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22.10. Premierministerin

Jacinda Ardern: Schöne Frauen sind nicht dumm
Sie dreht als Amateur-Diskjockey am Plattenteller und wirft weltvergessen die Arme in die Höhe, sammelt historische Nachttöpfe und trinkt Whisky, und so jeder, der sie seit ihrer Kindheit und Jugendzeit kennt, wusste schon immer, dass Jacinda Ardern eines Tages Neuseeland regieren würde. 

Die Eltern sowieso, und ihre Mitschüler am Morrinsville College bescheinigten ihr 1998, als sie achtzehn war, in einer Abstimmung, dass sie das Zeug zur Premierministerin hätte. 

Jetzt ist „Jacinderella“ – abgeleitet von dem zur Prinzessin aufgestiegenen Aschenputtel (Cinderella) – siebenunddreißig und das Märchen wird wahr. Am Donnerstag (26. Oktober)  legt sie ihren Amtseid ab, als dritte Frau nach Jenny Shipley (1997 – 1999) und Helen Clark (1999 - 2008) und zweitjüngste Person aller Zeiten in dieser Position. 

Edward Stafford war bei seinem Amtsantritt 1856 zweiundfünfzig Tage jünger als Ardern, die erst am 1. August, sieben Wochen vor den Parlamentswahlen, den Vorsitz in der Labour-Partei übernommen hatte, nachdem die Umfragewerte unter ihrem Vorgänger Andrew Little („Angry Andy“) auf 24 Prozent abgestürzt und alle Hoffnungen auf einen Regierungswechsel zerstoben waren.

Höchstes Regierungsamt nach Wiederauferstehung der Partei

Unter der charismatischen Kommunikationswissenschaftlerin, die nach Abschluss ihres Studiums für ihre spätere Mentorin Helen Clark arbeitete, 2008 zur Präsidentin der internationalen Dachorganisation der Jungsozialisten gewählt wurde und im selben Jahr über einen Listenplatz ins neuseeländische Parlament einzog, erlebte die Partei eine Wiederauferstehung (36,9 Prozent der Stimmen) und stellt nun in einer Koalition mit der national-populistischen Partei NZ First (7,2) und mit Unterstützung der Grünen (6,3) außerhalb des Kabinetts die Regierung für die nächsten drei Jahre. 

Die bisher regierende Nationalpartei unter dem bisherigen Premier Bill English muss trotz 44,4 Prozent Wählerzuspruch in die Opposition.

Der Pferdewechsel kurz vor Torschluss sorgte im Land der Kiwis für einen wetterumsturzgleichen Stimmungswandel, der mit Jacinda-mania und Jacinda-Effekt beschrieben wurde. 

Attraktives Aussehen ist Segen und Fluch zugleich

Der jungen Politikern flogen die Herzen jener zu, die in diesem Geschäft Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Herzlichkeit und einwandfreie Moral vermissen. Denn genau das strahlt sie aus. Ihr attraktives Äußeres – tolle Figur, lange kastanienbraune Haare, strahlender Teint, knallrot geschminkte Lippen - war im Wahlkampf Segen und Fluch zugleich, denn Gegner und Kritiker sprachen ihr deshalb automatisch die Eignung für das Amt und Führungsqualitäten ab. 

Der Multimillionär Gareth Morgan, Vorsitzender der neuen und unbedeutenden Opportunity Party, giftete sogar in Richtung Ardern, sie müsse beweisen, dass sie mehr als „Lippenstift auf einem Schwein“ sei. „Es ist frustrierend“, sagt sie zum Zwang zu beweisen, dass gutaussehende Frauen, selbst wenn sie nicht blond sind, nicht dumm sein müssen.

Mit manuskriptfreien Reden und beeindruckendem Detailwissen hat die 40. Premierministerin Neuseelands längst bewiesen, dass sie kein politisches Leichtgewicht ohne Substanz und nicht nur gut im Lächeln ist. 

Ein Dilemma bleibt jedoch. Irgendwann möchte Jacinda Ardern, die mit dem Radio- und Fernsehmoderatur Clarke Gayford zusammenlebt, Kinder haben, kann sich aber nicht wirklich vorstellen, diesen Wunsch mit dem höchsten Regierungsamt zu vereinbaren. „Der ideale Job wäre Ministerin für Kinder“, sagte sie – bevor ihre gewinnende Persönlichkeit sie an die Spitze der Nation spülte. 

Copyright: Sissi Stein-Abel

Das Wahlergebnis

Nationalpartei         44,4 % - 56 Sitze
Labour                    36,9 % - 46 Sitze
NZ First                    7,2 % -   9 Sitze
Grüne                       6,3 % -  8 Sitze
Opportunities Party   2,4 %
Maori Party               1,2 %
ACT                          0,5 % -  1 Sitz

Die Regierungsform ist eine Koalition von Labour-Partei und NZ First, die Grünen unterzeichneten einen Deal, der hier "confidence and supply" heißt und ihnen drei Ministerposten außerhalb des Kabinetts beschert.

Labour stellt 16 Minister, NZ First deren vier.
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