16.11. Gefährliche Zwiebeln

Hals- und Beinbruch lauert auf der Wurst
CHRISTCHURCH. Wochenend und Sonnenschein oder auch nicht. Es passiert meistens vor Baumärkten. Eine Scheibe klebriges, ungetoastetes Pappkarton-Toastbrot, eine kurze, dicke Sägemehlwurst, ein Löffel voll geschmorter Zwiebelwürfel und zur Krönung ein dicker Klecks Ketchup oben drauf. Fertig ist der Snack, mit dessen Hilfe Schulklassen nach Fidschi, Sportmannschaften nach Paris und Nachwuchsmusiker nach Moskau reisen können. Denn mit diesen in Australien und Neuseeland höchst populären „Sausage Sizzles“ wird im Lauf vieler Wochen so viel Geld erwirtschaftet, dass man sich Träume erfüllen kann. 

Für umgerechnet einen Euro wird das Billigfutter an den Buden vor den Eingängen der Heimwerkerparadiese verkauft. Die Würstchen enthalten fast so viele Kohlehydrate und so wenig Fleisch wie das Brot. Wenn in Bratwürsten tatsächlich nur Fleisch, Kräuter und Gewürze enthalten sind, werden sie hierzulande ausdrücklich als „glutenfrei“ vermarktet.

Würstchen am anderen Ende der Welt müssen laut wenigstens 50 Prozent fettfreies Fleisch enthalten. Über die restlichen Zutaten kann nur gerätselt werden. Es gibt auch „nach Schwein schmeckende Würste“, die kein Schwein, sondern nur schweinische Geschmacksstoffe enthalten.

Sägemehlwürstchen für die gesunde Ernährung

Dass solche Würstchen gefährlich für eine gesunde Ernährung sein können, versteht sich von selbst. Aber darum geht es in diesem Text eigentlich gar nicht. Sehr wohl aber um die viel extremeren Gefahren der bei den „Sausage Sizzles“ verkauften Möchtegern-Würstchen in den weißen Wattebausch-Brotscheiben, die am Gaumen kleben bleiben und zum Erstickungstod führen können, wenn man nicht schnell genug nachspült. Es geht um „Health & Safety“, Gesundheit und Sicherheit. Darunter ist alles zu verstehen, was das Leben und die Arbeit sicherer macht. 

Das beginnt bei der Vorschrift, dass Maurer auch bei 45 Grad im Schatten nicht oben ohne mauern dürfen, Installateure Schuhe mit Stahlkappen tragen müssen, damit sie sich beim Entstopfen von Abflussrohren nicht die Zehen abmontieren, und dass überhaupt jeder, der sich bei der Arbeit bewegt, eine fluoreszierende gelbgrüne oder orangefarbene Weste tragen muss, damit er erstens gut sichtbar ist und von Kollegen nicht aus Versehen umgebracht wird und zweitens aufgrund seiner bloßen Existenz schon von weitem als wandelnder Gefahrenherd zu erkennen ist und sich jeder Unbeteiligte rechtzeitig in Sicherheit bringen kann. 

Sicherheitsempfehlung für Würstchenbrater

Um den Verzehr von Würstchen bei den „Sausage Sizzles“ sicherer zu machen, hat die in Australien und Neuseeland weit verbreitete Baumarktkette Bunnings nun eine Empfehlung an die Würstchenbrater vor ihren Filialen herausgegeben. Nicht etwa, weil man sich am Grill die Finger oder mit den glutenreichen Würsten die Zunge verbrennen kann, sondern weil die Zwiebeln zu Hals- und Beinbruch oder gar noch schlimmeren Verletzungen führen können. 

Wenn die glitschigen Zwiebeln nämlich von der Wurst rutschen, auf den Boden fallen und jemand darauf tritt, verwandelt sich der Boden in eine Eisfläche. Eine Bananenschale ist ein Dreck dagegen. Auf jeden Fall hat ein Genie der „Health & Safety“-Abteilung herausgefunden, dass sich dieses Rutschrisiko minimieren lässt, wenn man die Reihenfolge des Brotscheibenbelags ändert: nämlich wenn man nicht die Wurst als erstes auf die labbrige Brotscheibe legt und darauf die geschmorten Zwiebeln klatscht, sondern wenn man zunächst die Zwiebeln liebevoll auf dem Brot verteilt, die Wurst diagonal darauf legt, den Ketchup darüber matscht und schließlich die Brotscheibe zusammenklappt.

So viel Einigkeit hat es in den rivalisierenden Nachbarländern selten gegeben: Die Leute, inklusive der Nachrichtensprecher, lachten sich über die Meldung scheckig. Scott Morrison und Jacinda Ardern, die Premierminister Australiens und Neuseelands, zogen beim Ostasien-Gipfel in Singapur kichernd ein bilaterales Abkommen zur Abwendung von Gefahren durch herum(f)liegende Zwiebelwürfel in Erwägung. Umgehend erklärte ein Unternehmenssprecher von Bunnings, es habe sich um keinen Erlass gehandelt, sondern nur um eine Empfehlung. Die Erleichterung ist groß, die Menschheit gerettet.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


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