29.11. Lupinenpracht

"Operation Weedbuster" im bunten Blütenparadies
CHRISTCHURCH. Das Hochland von Canterbury und Central Otago ist eine ockerfarbene Büschelgraswüste, im Norden gesäumt von den schneebedeckten Dreitausendern der neuseeländischen Südalpenkette, durchzogen von einsamen zweispurigen Landstraßen. Harsch, abweisend und magisch-anziehend zugleich. Die einzigen Farbkleckse in dieser monochromatischen Traumlandschaft am anderen Ende der Welt sind, vom gerade ausgebrochenen Frühling bis in den Herbst hinein, die türkisfarbenen Gletscherseen entlang der Landstraße vom Burke’s Pass zum Lindis Pass: der Lake Tekapo, Pukaki, Ohau. Bei Windstille sehen sie so spiegelglatt aus wie von einem Aquarellmaler in die Einöde gepinselt. 

Sie werden gespeist von den berühmten Verflochtenen Flüssen Neuseelands; das sind schmale, verwrungene Schmelzwasserkanäle, die sich durch oft mehrere hundert Meter breite Sandebenen ziehen. Wo keine Gletscherseen sie aufhalten, bahnen sich diese „Braided rivers“ auf immer neuen Windungen ihren Weg zur Küste. Die großartigsten Beispiele dafür sind der Waimakariri, Rakaia und Rangitata, die nördlich und südlich von Christchurch ins den Pazifischen Ozean münden. 

Der mineralienreiche Gletscherabrieb (auch: Gletschermilch) tüncht das Wasser in der warmen Jahreszeit türkis. Und mit dem nahenden Sommer kommt noch mehr Farbe ins Spiel: geliebt von fotografierenden Touristen, gehasst von Umweltschützern. Die Blüte der Vielblättrigen Lupine, auch: Staudenlupine (Lupinus polyphyllus), hat gerade begonnen.

Touristen sind entzückt, Naturschützer entsetzt

Während die Besucher beim Blick durch den Sucher oder auf das Display ihrer Kameras vor Entzücken aufjauchzen, bereitet sich die Naturschutzbehörde DOC (Department of Conservation) auf die „Operation Weedbuster“ vor: Sie bekämpft das bunt blühende Unkraut mit Giftspray und Messern; die Lupinen werden vor dem Aussamen geköpft. 

Die Bestände werden jedoch nicht komplett vernichtet, sondern nur reduziert. Das DOC hat sich zu dieser Kompromisslösung durchgerungen, damit die Tourismus-Branche nicht Zeter und Mordio schreit, weil Neuseeland-Reisende im Sommer ein lupinenerfülltes Fotografen-Paradies erwarten.

In den Flussbetten kann das DOC darauf jedoch nur bedingt Rücksicht nehmen, denn hier gilt es, seltene Vögel vor dem Aussterben zu retten. Der Schwarze Stelzenläufer (Himantopus novaezelandiae), der Schiefschnabel (Anarhynchus frontalis) und die Schwarzstirnseeschwalbe (Sterna albostriata) sind die Arten, die am meisten durch den Lupinenbewuchs gefährdet sind. Die Stelzenläufer suchen Futter in den Flussarmen mit niedrigem Wasser, die anderen beiden Spezies nisten und brüten in diesen instabilen Flusslandschaften. 20 weitere Vogelarten profitieren von der Säuberung der Flüsse.

Ein Versteck für Vogelräuber

Die Lupinenbüsche bieten nicht nur Vogelräubern wie Mardern und verwilderten Katzen ein Versteck, sondern verändern den Lauf der Verflochtenen Flüsse dramatisch. Sie wurzeln auf Kies und bilden dichte Pflanzengruppen, da sie ihre Samen rund um die Mutterpflanze abwerfen. Dadurch entstehen Wurzelgeflechte, die einen stabilen Untergrund bilden. 

Der Fluss wiederum erodiert die Kanten und schafft steile Ufer. Auf diese Weise kreiert das Wasser tiefe, schnell fließende Kanäle. Die weiten Ausläufer der Flüsse trocknen aus. Solch eine Umgebung ist für Watvögel auf Futtersuche völlig ungeeignet.

Dichter Lupinenbewuchs gefährdet jedoch nicht nur Tiere, sondern verdrängt auch einheimische Pflanzen wie das gelb blühende Vergissmeinnicht. Dieser Prozess, der unter dem Begriff Biologische Invasion bekannt ist, hat in Neuseeland dramatische Ausmaße angenommen. In Zahlen: Es gibt rund 2.000 einheimische, aber 2.068 eingeschleppte Landpflanzenarten, die sich in der Natur ausgebreitet haben. 16.900 eingeführte Arten wachsen nur dort, wo sie hingehören: in Parks und Gärten. 

Solange die Lupinen am Straßenrand wachsen, stellen sie keine allzu große Gefahr für das empfindliche Ökosystem dar. So sind die Blumen vor der Church of the Good Shepherd am Lake Tekapo und vor dem Panorama des Mt. Cook, Neuseelands höchstem Gipfel, die jedem Foto den besonderen Pfiff verleihen, unproblematisch. Bei den Clay Cliffs bei Omarama wird’s aber schon kritisch, denn hier haben die Schmetterlingsblütler auf den Ahuriri River übergegriffen, ebenso wie an der Bealey-Brücke, dem Tor zum Arthur’s-Pass-Nationalpark weiter im Norden, auf den Waimakariri.

Farbe in der monotonen Tussockgraslandschaft

Begonnen hat der Kult um die Zierpflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler zwischen 1950 und 1960, als eine Farmersfrau namens Connie Scott Millionen aus Großbritannien importierte Samen entlang der damals nur geschotterten Straße vom Burke’s Pass zum Lake Tekapo ausstreute, um die ihrer Meinung nach nackte und monotone Tussockgraslandschaft aufzuhübschen; die Mühen der „Lupin Lady“ sind sogar auf ihrem Grabstein verewigt. 

Im Arthur’s-Pass-Nationalpark breiteten sich die Blumen von den Gärten der Eisenbahnarbeiter aus. Aber die Lupinenstraße schlechthin ist die Strecke, an der Connie Scott ihre Verschönerungsarbeit in Angriff nahm, und weiter nach Süden über den Lindis Pass und durch das Lindis-Tal hinunter nach Queenstown, wo auch die gelbe Buschlupine (Lupinus luteus) stark verbreitet ist.

Hier wie dort streuen manche Einheimische und Touristen Samen aus Autofenstern, um die farbigen Akzente in der uniformen Natur zu erhalten. Dieser menschliche Eingriff in das Lupinenwunder ist besonders gut am und auf dem Weg zum Lake Tekapo zu identifizieren. Die besonders bunten Felder deuten auf ständig neues Saatgut hin, denn mit der Zeit nehmen die in sämtlichen knalligen Farben leuchtenden Hybridzüchtungen wieder das ursprüngliche Lila an.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)


Ausführliche Informationen über die Lupinenproblematik auch in meinem Naturbuch "Naturparadies Neuseeland"
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