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11.05. Rinderkrankheit

"Es ist, als würde man ein Familienmitglied verlieren"
Der Schock steht den Farmern ins Gesicht geschrieben. Trauer, Depressionen, Verzweiflung. Es ist, als würden ihr Leben und Lebenswerk, ihre Arbeit und Leidenschaft, ihr Ein- und Auskommen ihren Händen entgleiten. „Es zerreißt einem das Herz“, sagt der Farmer Frank Peters in einem Fernsehinterview, „es ist, als würde man ein Familienmitglied verlieren.“ 

Nicht nur eins, sondern hunderte. 300 Farmen und Farmer in Neuseeland sind von der Rinderkrankheit Mycoplasma bovis betroffen, und da das für die Landwirtschaft zuständige Ministerium für Primärindustrien (MPI) beschlossen hat, die Seuche auszurotten, werden nicht nur infizierte Tiere geschlachtet, sondern jede Herde, in der ein infiziertes Rind identifiziert wird. 

11.000 Tiere sind bereits gekeult worden, weitere 11.000 stehen auf der Todesliste. Viele haben Namen, nicht nur eine Nummer am Ohr. „Einen Milchbetrieb zu führen, ist mehr als ein Job“, sagt Chris Lewis, der Vorsitzende des Milchwirtschaftszweigs innerhalb der Vereinigung der Farmer (Federated Farmers). „Man kümmert sich vom Tag ihrer Geburt an um die Kälber, zieht sie groß. Die Kühe weiden zusammen mit ihren Müttern, Großmüttern, die man in den vergangenen 20 oder 30 Jahren gezüchtet hat. Man ist den Tieren nahe.“

Sprunghafte Ausbreitung innerhalb einer Woche

Und diese Tiere müssen nun sterben. Und es könnten noch beträchtlich mehr werden, denn innerhalb nur einer Woche ist die Zahl der betroffenen Höfe schlagartig von 129 auf 299 hochgeschnellt. 

Mit solch einer sprunghaften Ausbreitung hatte keiner der Experten im Ministerium gerechnet. Weitere 1.700 Farmen stehen auf einer Beobachtungsliste, weil sie sich im Umkreis der am härtesten getroffenen Betriebe befinden. 

Die größten Risikofaktoren in der Nachbarschaft sind Milchlieferungen zur Fütterung von Kälbern, Tiertransporte und die Nutzung angrenzender Weiden – deshalb werden zusätzliche Zäune errichtet, um direkten Kontakt der Rinder zu verhindern.

Mycoplasma bovis ist ein hochinfektiöser bakterieller Erreger, der zu nicht therapierbaren Euter- und Gelenkentzündungen sowie Fruchtbarkeitsstörungen, Fehlgeburten und Lungenseuchen führt. 

Auf den Menschen werden diese Mikroorganismen – das sind Bakterien, die über keine Zellwände verfügen und ihre Form verändern können – nicht übertragen, und auch auf die Qualität von Fleisch und Milch hat die Infektion keinen Einfluss. 

Leidende Tiere, Produktionsverluste, finanzielle Einbußen

Aber zum einen ist das Wohlergehen der Tiere beeinträchtigt, und als Folge der Erkrankungen kommt es zu Produktionsverlusten und finanziellen Einbußen der einzelnen Betriebe und damit der Wirtschaft des Landes insgesamt. In Neuseeland gibt es mehr als zehn Millionen Rinder, darunter 6,5 Millionen Milchkühe.

Der Erreger wurde bereits 1898 in kranken Kühen isoliert und beschrieben und ist in der Landwirtschaft weit verbreitet, aber in der geographisch isolierten Inselnation im Südpazifik, die als größter Produzent der Welt 90 Prozent ihrer Milch exportiert, wurde der Erreger zum ersten Mal im vergangenen Juli entdeckt. 

Das Entsetzen darüber war so nachhaltig, dass die Wechselkurse der Landeswährung an den Börsen kurzfristig absackten. Vermutlich aber erreichte die Krankheit das Land schon 2015. Auf welchem Weg, wird nach Einschätzung des Veterinär-Professors Richard Laven von der Massey-Universität in Palmerston North vermutlich ein Geheimnis bleiben, „weil die Einführung solch ein seltenes und deshalb schwer zu identifizierendes Ereignis war“. Als wahrscheinlichste Ursache bezeichnet er in einem Radiointerview importiertes Bullensperma.

Verbreitung durch Kontakt der Tiere untereinander und nachlässige Farmer

Verbreitet wird die Seuche durch engen Kontakt der Tiere untereinander, und sie konnte sich laut Landwirtschaftsminister Damien O’Connor und Chris Lewis, dem Farmer-Repräsentanten, auch deshalb so schnell ausbreiten, weil die Bauern mit der Anwendung des Systems NAIT, mit dem Ortsveränderungen von Nutztieren registriert werden, geschlampt haben. 

Aber die Wege seit der Entdeckung sind klar: Die Infektionen können auf zwei Farmen der Van-Leeuwen-Gruppe (VLG) in der Region Süd-Canterbury (200 Kilometer südlich von Christchurch) zurückverfolgt werden. Dieses Konsortium betreibt auf der Südinsel Neuseelands 16 Milchviehbetriebe, in denen vor dem Mycoplasma-bovis-Schock 12.550 Kühe gemolken wurden. Fast zeitgleich wurde der Erreger auf einer Farm auf der Nordinsel identifiziert.

Die Regierung hat den Betrieben, die durch die Keulung ihre Tiere verlieren, Kompensation in Aussicht gestellt, erwartet aber, dass auch die Farmer ihren finanziellen Anteil tragen. Wer jedoch in die Gesichter der Farmer blickt, entdeckt mehr als nur Existenzangst. Hunderte von Kühen zum Schlachthaus zu schicken, übersteigt die Kraft so manchen Mannes. Einer sagt: „Man könnte sich am besten gleich den Strick nehmen.“

(Copyright: Sissi Stein-Abel)




Update 05.06.2018

Die Keulung von 22.000 Tieren ist in vollem Gange, und nach einer MPI-Erklärung in der vergangenen Woche sollen im Lauf der nächsten zwei Jahre weitere 126.000 Rinder auf 190 Farmen getötet werden. 

Die Ausrottung der Krankheit könnte die Industrie und den Staat fast eine Milliarde NZ-Dollar (600 Millionen Euro) kosten.


Alle Fotos: Sissi Stein-Abel (Copyright)



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