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06.03. Ein Mann auf Mission

Henning Harnisch und die Weltkarte des Sports
CHRISTCHURCH. Der Mann ist auf einer Mission. Vor einem Jahr führte sie ihn nach Island und Georgien, jetzt befindet sich Henning Harnisch im Endspurt einer siebeneinhalbwöchigen Reise durch den Sommer Australiens und Neuseelands. Seine Mission: Reden, reden, reden. Das kann er. Druckreif. 

Weit weg, ans andere Ende der Welt, ist er geflogen, um einem Ideal näherzukommen: die Strukturen im deutschen Sport zu ändern, eine neue Sportkultur zu kreieren, Kinder zu lebenslangen Sportbürgern zu machen und, quasi als Nebenwirkung, den einen oder anderen Nationalspieler auszubilden. 

Mit 58 Fragen im Gepäck ist der ehemalige Basketball-Nationalspieler und aktuelle Vizepräsident des Bundesligisten Alba Berlin unterwegs, um herauszufinden, unter welchen Problemen der Nachwuchssport in anderen Ländern leidet und wie sie dort gelöst werden. Denn so überzeugt der 50-jährige Vordenker von seiner Vision auch ist, so offen ist er für neue Ansätze. „Eine Weltkarte des Sports“, sagt er, möchte er mit Alba entwickeln, und fügt grinsend an: „Es ist natürlich auch eine Entschuldigung zum Reisen.“

Der gebürtige Marburger, der mit Bayer Leverkusen und Alba Berlin neun Mal in Folge Deutscher Meister war und 1993 mit dem deutschen Team den Europameister-Titel gewann, hat nicht jedem seiner Gesprächspartner alle 58 Fragen gestellt, die er und Prof. Stefan Chatrath vom Berliner Campus der University of Applied Sciences Europe, Albas Partner-Universität, zusammengetragen haben. Der Arbeitstitel: „Wie kann man ein Land nach seinem Sport befragen?“

29 Experten aus der Welt des Sports hat Harnisch in Australien interviewt, 22 in Neuseeland, die meisten dank Vermittlung durch die Botschaften der beiden Länder. Er hat mit Personen aus allen Bereichen des Sportsystems gesprochen, vom Profi bis zum kleinen Amateur, mit Athleten, Funktionären, Managern, Journalisten, hat Spiele in so fremden Sportarten wie Netball angeschaut, über Rugby, Cricket und das, was die Australier „Footy“ (Australian Rules Football) nennen, diskutiert, das legendäre australische Sportinstitut in Canberra besucht, eine Partnerschaft mit dem Basketball-Klub Canterbury Rams in Christchurch gegründet. 

"Hier gibt es sehr kluge Sportdenker"

Die Erkenntnisse werden zwar erst nach dem Ende der Reise wissenschaftlich ausgewertet, aber einen generellen Eindruck hat er natürlich schon gewonnen. „Hier gibt es sehr kluge Sportdenker“, erzählt er, „und es ist interessant zu sehen, wie schonungslos sie sich selbst reflektieren. Ob sie alles umsetzen, weiß ich natürlich nicht. Aber es ist eindeutig, dass der Mädchensport eine wichtigere Rolle spielt als in Deutschland. Und man merkt hier, dass die Leute darüber nachdenken, dass man als Gesellschaft Gelder sparen kann, wenn man benachteiligte Kinder in den Sport bringt. Insgesamt sind der Sport und die Probleme sehr ähnlich wie bei uns, aber die Vorgehensweise ist lösungsorientierter. Gute Trainer sind dabei immer der Kern.“

Der Einsatz von Profis ist auch der Ansatz von Harnischs einzigartigem Sportmodell „Alba macht Schule“, das er in Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten (Kitas) und Schulen in Berlin entwickelt hat. Weg von unübersichtlichen Großstrukturen, fachfremden Sportlehrern und den immer gleichen Wettbewerben; hin zu überschaubaren Orten der Arbeit, „einen Kiez, eine Nachbarschaft, nie größer als eine Region“, der Verzahnung von Verein und Schule, unterrichtsbegleitendem facettenreichem Training mit Fachleuten, aufregenden neuen Sportligen, und das Ganze vor der Haustür, wo die Schulstunden am Nachmittag nahtlos ins Vereinstraining oder eine Sport-AG übergehen, ohne dass Eltern zum Fahrdienst gerufen werden müssen. 

Paradiesische Zustände in Island

Solche paradiesischen Zustände hat der ob seiner spektakulären Dunkings auch „Flying Henning“ genannte Ex-Profi in Island vorgefunden, und sie erklären die sportlichen Erfolge dieser kleinen Nation mit nicht einmal 350.000 Einwohnern. „Das war einfach nur magisch“, schwärmt er. „Dort fing der Staat vor 15 Jahren an, in den Sport zu investieren. Die Leute arbeiten den halben Tag in normalen Jobs und am Nachmittag arbeiten sie im Sport als Profitrainer für die Kinder, ausgestattet mit den höchsten Lizenzen.“ 

In Australien (Melbourne, Canberra, Sydney) und Neuseeland (Auckland, Wellington, Nelson, Christchurch, Dunedin) ist ihm aufgefallen, „dass der Sport hier sehr wichtig ist – die Leute wissen viel über Sport, nicht bloß Kneipengeschwätz“. Erstaunt war der 2,02-Meter-Mann darüber, „dass es in Australien – vielleicht wegen des Klimas – in Grundschulen oft keine Sporthallen gibt und keine ausgebildeten Sportlehrer“. 

In Neuseeland war er „überrascht, wie wenig Rad gefahren wird und dass die Fettleibigkeit so verbreitet ist“. Sprich: auch am anderen Ende der Welt ist noch viel zu tun, um Menschen ein Leben lang im Sport zu halten und in gesunde, glückliche Sportbürger zu verwandeln. Aber ohne das Engagement von wissbegierigen und offenen Menschen wie dem total entspannten und in sich ruhenden Harnisch, der die Analysen und Ideen der Experten in den unterschiedlichen Sportkulturen aufsaugt und als bereichernd empfindet, bliebe die Vision ein Traum.

(Copyright: Sissi Stein-Abel)

Sissi Stein-Abel im Gespräch mit Henning Harnisch.
Foto (Copyright): NT







Foto links:
Henning Harnisch auf dem Cave Rock in Sumner.
Copyright: Sissi Stein-Abel
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