sein muss; Gewicht (2332-2432 kg), Länge (50 statt 70 Fuß, wie in San Francisco, also 15,24 Meter), Breite und Segelfläche sind vorgeschrieben.

"Die wahre Innovation steckt in den hydraulischen Systemen"

Mehr Flexibilität ist bei der Entwicklung der Kontrollsysteme gestattet. Dan Bernasconi, einer der Design-Koordinatoren, sagte bei der Präsentation des AC50-Katamarans, die Idee, auf die Beinkraft der Pedaleure statt auf die Arm- und Oberkörpermuskulatur der Grinder an den Kurbeln zu setzen, sei nicht einmal das bedeutendste Merkmal des neuen Schiffs: „Die wahre Innovation steckt in den ausgeklügelten hydraulischen Systemen, die den Flug des Boots kontrollieren.“ 

 Obwohl die Katamarane der AC-Klasse mit ihren 15 Metern Länge bedeutend kürzer sind als die Vorgänger-Modelle und die Tragflügel kleiner, erwarten die Experten, dass ihre Geschwindigkeit 20 Prozent höher sein wird.

Aber die Radler, mit denen eine schwedische Crew schon einmal (1977) experimentiert hatte, sorgten natürlich für den meisten Gesprächsstoff. Einer von ihnen ist Simon van Velthooven, der 2012 bei der Bahnrad-Weltmeisterschaft Bronze in der 1000-Meter-Einzelverfolgung und Olympia-Bronze im Keirin-Sprint gewann. „Wir haben hart daran gearbeitet, im Training Sprintkraft und Ausdauerfähigkeit zu kombinieren“, erzählt der 28-jährige Spezialist. 

Der Gedanke hinter dem Wechsel von den handbetriebenen Kurbeln, mit denen die Winschen (Winden) auf dem Schiff angetrieben und zum Trimmen der riesigen Segel eingesetzt werden, liegt auf der Hand: Mit der größeren und stärkeren Beinmuskulatur kann man mehr Kraft entwickeln und übertragen als mit den Armen. 

Umzug in die Gewässer von Bermuda

„Es war eine große Herausforderung, so weit zu kommen“, sagt der neue Skipper Glenn Ashby, nachdem das Training vom Bootshaus aufs Wasser verlegt worden war. „Die erste Ausfahrt war für das ganze Team ein ganz besonderer Augenblick.“ Nach einer einmonatigen Testphase im Hauraki Gulf vor Auckland werden Boot und Crew vom Südpazifik in den Nordatlantik ziehen, um sich in den Gewässern von Bermuda auf die Qualifikationsrennen vorzubereiten.

Die Frage ist nun, ob der Umstieg aufs Rad einen entscheidenden Vorteil bringt. Offiziell geben die Rivalen der Neuseeländer vor, nicht sonderlich beeindruckt zu sein. „Man kann mit den Pedalen sicherlich mehr Power erzeugen, aber man muss dafür an anderer Stelle Kompromisse eingehen“, sagt Jimmy Spithill, der australische Skipper des Oracle-Syndikats, das den America’s Cup zwei Mal hintereinander gewann. „Ob es eine gute Entscheidung war, wird sich erst zeigen, wenn es in Bermuda ernst wird.“ 

 Auch Dean Barker, jener Pechvogel, der 2013 das Emirates Team New Zealand steuerte und nach seiner Ausbootung jetzt Skipper des Team Japan ist, zeigte sich skeptisch. „Auch wir haben uns mit der Pedal-Option beschäftigt, aber festgestellt, dass es sich nicht unbedingt auszahlt“, sagte der Neuseeländer bei Radio Sport. „Der Vorteil ist, dass die Leute die Hände für die Flugkontrollsysteme frei haben, die das Design-Team entwickelt hat. Aber angesichts der Dynamik auf den Booten verliert man bei jedem Seitenwechsel Zeit, um aus den Pedalen und auf der anderen Seite wieder in die Pedale zu kommen.“ 

In jedem der beiden Rümpfe sind vier Sitze montiert. Es befinden sich auch noch konventionelle Grinder-Positionen auf dem Boot. 

Chance zur technologischen Aufrüstung für die Konkurrenz

Die Fachwelt fragt sich jedoch, ob die Neuseeländer mit ihrer Innovation nicht zu früh an die Öffentlichkeit gegangen sind und damit der Konkurrenz Zeit geben, um technologisch nachzurüsten – so wie 2013, als sie mit ihren Foils die Katamaran-Welt revolutionierten. 

Nachdem Jimmy Spithill bei den ersten Lehrstunden bei Dean Barker abgeguckt hatte, wie man solch einen fliegenden Kahn steuert, rüstete Oracle dank der Millionen seines Gründers Larry Ellison nach – mit der Folge, dass Neuseelands handbetriebenes Boot mit dem hochtechnisierten Oracle-Katamaran nicht mehr mithalten konnte und seinen uneinholbar scheinenden Vorsprung noch verlor. 

Jetzt sagt Teamchef Grant Dalton: „Der Radantrieb ist nur Teil eines viel größeren Gesamtbildes, aber ich hoffe natürlich, dass diese Konstruktion die Konkurrenz zum Nachdenken anregt. Einer von uns liegt richtig, aber nicht unbedingt wir.“ Der Psychokrieg ist eröffnet.



INFO

Die Qualifikationsserie zum 35. America’s Cup findet vom 27. Mai bis 4. Juni in Bermuda statt. Die Teilnehmer neben dem Titelverteidiger Team Oracle (USA) sind die fünf Herausforderer Emirates Team New Zealand, Team Japan, Ben Ainslie Racing (Großbritannien), Team France und Artemis Racing (Schweden). Die besten vier Herausforderer qualifizieren sich für die Louis Vuitton Challenger Play-offs (5. bis 13. Juni). Der Sieger der Challenger-Serie tritt dann im Duell um die „Auld Mug“, die älteste Sporttrophäe der Welt, gegen Oracle an (18. bis 28. Juni). Zum Sieg sind sieben Punkte nötig.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)
  

Update September 2017:

Wie in der Zwischenzeit vermutlich jeder weiß, hat das Emirates Team New Zealand Ende Juni vor Bermuda den America's Cup gewonnen. Da dies während meines Urlaubs in Deutschland/Europa geschah, gibt es zu dem Triumph, der ganz Neuseeland in einen Freudentaumel versetzte, keine Reportage von mir.
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