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29.06. Verseuchte Strände

Sprung in die Fluten mit hohem Gesundheitsrisiko
AUCKLAND. Winter am anderen Ende der Welt. Das heißt im Süden: Ski und Rodel gut, im milden Westen weniger Niederschläge als im Sommer, und im wärmeren Norden regnet es mehr als anderswo. Badewetter herrscht um diese Jahreszeit in Neuseeland nirgendwo.

Aber ausgerechnet jetzt, da die Temperaturen in Richtung Tiefpunkt sinken, ist die Diskussion um die verschmutzten Strände von Auckland, der größten Stadt der Nation, umso heißer entbrannt. 

Der Grund: Durch die höheren Niederschläge ist die Wasserqualität an den Meeresufern der an einem Isthmus liegenden Metropole so schlecht wie nie. An 54 der 84 im „Safe Swim Programme“ erfassten Strände wäre es derzeit unmöglich, sich ohne Gesundheitsrisiko in die Fluten zu stürzen. 

Bürgermeister Phil Goff war angesichts der Testergebnisse derart entsetzt, dass er Säuberungsmaßnahmen zur obersten Priorität der Stadt erklärte. „Das ist nicht gut genug für ein Land, das sich rühmt, 100 Prozent rein zu sein“, wetterte der ehemalige Vorsitzende der Labour-Partei, „die Stadtverwaltung hat dieses Problem jahrzehntelang vor sich hergeschoben. So kann es nicht weitergehen.“

1,2 Milliarden Euro für bessere Wasserqualität

Goff kündigte an, dass Auckland über die nächsten zehn Jahre mindestens 1,2 Milliarden Euro investiert wird, um einen akzeptablen Reinheitsgrad zu erreichen. Das Unternehmen Watercare, zuständig für Wasser und Abwasser in der Region, wird gleichzeitig 1,6 Millionen Euro in die Erneuerung des Abwassersystems investieren. „Auch damit werden wir das Wasser und die Strände nie 100 Prozent sauber bekommen“, sagt der Bürgermeister, „aber wir müssen diesem Anspruch bedeutend näherkommen.“

Es ist das alte Lied vom „100% PURE“-Werbeslogan der Tourismusbehörde, der Urlaubern den Traum vom Naturparadies vorgaukelt. Das Motto entwickelt sich aber zunehmend zum Fluch, weil es sich immer weiter von der Realität entfernt und bei jeder aufgedeckten Umweltsünde als Lüge gegeißelt wird. Selbst die extrem nationalstolzen Neuseeländer glauben nicht mehr daran. 

Das ist kein Wunder, denn während die Oberfläche rein erscheint, zeichnen Studien von NIWA, dem nationalen Forschungsinstitut für Wasser und Erdatmosphäre, und anderer Wissenschaftszentren ein düsteres Bild: Laut NIWA sind 50 Prozent der Tieflandflüsse verschmutzt und 43 Prozent so stark, dass man nicht darin schwimmen kann. 

Hauptursache sind Nitrat, Phosphat und Gülle aus der Landwirtschaft sowie unzureichend geklärte Fäkalien. Die Hälfte der Seen sind voller Blaualgen und invasiver Fischarten. Hauptverursacher ist die Milchwirtschaft.

Veraltete Abwassersysteme verschärfen das Problem

In Städten wie Auckland sind nicht nur Industrieabwässer ein Problem, sondern die veralteten Abwassersysteme, die im Nu die Grenzen ihrer Kapazität erreichen, sobald es heftig regnet. 

Dann laufen die Abwasserrohre über, Regenwasser und Grundwasser mischen sich mit ungeklärtem Abwasser, Tierkot und menschliche Exkremente werden weggespült, und mit ihnen krankheitserregende Viren und Bakterien, und die ganze Brühe fließt direkt ins Meer, wo es tagelang die Stände und das Wasser in Ufernähe verschmutzen kann. 

Das passiert im Stadtzentrum, wo sich mehr als 70 Abflüsse in den Waitemata Harbour ergießen, 25 bis 60 Mal im Jahr. Als der Fernsehsender „Newshub“ dieser Tage die schlechte Nachricht vom Grad der Verunreinigung der Strände Aucklands vermeldete, wurden Interviews mit angeekelten Einheimischen eingespielt, und einer sagte: „Ich möchte nicht zwischen Kotwürsten schwimmen!“

"Es ist schlimmer als befürchtet"

Nick Vigar, der Manager des „Safe Swim Programme“, sagte, mindestens die Hälfte der Abwasserrohre, die am Strand von Takapuna (Foto links) enden, seien überlastet, aber vom Ausmaß der Verschmutzung war er dennoch überrascht“ „Es ist schlimmer als befürchtet.“ Deshalb würden in Takapuna im Schnitt an jedem dritten Tag der Badesaison Warnschilder aufgestellt. An sieben der 84 aufgelisteten Strände wird das Wasser nicht getestet, weil sie als sauber gelten. 

Am anderen Ende der Skala sind zwölf Strände, an denen keine Kontrollen stattfinden, weil sie durchgehend verschmutzt sind – 100% UN-PURE. Dazu gehören die Lagunen an den berühmten schwarzen Westküsten-Stränden Piha, Bethell’s und Titirangi. 

Und doch tauchen die vermeintlichen Traumstrände immer wieder auf Werbebroschüren auf, wie auch jenes klassische Foto vom Takapuna Beach, der als Synonym für Auckland steht: weißer Sandstrand und am Horizont die symmetrisch auslaufenden Flanken der Vulkaninsel Rangitoto. 100 Prozent Illusion.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Piha Beach
(Alle Fotos: Sissi Stein-Abel - Copyright!)

Devonport; im Hintergrund 
Rangitoto Island

Foto links: Devonport Beach und Rangitoto Island


Hatfields Beach, bei Orewa



Weitere Informationen zum Thema Wasserqualität und -verseuchung in meinem Naturbuch "Naturwunder Neuseeland - Traumlandschaften, Tiere und Pflanzen eines bedrohten Paradieses", ab Seite 433: "Die Ware Paradies"
(erhältlich in jeder Buchhandlung und bei Amazon)



Bethell's Beach

Einer der Strände der Eastern Bays, bei Clevedon

Muriwai Beach, einer der berühmten schwarzen Westküstenstrände bei Auckland

Piha Beach

(Alle Fotos: Sissi Stein-Abel - Copyright!)


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