27.11. Rugby-Wachablösung

Grün ist das neue Schwarz
CHRISTCHURCH. Seit November 2009 ist die Rugby-Welt schwarz. Die All Blacks, Neuseelands legendäre Mannschaft, sind all diese Jahre die Nummer eins der Weltrangliste gewesen. Und sind es noch. Wobei dieses „noch“ nicht nach der seit ewigen Zeiten gepriesenen Überflieger-Qualität des dreifachen Weltmeister-Teams riecht, sondern nach imminenter Wachablösung. 

Das hat auch jetzt bei der jährlichen Preisverleihung des Weltverbandes World Rugby (WR) in Monte Carlo seinen Ausdruck gefunden. Grün ist das neue Schwarz: Mannschaft des Jahres, Spieler des Jahres, Trainer des Jahres, alles grün. Grüne Trikots, grüne Insel: Irland, Johnny Sexton, Joe Schmidt. Wobei – Ironie des Schicksals - Joe Schmidt, der Trainer, ein Neuseeländer ist, der die Iren seit 2013 coacht und mit ihnen die Demission der All Blacks eingeleitet hat. 

Denen blieb in Monte Carlo nur ein Trostpreis: Brodie Retallicks Versuch gegen Australien wurde zum „Try of the Year“ – dem Rugby-Äquivalent zum Tor des Jahres – erkoren. Mit solch einer mageren Ausbeute hatten sich Neuseelands Rugby-Stars seit 2007 nicht mehr begnügen müssen.

Preisverleihung ein Spiegelbild der Saison

Aber es ist ein Spiegelbild dieser mit der Europa-Tour der Südkugel-Teams abgeschlossenen internationalen Saison: Die All Blacks sind in die Sphäre der Sterblichen gepurzelt, auch wenn sie offiziell noch immer die Nummer eins der Welt sind. Noch, weil die Iren sie mit einem Triumph bei der europäischen Six-Nations-Meisterschaft (1. Februar bis 16. März 2019) vom Thron stoßen können. 

Die Spitze ist noch enger zusammengerückt, weil der Rest der Welt kapiert hat, wie die All Blacks zu stoppen sind, und weil die großen Gejagten nur ein äußerst durchwachsenes Jahr hingelegt haben. Die 9:16-Niederlage kürzlich in Dublin gegen Irland war symptomatisch für die verlorene Dominanz. Den Neuseeländern gelang dabei nicht einmal ein Try, und es war der erste Heimsieg der Iren gegen die All Blacks überhaupt und der zweite Triumph insgesamt (seit 1905) nach dem sensationellen 40:29 in Chicago vor zwei Jahren.

Aber diese schmerzhafte Pleite war ja nicht der erste Nasenstüber in diesem Jahr. Der Weltmeister verlor zu Hause in Wellington gegen Südafrika 34:36 und sicherte den 32:30-Sieg bei der Revanche in Pretoria erst in allerletzter Sekunde. Auch eine Woche vor dem Knockout in Irland zogen die All Blacks beim 16:15 gegen England in Twickenham den Kopf gerade noch einmal aus der Schlinge. 

Der 66:3-Kantersieg gegen Italien zum Abschluss der Tournee in Rom war keine Wiedergutmachung, denn dieser Gegner spielt in einer anderen Kategorie, so schön all die Tries auch waren.

"Neue Strategie nicht so einfach durchzusetzen"

Trainer Steve Hansen erklärte die durchwachsenen Vorstellungen mit der „neuen Strategie, die nicht so einfach umzusetzen“ sei. Kritiker haben hingegen Hansens Dickschädel als Wurzel allen Übels ausgemacht. Wobei die Stammplatz-Garantie für formschwankende verdiente Spieler ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Japan (20. September bis 2. November 2019) der neuralgische Punkt ist. 

Das bezieht sich in erster Linie auf die Spielmacher-Position, auf der Beauden Barrett, der Weltspieler der Jahre 2017 und 2018, keine Konstanz gefunden hat, während Richie Mo’unga nach seinen Einwechslungen mehr als nur einmal bewiesen hat, dass er unter gegnerischem Druck der bessere Mann ist. Der Tenor: Barrett wäre mit seinem Tempo in der Hinterreihe, als Nummer 15, besser aufgehoben. 

Doch auch gegen die Iren bot Hansen Barrett als Nummer 10 auf und Damian McKenzie als Nummer 15. Auch McKenzie, der Floh im Team, ist ein gelernter Spielmacher, aber körperlich robuste Gegner bomben ihn hinten aus. Doch immerhin hat der Trainer die Doppelspielmacher-Strategie auf den Positionen 10 und 15 als neuen Weg angenommen.

Kritik am Kapitän nicht erwünscht

Noch mehr als die Diskussion über Beauden Barrett ärgert Hansen die Kritik an seinem Kapitän Kieran Read, dem gegen Irland eine Unzahl Fehler unterliefen, von denen einer direkt zum entscheidenden Try des Gegners führte. Es ist offenbar, dass der 33-jährige Read nach einer Rückenoperation vor einem Jahr und den anschließenden acht Monaten Pause nicht mehr der alte ist – aber, und dies ist das nächste Problem, er ist immer noch die beste Nummer acht in Neuseeland. Die Kritiker hätten keine Ahnung, sagte Hansen – und wie zum Trotz führte Read vor dem Anpfiff gegen Italien zum ersten Mal überhaupt den Haka, den traditionellen Kriegstanz der Maori, an. 

Andere Schwächen sind eher Kopf- als Personalsache: zu viel unsinnige Kickerei vor allem beim Konter, die den Gegner umgehend in Ballbesitz bringt, und schwacher Angriff (nur ein Try gegen England, keiner gegen Irland) gegen defensive und destruktive Kontrahenten. Letzteres aber ist die Taktik, die jedes Topteam auch bei der Weltmeisterschaft gegen die spielfreudigen All Blacks wählen wird. 

Schmidt schließt Hansen-Nachfolge bei den All Blacks aus

Wie es für Hansen persönlich nach der Weltmeisterschaft, erfolgreich oder geschlagen, weitergehen wird, hat er noch offengelassen. [Update: Er hört nach der WM auf.] Im Gegensatz zum Kollegen Joe Schmidt, der in Neuseeland seit vielen Wochen als Wunschtrainer der All Blacks und Nachfolger Hansens gehandelt wird. Irlands Trainer hat, wie erwartet, bekanntgegeben, dass er nach dem Titelkampf in Japan seinen Posten räumen wird. Nachfolger wird sein Assistent Andy Farrell. 

Doch gleichzeitig sagte der 53-jährige, diese Entscheidung sei das Ende seiner Karriere als Coach. „Nach der WM werde ich Verpflichtungen gegenüber meiner Familie oberste Priorität einräumen“, sagte er. Dann könnte er die All Blacks ja trotzdem übernehmen, meint so mancher, schließlich hat Schmidt vor, mit seiner Familie in die Heimat zurückzukehren – aus Sicht seiner Landsleute am liebsten als geschlagener Mann. 

Steve Hansen hat den Stolperer in Dublin schon clever zur psychologischen Kriegsführung genutzt. „Das Spiel hat gezeigt, dass Irland die neue Nummer eins ist“, sagte er, wohl wissend, dass es einfacher ist, die Spitze zu erobern, als mit dem Druck zu leben, den Thron zu verteidigen.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


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