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14.03. Taxis über Canterbury

Senkrecht-Start in die Zukunft der Mobilität
Canterbury ist eine jener Regionen auf der Südinsel Neuseelands, die in weiten Teilen menschenleer ist. Sie erstreckt sich von den Küsten des Pazifischen Ozeans im Osten bis zu der mit Dreitausendern und Gletschern gespickten Kette der Südalpen im Westen. 

Da ist das von Feldern und Weiden schachbrettartig gemusterte topfebene Schwemmland der Canterbury Plains; da ist die durch vulkanische Eruptionen aus dem Meer geschossene Banks-Halbinsel mit ihren malerischen Hügeln, Kratern und fjordartigen Buchten; da ist die Mondlandschaft des High Country, die Hochebene mit ihren berühmten türkisfarbenen Seen am Fuße der Alpenriesen, die Kette der Vorberge, unansehnlich die milchwirtschaftlich genutzte Ebene, traumhaft schön das Hochland. 

Und irgendwo dort hat Cora, das Flugtaxi, von einen privaten Flugplatz aus heimlich zu unzähligen Luftreisen abgehoben. Senkrecht hoch und nieder wie ein Hubschrauber und wie ein Flugzeug von A nach B. Auf jeden Fall nicht nach C, denn C steht für Christchurch, die größte Stadt der Südinsel und Hauptstadt von Canterbury.

In drei bis sechs Jahren soll bereits ein limitierter Flugtaxiservice im Land der Kiwis möglich sein, sagte Fred Reid, der Chef von Zephyr Airworks – das ist der Name der Firma Kitty Hawk in Neuseeland – bei der Präsentation des bis dahin weithin unbekannten Flugobjekts in der Hauptstadt Wellington. 

Direktor von Kitty Hawk ist der Deutsche Sebastian Thrun

Der Direktor von Kitty Hawk - benannt nach einer Kleinstadt an der Küste des US-Bundesstaats North Carolina, wo die Brüder Wright 1903 ihre ersten motorisierten Flüge unternahmen – ist der deutsche Informatiker und Robotik-Spezialist Sebastian Thrun, der einst die geheime Forschungsabteilung Google X aufbaute und dort das Projekt des fahrerlosen Autos leitete. 

Das fliegende Auto war der logische nächste Schritt in der futuristischen Welt des in Solingen geborenen Vordenkers. Finanziert wird das Projekt von Google-Gründer Larry Page. Cora hat zwölf Elektromotoren und soll mit zwei Passagieren an Bord bis zu 100 Kilometer weit fliegen können. Die Höchstgeschwindigkeit soll bei rund 150 Stundenkilometern liegen. 

Sowohl der Kalifornier Reid, der während seiner mehr als 30 Jahre währenden Karriere in der Luftfahrt Direktor von Virgin America sowie Präsident von Lufthansa und Delta Airlines war, als auch der 50-jährige Thrun sind überzeugt, dass ihr Flugtaxi die Transportform der Zukunft ist. „Der Straßenverkehr ist unglaublich verstopft und es ist nicht möglich, die Kapazität der Straßen dramatisch zu erhöhen“, sagte Thrun, „aber der Luftraum ist unglaublich groß und leer.“ 

"Vor acht Jahren begann 'Cora' als ein Traum"

Auf seiner Website (https://cora.aero/) beschreibt Kitty Hawk die Mobilität der Zukunft so: „Cora begann als ein Traum, und nach acht Jahren, in denen wir einige der größten Herausforderungen der Luftfahrt bewältigt haben, ist der Traum einen Schritt näher. Ein Lufttaxi so persönlich und so simpel, dass es die täglichen Trips, die unser Leben bestimmen, in den Himmel hebt. Bei Cora geht es nicht nur um das Fliegen. Es geht um die Zeit, die man spart, wenn man über dem Straßenverkehr schwebt. Die Augenblicke, die einen bewegen.“

Diese Überzeugung teilt auch die Konkurrenz. Das Unternehmen Volocopter aus Bruchsal, nördlich von Karlsruhe, war bereits vor einem halben Jahr in Dubai mit einer Riesendrohne unterwegs. Das Credo: „Fliegen für jedermann, zu jedem Anlass, zu jeder Zeit. Demokratisierung der Luftfahrt.“ Airbus testete seinen Prototyp vor einigen Wochen. Die deutsche Firma Lilium hat ein Elektroflugzeug für fünf Personen entwickelt. Uber, das online Personenbeförderungsdienste vermittelt, hat vor, 2020 in Los Angeles, Dallas und Dubai in die dritte Dimension abzuheben und die Mobilität in Metropolen zu verändern.

Dass Kitty Hawk ausgerechnet in Neuseeland gelandet ist, liegt laut Kitty Hawk/Zephyr Airworks an dem relativ problemlosen Zertifizierungsprozess vom Design bis zur Kommerzialisierung, was offenbar nur in einer Handvoll Länder möglich ist, an den guten Urheberrechtsgesetzen und der Tatsache, dass die neuseeländische Regierung, mit der das Unternehmen eineinhalb Jahre verhandelte, offen für neue Ideen ist. 

Schlüssel zur Diversifizierung der Wirtschaft

Den involvierten Ministerien in Wellington konnte es gar nicht schnell genug gehen, denn das kleine Land mit seinen nur 4,8 Millionen Einwohnern ist ständig auf der Suche nach Nischen und Innovation, um sich als idealer Standort und Exporteur für moderne Technologie zu präsentieren. 

Es ist ein Weg, um seine Wirtschaftskraft zu erhöhen und die Abhängigkeit von Landwirtschaft und Tourismus zu verringern, oder, wie es Wissenschafts- und Innovationsministerin Megan Woods formulierte, „der Schlüssel zur Diversifizierung der Wirtschaft“. Reids Worte ließen die Augen der Politiker leuchten: „Neuseeland kann ein weltweites Kompetenzzentrum werden.“

Trotz allem sind noch einige Hürden zu nehmen, bevor Cora zu kommerziellen Flügen abheben kann. Einer der Knackpunkte ist die Regulierung der Industrie, und trotz (seit 2015) vorhandener Rahmenbedingungen zum Betrieb unbemannter Fahrzeuge muss noch geklärt werden, wie solche Flugtaxis den Luftraum mit anderen Flugzeugen teilen und wie die Vorschriften umgesetzt werden können, wenn das Transportmittel aus dem Blickfeld jener verschwindet, die es vom Boden aus überwachen. 

Angesichts der immensen Gewinne für die Wirtschaft wird der neuseeländische Staat jedoch jede Verrenkung machen, um dem Lufttaxi-Verkehr den Weg in die Zukunft zu ebnen. Die Kitty-Hawk-Website offeriert bereits Jobs für Flugzeugingenieure, Testflug-Ingenieure und -piloten. Aber das ist nur der Anfang.

(Copyright: Sissi Stein-Abel) 



INFO und FOTOS

Cora-Website: https://cora.aero/
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